Apothekerin dreht am Oszillator
Text: Bastian Thüne aus De:Bug 127


Kommissar Zufall entdeckt alles. Zum Glück. Denn in Gestalt Jan Jelineks fiel ihm die Musik der 1994 verstorbenen Ursula Bogner in die Hände. Für Jelinek kam dieser Zufall genau richtig. Bekam er doch mit Bogners Bändern den nötigen Motivations-Kick, um seine Idee vom eigenen Label in die Tat umzusetzen. Dabei legt “Recordings 1969-1988” die Messlatte für weitere Releases auf Jelineks Label “Faitiche” richtig hoch.

Beeinflusst durch die Aktivitäten des Kölner “Studios für elektronische Musik”, bei dessen Gründer Herbert Eimert Bogner Seminare besuchte, Musique Concrète und englischen Wavepop, strickt sich die 1946 geborene eine ganz eigene Klangwelt. Und die klingt außergewöhnlich skizzenartig. Oszillatoren schwirren durch den Raum. Melodien werden angedeutet, sind mehr abstrakt als wirklich plakativ und schlummern meist im Hintergrund.

Im Vordergrund entwickeln sich Klänge, die sich anhören wie frischer Wein während des Gärprozesses oder ploppende Sinustöne in einer Tropfsteinhöhle. Manchmal scheppert es leicht metallisch und erinnert an eine unterirdische Fabrik. Bei alledem bleibt immer auch das Gefühl von Freiheit und Weite in einer heimeligen Atmosphäre, die in einer Raumschiff-Orion-Ästhetik verhaftet bleibt. Die Titel “Proto”, “2 Ton” und “Punkte” sind NDW, die im Vergleich zu Pyrolators Inland-LP weniger Horrorshow, Verzerrungen und Rauschen besitzen. Diese Nähe zur NDW überrascht wenig.

Viele der Stücke entstanden im selben Zeitraum und Bogners Instrumente gehörten zum Repertoire vieler NDW-Künstler. Ob es neben dem Roland SH-2000, der Preset-Synth mit wenigen Eingriffsmöglichkeiten ist, einer Hohner Rhythmusmaschine (Rhythm 80) und Korgs halbmodularer Synth-Klassiker MS20 mehr waren, wissen wir nicht. Das Studio wurde aufgelöst und außer den Beschriftungen auf den 1/4-Zoll-Bändern, bzw. Kassetten gibt es keine weiteren Infomationen. Das ist nicht schlimm, spricht doch die Musik für sich selbst und den Rest kann man sich ausmalen.

Ihre biographischen Eckdaten lassen der Fantasie freien Lauf: ein Studium der Pharmazie in Berlin mit anschließender Karriere bei einem Pharmakonzern, Ehefrau und Mutter von zwei Kindern mit Einfamilienhaus, Hobby-Musikerin ohne Ambitionen ihre Stücke zu veröffentlichen, Künstlerin (das Album-Cover zeigt einen ihrer Linol-Drucke) und mit einer großen Affinität zum Esoterischen ausgestattet, die so gar nicht zu ihrer Musik und Arbeit zu passen scheint. Als Anhängerin der Orgonomie Wilhelm Reichs baute sie sich einen Orgonakkumulator, mit dem sie Orgonenergie (eine spezifische Energie der Sonne) einzusammeln versuchte.

Vielleicht war ihr Leben ein witziges Chaos in einer bürgerlichen Hülle. Morgens Wissenschaftsarbeit, die durch Esoterik am Abend ausgeglichen wurde? Nachdem die Kinder im Bett waren, noch ein wenig Oszillator-Tuning statt Tagesschau? Erfahren werden wir es nie. Aber es macht ja auch viel mehr Spaß, sich kleine Szenen aus Ursulas Leben auszudenken, während man in ihr Klanguniversum eintaucht.

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Elektronische Lebensaspekte.