Utopie ist in aller Munde, vor allem im Bereich der bildenden Kunst. Dieses Frühjahr riefen mit der Transmediale.04 und der Utopia Station im Münchner Haus der Kunst gleich zwei Kunstevents auf, die Zukunft zu bearbeiten. Die Themen bildende Kunst und Medienkunst scheinen also auf gleicher Höhe angekommen. Und letztere kann sich - wie die Transmediale beweist - endlich um die zukunftsgerichtete Gegenwart kümmern. Das wird ja auch Zeit.
Text: Arne Linde aus De:Bug 80

EINMAL UTOPIA HIN UND ZURÜCK/
Medienkunst auf der Reise zu neuen Ufern

Es ist noch nicht lange her, da haben Wissenschaftler, Web-Nerds und euphorisierte ComputerbesitzerInnen auf der ganzen Welt von der digitalen Revolution fabuliert. Die Welt werde besser, gleicher, brüderlicher (versicherte uns zum Beispiel Nicholas Negroponte), sofern es nur gelänge, jedem Menschen einen Internetanschluss zu besorgen. Das Web als gigantischer Wissensspeicher, die Gehirne borgmäßig verkabelt, Mobilität des Denkens und Auflösung von hierarchischen Strukturen überall. Dass sich die Digital Frontier nicht bis über beide Polkappen hinweg ausgebreitet hat und trotz einem als Worldwide definiertem Web die Zugangsbedingungen keineswegs so gleich und brüderlich sind, wie ausgelobt, hat sich längst herausgestellt.

Zurückgeguckt
Während von IT-Lobby und der inzwischen global versprengten kalifornischen Hippiegemeinde gleichermaßen am Mythos der digitalen Utopia gestrickt wurde – man schrieb die 1990er – erlebte die neu erfundene Medienkunst ihre besten Jahre. Und beschäftigte sich eine ganze Weile vor allem mit sich selbst: Reichweiten, Netzwerke, die Pixelwelt als ästhetische Richtlinie, dezentrale Verortung und Tendenzen der Raumauflösung bzw. Neucodierung von Raum im “Cyberspace”. Von dem, was in der analogen Wirklichkeit so vor sich ging, wollte niemand etwas wissen, das digitale Neuland musste schließlich bestellt werden. Nur als Nebenprodukt des eigenen Wirkens zwangen zum Beispiel die net.art-worker von etoy im Jahr 2000 den mächtigen amerikanischen Großkonzern eToy in die Knie, als dieser versuchte, die ähnlich lautende Internetadresse verbieten zu lassen: Das wirksame Massenmailing im Dienste der Kunst schlug die Brücke zurück zur real-politischen Dimension der Netzkunst.
Utopia im Internet findet im künstlerischen Sinne inzwischen kaum mehr statt. Und so fragmentiert und dezentral, wie die Welt heute ist, scheint auch die Postmoderne mit allen Schikanen realisiert – musikalisch begleitet von experimentellen elektronischen Klängen. Digitalität ist zu einem legitimen Teil der Lebenswirklichkeit geworden, 3D-Faxe, immer optimalere Speichermedien und Übertragungsfrequenzen und der intelligente Kühlschrank für alle sind nur noch eine Frage der Zeit. Postutopisches Zeitalter? Keine Notwendigkeiten mehr für medienkünstlerische Visionen? Nix da.

Zurück zur Utopie
FLY UTOPIA! lautete der Titel der diesjährigen Transmediale in Berlin, dem Festival für internationale Medienkunst. Und parallel haben sich die NASA und ihre Schwestern in Old Europe und anderswo das gleiche Programm gegeben, wenn auch anders formuliert: Enter Mars, heißt hier die Devise. Die Aspekte sind jeweils die gleichen. Da, wo die Wirklichkeit verbesserungswürdig scheint oder zu eng wird, wachsen der Phantasie die Flügel, die uns in neue Welten tragen sollen. Die Utopie als Fluchtpunkt des kollektiven Hoffen und Sehnens ist da lokalisiert, wo wir das ”Vorne” oder ”Morgen” witterten.
So programmatisch, wie die transmediale.04 das utopische Potential der Kunst einfordert und präsentiert, könnte man natürlich erstmal skeptisch werden. Denn: War es nicht schon immer die Kunst, die zwar auch viel anderes, aber eben auch die Utopien entwickelt hat, und zwar ohne dass man sie dazu auffordern musste? Begonnen mit Thomas Morus Roman ”Utopia” über Huxleys Anti-Utopie ”Brave New World” bis hin zu ”All you need is Love”, dem Star Trek Imperium und den ”Unbuilt Cities”, die der Bonner Kunstverein bis Mitte Februar 04 als Tableau stadtplanerischer Visionen gezeigt hat.
Die Projektreihe UTOPIA STATION, die im kommenden Herbst im Münchner Haus der Kunst ihre finale Präsentation erfahren wird, schlägt in eine ähnliche Richtung wie FLY UTOPIA. Statt bloß Kunstwerke zu kuratieren, werden quasi Utopien in Auftrag gegeben. Zum ersten Werkteil, dem ”Poster Project”, ausgestellt auf der Biennale im Juni 2003 in Venedig, waren KünstlerInnen aus aller Welt aufgefordert, Plakate zum Thema zu gestalten. Rem Koolhaas, Matthew Barney, Douglas Gordon, Anri Sala, Ecke Bonk und Fischli / Weiss sowie 150 weitere KünstlerInnen hielten sich ans Format und lieferten Material. Unter http://www.e-flux.com/projects/utopia/index.html sind die Ergebnisse einzusehen. Für die Herbstausstellung 2004 gibt es immerhin keine Beschränkungen der Präsentationsform, auch Malerei, Installation und Medienkunst werden vertreten sein.

”there is /no/ hope”
Inwiefern das vorausgreifende Labeling von Kunst als Bausatz für Utopien die elementare Freiheit von Kunst unterminiert und warum so viele KünstlerInnen sich darauf einlassen, sei an dieser Stelle nur mal nebenbei in Frage gestellt. Tatsache ist jedoch, dass sich die Medienkunst – wie auf der Transmediale 04 zu erkennen – immer stärker entfernt von reflexiven Selbsterkenntnisprozessen und dem bloßen Spiel mit der Digitalität. Bis zur utopischen Qualität schafft sie es dabei nur in Ansätzen. Aber das will sie ja offenbar eigentlich auch gar nicht. Denn die Transmediale hatte vorgesorgt. Während eine Utopie per Definition als Un-Ort in der existierenden Welt nicht verwirklicht ist und nicht verwirklicht werden kann, koppelte die Unterzeile zu FLY UTOPIA das Projekt dicht an den uns allen gut bekannten Planeten Erde: ”there is /no/ hope” – bei aller Un-ver-ort-barkeit wurde am Ende doch über die Wirklichkeit geredet. Und Peter Weibel, Leiter des ZKM in Karlsruhe, betonte in seiner Rede zur Eröffnung der transmediale denn auch vorsorglich, dass es sich bei dem Festival eigentlich eher um das Szenario einer Heterotopie handele – nach Foucault also einen ”Außenraum im Innenraum”, eben einen, der doch existiert.

Was exisitert?
Die Medienkunst der transmediale.04, so scheint es, hat in zweierlei Weise zu den klassischen Koordinaten der Kunst zurückgefunden. In der Ausstellung war Film und Video das beherrschende Medium, ähnlich wie auf der letzten Documenta. Daneben gab es Installationen und screen-basierte Präsentationen – die Ausstellung funktionierte als solche, die BesucherInnen konnten sich als Betrachtende hindurch bewegen, ohne allzu oft oder intensiv in interaktive Prozesse verwickelt zu werden.
Besonders auffällig war aber, wie gesagt, dass sich die inhaltlichen Schwerpunkte verlagert hatten. In das Arbeitsfeld der medienkünstlerischen Utopie-Werkstatt hinein definiert wurde zum Beispiel der menschliche Körper. Als machtpolitischer Kampfplatz, als Ressource, die optimierbar ist im Sinne der (kapitalistischen) Verwertungslogik des mobilen, arbeitsergonomisch geformten Menschen, im Sinne von Wellness und von Gesundheit und einem langen Leben. ”Bioland” und ”Your Kidney Supermarket” (www.xeno-bio-lab.com) sezierten die Selbstbedienungs- und Allmachtsattitüde, mit der die reiche westliche Welt ihren Einflussbereich über die körperlichen Verfallsprozesse hinaus und zum Teil auf Kosten der dritten Welt auszudehnen versucht.
Religiöse Sehnsüchte und Spannungen im Zeitalter von Migration und De-Territorialisierung (www.plug-pray.org) wurden ebenso thematisiert wie der Krieg und seine Maschinen – die automatisierte Zielerfassung durch ein künstliches Auge (”Auge / Maschine II”, Harun Farocki), die Videospiel-Ästhetik der Displays von Piloten im NATO-Jugoslawien-Krieg (www.kuda.org) und audiovisuelles Lehrmaterial für Kriegseinsätze, globale Propaganda, aber auch Pharma- und Genindustrie, gesampelt von OVNI unter http://www.desorg.org.

Vorwärts
Medienkunst spielt nicht mehr nur an sich selber rum. Eine pure Definition über die medialen Arbeitsmittel reicht inzwischen einfach nicht mehr aus. Doch statt sich in die tiefen Fluten des WWW zu stürzen oder sich den Stecker zu ziehen, hat sie es offenbar geschafft, neue Aufgabenbereiche zu erschließen. Und die liegen zwischen humanen Körpern, realen sozialen und machtpolitischen Brennpunkten und wirtschaftlichen Globalisierungsphänomenen – und eben nicht mehr ausschließlich in der Digitalität. Dass dabei Utopia als Zielfahne aufgesteckt wird, bestätigt diese Öffnung des Horizontes eigentlich nur zusätzlich. Die Wirklichkeit ist verbesserungswürdig – und zwar erheblich. Und nur, wo das der Fall ist, werden Utopien entworfen – positive oder negative. Schaffen wir also Utopien, um von ihnen aus die Welt besser zu machen. Und gerechter. Und schöner und all das. Das soll die Kunst können. Und weil wir die Medienkunst so mögen, am liebsten sie.

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Elektronische Lebensaspekte.