Beim Berliner Label ist weniger mehr
Text: Constantin Köhncke aus De:Bug 116

Seit drei Jahren setzt das Berliner Label Vakant auf Beschränkung: lieber weniger Künstler, lieber weniger Promo-Verschickungen, lieber weniger Minimal. Damit trifft es auf unbeschränktes Interesse.

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Ein mysteriöses Gefühl umfasst einen. Ein Foto flickert blass, Sonnenstrahlen fallen schamhaft und staubig auf die sich dort abspielende Szene der Glückseligkeit. Zwei Menschen sitzen im hohen Gras auf einer Lichtung im Wald, fallen sich möglicherweise in die Arme, bewegen sich vielleicht. Der Moment der Freude wirkt hier weit entfernt und gleichzeitig unglaublich präsent. Wie aus einem Traum im tiefsten REM-Schlaf spült sich die Erinnerung an eine schwüle Sommernacht wieder an die Küste des Bewusstseins. So eröffnet sich in den Weiten des Internets die Seite des Techno-Labels Vakant.
Es scheint, als würde bei Vakant viel wie im Traum passieren. Bewusst unbewusst. Und doch gewusst wie.

Kleine Techno-Kommune

Da wäre die grafische Umsetzung des Labels, da wäre der Internet-Auftritt, da wären die Künstler und ihre Musik. Alles wirkt aus einem Guss wie fast bei keinem anderen Label dieser Größe. Vielleicht hat es damit zu tun, dass sich Vakant als Familie versteht, als Zusammenschluss von Musikliebhabern und Freunden, die sich und ihre Musik gegenseitig fördern wollen. Das Traditions-Konzept der Techno-Family. Vakant setzt auf seine Artists und davon gibt es momentan genau vier und nicht mehr. Alex Smoke, Matthias Kaden, Onur Özer und Tolga Fidan. Alle releasen fast ausschließlich bei Vakant und sind mehr als nur Artists, die nach rigiden Deadlines Tracks einreichen und Promo-Termine wahrnehmen.

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Jeder entscheidet mit, ob ein eingeschicktes Demo zu einem Release wird, es besteht ein reger Austausch über Struktur und Ausrichtung des Labels. Dass so etwas nicht einfach so entsteht und man eine solche Atmosphäre, die sich auch in der Außenwahrnehmung des Labels als solche versteht, nicht konzipiert und planerisch entwickelt, ist klar. So etwas wächst. Die Grundhaltung aber, Künstler zu binden und zu entwickeln anstatt sich Remixe einzukaufen und dem Hype hinterher zu rennen, muss von Anfang an da sein.

Freude am Labeln

Alex Knoblauch, der zusammen mit seinem Kumpel Spenza das Label 2004 ins Leben ruft, hat zu diesem Zeitpunkt schon Hochphase und Konsolidierung der Majorindustrie am eigenen Leib miterlebt und weiß genau: “Wenn ich mal ein Label mache, dann ganz anders. Spenza hatte die Idee für die Grafik und ich mit Alex Smoke unseren ersten Artist und das erste Stück. Ich sollte für ihn ein Label in Berlin suchen, aber niemand wollte sein Demo. Dann haben wir gedacht, lass uns das doch auf unserem Label rausbringen.“ Der Rest ist Techno-Geschichte. Die erste Vakant-Platte verkauft 5000 Kopien. Ein Freund der Labelmacher, Robag Whrume, ist begeistert vom ersten Release und wird mit der zweiten Vakant-Platte Teil der eingeschworenen Gemeinschaft, die ein Hauch des Mystischen und Unentdeckten umgibt.

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Diese Atmosphäre ist Teil der Label-Identität und drückt sich auch im Strategischen aus: “Wir schicken nicht von vorneherein hunderte Platten raus an jeden, der auflegen kann, und an jedes Magazin. Ich glaube, dass man sich ziemlich uninteressant macht, wenn man den Leuten die Musik einfach so vorwirft. Wenn Leute die Chance und das Gefühl haben, das Label für sich selber zu entdecken, ist der Reiz größer, die Musik auch zu mögen und zu verfolgen. Man muss mit Musik spärlich umgehen.“

Berlin und doch eher die Welt

Diese Musik lässt sich nicht im Rahmen der neuen Berliner Minimal-Schule kategorisieren. Vorab, Berlin ist nicht der Ort des musikalischen Schöpfungsprozesses. Onur Özer und Tolga Fidan, beides Entdeckungen des Labels, klingen nicht nur wie Künstler aus einer anderen Welt, sie bewegen sich auch in anderen Sphären. Onur lebt in Istanbul, Tolga in Paris, Matthias Kaden weilt zwischen DJ-Gigs in Gera, Alex Smoke bleibt Glasgow treu. Trotzdem spielt Berlin eine Rolle im Zusammenhalt dieser familienähnlichen Struktur. “Berlin ist die Anlaufstelle für alle Künstler. Wenn sie auf der Durchreise sind oder in Berlin auflegen, wohnen sie bei mir. Onur hat sich letztens eine 808 bei eBay bestellt. Die wird dann hierher gebracht und er holt sich das beim nächsten Berlin-Besuch ab.“

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Berlin ist wie das elterliche Haus, die Familienmitglieder kommen oft und gerne vorbei, sind aber auch in ihren eigenenen Welten verortet. Daher bestimmt auch der Ausbruch aus dem Berliner Gerüst der endlosen Afterhour und der musikalischen Selbstumkreisung auf eine Art den Sound von Vakant. Jeder Künstler kommt aus seiner eigenen Szene, einer Kultur, die in seinem Sound spürbar ist. Onur Özer benutzt viele Pianos und Hörner, Tolga Fidan bedient sich der Gitarre, Matthias Kaden spielt gerne Percussions selber ein, Alex Smoke verwendet Strings und Vocals. “Jeder bedient eine Ecke an richtiger Musik,“ sagt Alex Knoblauch. Die Musik klingt dadurch wärmer, eigenartiger, sonderbarer und überraschender. Fernab vom Klicker-Klacker-Minimal-Sound der Stunde ist der Vakant-Sound musikalischer und düsterer. Individuell durch seine Artists, aber zusammengehalten durch die Familie.

Ideale Konstellation

Eigentlich. Aber auf Dauer reichen vier Künstler nicht, um weiterhin das Interesse an einem Label zu halten. Das sieht auch Alex so: “Wir sind jetzt an dem Punkt, wo wir daran arbeiten müssen, unsere Fans zu behalten. Wir sind nicht mehr so frisch. Wir wollen nicht zu einem dieser Labels werden, über die es heißt: Die ersten Platten waren total toll, aber jetzt werdet ihr langweilig. Deshalb ist der nächste Schritt zu zeigen, dass wir auch mehr können als nur den Anfangshype auszunutzen.“ Wie das geschieht? “Wir wollen jetzt jedes Jahr ein Artist-Album rausbringen.“ Den Anfang macht Onur mit seinem Album “Kashmir“. Dazu soll nächstes Jahr eine Compilation erscheinen, auf der sich Vakant-Künstler anderen Formen der Musik widmen sollen und dürfen. Ambient, Elektronika, Ruhiges und Experimentelles.

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Trotzdem: Ganz ohne das Aufbrechen des selbst gesteckten Künstlerrahmens geht es nicht. Auf Vakant R (dem Sublabel für Remixe) sollen Remixe von “fremden“ Künstlern herauskommen. Ganz fremd sollen sie sich aber auch nicht sein. 2000 and One und Daniel Stefanik sind angekündigt, beides Freunde von Vakant-Artists. Ganz oben steht die persönliche Ebene. Das Vertrauen muss stimmen. “Ich würde nie jemanden releasen, der zwar tolle Musik macht, aber mit dem wir persönlich keine Beziehung haben.“ In letzterer Zeit gab es da noch keinen, der beide Voraussetzungen erfüllte. Aber man ist lieber geduldig und wartet ab.
http://www.vakant.net

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Elektronische Lebensaspekte.