Text: Pinky Rose aus De:Bug 20

Von Vaterrollen in elektronischen Lebensaspekten Pinky Rose p_rose@vnet.de So einige von den gerade auch nettesten Elektronikproduzenten, Musikjournalisten, DJs oder Buchautoren sind in letzter Zeit Vater geworden. Mir fallen spontan außer Jochen Bonz (“Meinecke, Meyer, Musik erzählt”), Jörg Follert (Wunder, Karaoke Kalk) und Thorsten Lütz (Strobocop, Karaoke Kalk) ein, mit denen ich vor kurzem telefonierte. Und Hans Nieswandt. Jörg Burger (Modernist, Bionaut) auch. Und noch Olaf Bender von Rastermusic. Natürlich Andi von Mouse On Mars. Was einem bei diesem neuen Vatersein auffällt, ist nicht der biologische (und altersmäßig naheliegende) Tatbestand, sondern die Art, wie sich einige dieser Väter aus der Musikwelt selbst darstellen – als hätte die Artikulation des Vaterseins eine Genese durchgemacht: von gar nicht, über gelegentlich andeutend, bis neuerdings auch mal laut. Am lautesten war vor acht Wochen Jochen Bonz, als er, von der Geburt seines zweiten Kindes überrascht, einen geplanten Artikel über Techno und Cultural Studies kurzerhand in eine sozialromantische Alltagsbeichte umfunktionierte. Als Flaneur wie er im Buche steht (vor allem in seinem eigenen “Meinecke Mayer Musik erzählt”) versucht er sich mit Charme daran, Grenzen und Bedeutungen hin- und herzuverschieben, ähnlich wie es Thomas Meinecke in seinem Roman “Tomboy” auf stärkerem theoretischen Fundament macht. Und auf diesem Rollenmodell des Flaneurs läßt sich offenbar auch ein neues Vaterbild aufbauen. Dazu muß man bedenken, daß der Flaneur als solcher es schon immer einfach hatte, von einem Lebensbereich in den anderen zu wechseln. Indem er vorgibt, gar nicht am Bedeutungszuwachs und Identitätsgewinn durch die Teilnahme an differenten sozialen Praktiken interessiert zu sein, sondern seinen Aufenthalt an verschiedenen Orten von vornherein als von zeitlich unbestimmter aber auf jeden Fall vorübergehender Dauer definiert, akkumulieren sich die positiv aufgeladenen Teilchen seines Images quasi en passent und wie von selbst. Wenn sich Männer direkt in ihrem Arbeitszusammenhang als Väter zeigen, wie Jochen Bonz in seinem Artikel, dann flanieren sie zwischen den Grenzen. Tradition & Theorie Das hört sich zunächst im Zusammenhang mit Vaterschaft widersprüchlich an, denn schließlich ist Vatersein genauso endgültig und unwiderruflich wie Muttersein, doch es geht hier weniger um das handelnde Subjekt, als um die gesellschaftliche Bewertung seines Handelns – und da tun sich plötzlich Abgründe auf: Für einen Mann mit Kind auf dem Arm kommen immer noch ein paar Pluspunkte hinzu, ein Hippness-Faktor, der für eine Frau in der selben Situation so nicht gilt – darauf deuten schon entsprechende Bilder in der Werbung. Während die öffentliche Wahrnehmung der jungen elektronikmusikbegeisterten Väter ein Blick von Männern auf Männer ist, also gendertypisch eine Selbstwahrnehmung darstellt, ist mir das Bild einer ähnlich orientierten Mutter zum allerersten und bisher einzigen Mal in Thomas Meineckes Buch “Tomboy” begegnet. Allerdings nur als Randfigur, in Gestalt einer schwangeren musikhörenden Feministin, deren Coolness im Umgang mit differenten Szenekontexten sich dann arg in dubiosen Lebensumständen verflüchtigt – beschrieben aus der wie auch immer feminisierten Sicht eines Mannes (und übrigens auch Vaters). Sieht ganz so aus, als würde es mit dem hippen Muttersein noch nicht so richtig klappen – werden dann alsweilen Männer zu den hipperen Müttern? Vor dem Hintergrund ihres traditionell auf Erweiterung angelegten Identitätsbildes können sie sich das Vatersein vergleichsweise lustvoll aneignen, aber umgekehrt ist die Beschränktheit des Mutterrollenbildes keineswegs mit derselben Lockerheit zu überwinden. Ja, es scheint gerade so, als würde hier eine feministische Theorie von flexiblen Geschlechteridentitäten und Rollenmodellen einfach für Männer viel besser funktionieren. Wer möchte etwas gegen liebevoll ihr Baby versorgende, tolle Elektroniksounds produzierende und/oder auch noch darüber philosophierende Jungs haben? Sollte ich als Mutter, Journalistin, Musikfan sie nicht vielmehr als “Schwestern im Geiste” an meiner Seite begrüßen – da es ja ohnehin in meinem Umfeld an “biologischen” Schwestern, sprich Müttern mit den obengenannten Eigenschaften bzw. Interessenkombinationen, komplett mangelt? Tradition & Praxis Hier genau liegt eine latente Gefahr, daß nämlich, wenn schon Männer mit “feministischen Praktiken” als soziale Mutter agieren, die Schlußfolgerung naheliegen könnte, der Feminismus sei jetzt endlich was, an das nicht mehr andauernd erinnert werden müßte. Aber vielleicht hat der offensichtliche Prestigegewinn der Väter speziell aus der Musikwelt dann doch weniger unmittelbar mit feministischen Theorien zu tun, als mit ihrem Verständnis vom Künstlersein. Ihnen leistet Vorschub, daß die hedonistische Praxis des musikbegeisterten Flaneurs seit jeher eine männlich konnotierte ist. Nachdem es so schien, als hätte Techno daran zumindest äußerlich was geändert, zeigte sich, daß das Wissen darüber größtenteils bei den Jungs verblieben war. Und daß wiederum sie es waren, die das Machtmonopol der Maschinen in der Arbeitswelt brachen, indem sie anfingen, auf ihren Heimcomputern Musik zu machen (und drüber zu reden!) und damit haufenweise Splitter dieser Macht klammheimlich auf ihr Konto schaufelten. Arbeit und Freizeit im männlichen Entwurf des Künstlers zusamenzubringen hat durchaus Tradition – heute ist es umso leichter, den Mythos Kunst durch den Mythos Alltag zu ersetzen – in dem dann plötzlich auch ein neues, mit den Rollen Musiker und/oder Autor kompatibles Vatersein problemlos seinen Platz findet. Alltag zwischen Sound und Bedeutung In Thomas Meineckes Buch werden ursprünglich als Gegenwelten definierte (und erlebte) Bereiche unter dem Einfluss variierender Geschlechterverhältnisse als durchlässige Zonen imaginiert, deren Offensein oder Abgegrenztsein davon abhängt, wer, wie und mit welcher Motivation die Szene betritt. Als Visionen sind Meineckes Figuren und ihre wechselnden Geschlechteridentitäten brauchbar, gelegentlich sogar anregend und signalwirksam – und als solche dürfen sie auch gerne von einem Mann initiiert sein. Aber wie kommt es, daß in der sozialen Praxis die Besetzung solcher neuen flexiblen Identitäten wieder nur durch eine Seite erfolgt? Der sogenannte Alltag zwischen Musik, Mode, Cultural Studies und Kindern scheint bisher nur theoretisch – und selbst hier eher selten – allen Geschlechtern zu gehören, und solange nicht mehr Frauen von denselben Orten aus sprechend wie Jochen Bonz oder Thomas Meinecke ähnliche Bekenntnisse formulieren, solange gibt es keinen Grund, sich mit dem feministischen Umsetzten von Seiten der Jungs zufrieden zu geben. Ist der Ruf des Söhnchens nach Kakao – in malerische Samplesounds und elektronische Melodien getaucht (für mich das schönste Stück auf Jörg Follerts durch und durch wunderbarer CD Wunder !) – wirklich ein gelungener Transfer von Alltagswahrnehmungen in veränderte ästhetische Bedingungen, oder nicht doch auch ein bißchen the drifters escape auf modernistisch; der männliche Fluchtinstinkt – gewendet in die postfeministische Erkenntnis ‘Abhauen kann ich nicht, also mach ich ein hübsches (elektronisches) Lied draus!’ Doppelt cool – als kreativer Vater und als Flaneur zwischen Sound und Bedeutung. Demnächst auch andersrum? ZITAT: Da tun sich plötzlich Abgründe auf: Für einen Mann mit Kind auf dem Arm kommt ein Hippness-Faktor hinzu, der für eine Frau in der selben Situation so nicht gilt. Es scheint so, als würde eine feministische Theorie von flexiblen Geschlechteridentitäten einfach für Männer besser funktionieren.

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Elektronische Lebensaspekte.