Langsam zeichnen sich Konturen ab. Die beiden Macher des Londoner Labels "Various" treten aus der Anonymität, lachen sich über den gigantischen "Various"-Hype kaputt und lassen Dubstep an Folk wachen und umgekehrt. Die musikalische Zukunft hat ein Gesicht: ein blasses Mädchen auf einem Pferderücken.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 106

Pin-Up des Monats

Das ungelöste Rätsel
Various

“Oh, wir machen direkt weiter, es ist schon jede Menge fertig”, sagt Adam Philips von Various. Damit ist ein Interview beendet, das die Basis bilden soll für die erste Doppelseite der Debug, der Stelle im Heft, wo Monat für Monat der heiße Scheiß, die Geilheit zum Anfassen, die Speed-Spritze im Hintern präsentiert wird. Es ist ein guter letzter Satz für ein Interview, für ein Gespräch mit zwei gebürtigen Londonern, die in den letzten zwei Jahren mit beeindruckend gnadenloser Konsequenz Englands Musikindustrie einen Hype verpasst haben, auf den A&Rs nur mit Scheckbüchern antworten konnten. Zu verworren und unkonkret waren die Koordinaten. Ein Label namens Various, ein Projekt namens Various. Krude Musik (Dubstep meets Folk meets HipHop meets wasauchimmer), mit krudem Artwork (Frauen auf Pferden in Bleichstiftzeichnungen) auf einem kruden Format (7″). Kleine Auflagen, von Vertrieben nur selten gelistet und doch so gut verteilt, dass es für Spekulationen reichte. Keine Bilder, keine Namen. Verschleierung, Anonymität … die besten Voraussetzungen für einen wohl dosierten Hype, Vorbereitung für den großen Schlag. Den gibt es jetzt in Form von “The World Is Gone”, dem ersten Album, erschienen auf XL. Der Scheck muss gedeckt gewesen sein. Schritt für Schritt lichtet sich der Nebel. Keine Bilder, nein, aber immerhin Namen und eine Telefonnummer, zwei enthusiastische Stimmen, Adam Philips und Ian Carter, die viel reden, aber doch wenig preisgeben, hektisch und euphorisch über die Zukunft reden und sich dabei geschickt um die Details drücken, die so ein Text braucht. Aufgewachsen in London, immer mit Musik konfrontiert, Instrumente gelernt, als Session-Musiker gearbeitet und nachts in die Clubs. Dann irgendwann der erste eigene Track, den man in die Welt entlassen konnte. Single gepresst, der Rest ist Geschichte. “Für Engländer ist das nicht begreiflich”, sagt Ian. “Dass man einfach Musik machen will und der Rest einen nicht interessiert. Das Drumherum ist doch auch nicht wichtig. Das hat man im Techno immer wieder gesagt und dann waren die Leute auf den Titelseiten. Das heißt ja aber nicht, dass wir es nicht immer noch so sehen können.” “XL wusste, was auf sie zukommt”, ergänzt Adam, “die grämen sich viel, wenn sie mit uns zu tun haben.” Man hört deutlich, dass sich die beide ein Lachen nicht verkneifen können. “Das Album ist ein Experiment. Wir dachten, wenn wir schon zu einer großen Firma gehen, dann zu einer richtig großen. Also tschüß Domino, vergiss es, Warp, wir wollten diesen Wahnsinn auf die Spitze treiben. Und wir hätten bei allen unterschreiben können. Oh, wir machen direkt weiter, es ist schon jede Menge fertig.” Wieder sind wir am Ende des Interviews. Und der letzte Satz ist deswegen ein guter letzter Satz, weil er bedeutet, dass das eigene Label nicht verschwinden und auch weiterhin Verwirrung stiften wird. XL wird das nicht gefallen, aber das soll nicht unser Problem sein.

Vergesst (nicht) London
“Hier ist immer alles ein bisschen anders”, sagt Adam mittendrin und er ist fast nachdenklich dabei. Alle kämen her, um ihren Schnitt zu machen, auf diesem maroden, altersschwachen Flecken Erde, dem die Presse immer wieder neues, kurzzeitiges Leben einhaucht mit überschminkten, untalentierten Menschen und ihrer halbgaren Musik. Wie Bulldozer graben sich die Medien in die Vorstädte und verleihen drei Minuten Ruhm. Über den Preis wird nicht gesprochen … der Gentleman ist eine britische Erfindung. Als echte Londoner (eine aussterbende Art) und mit ein paar mehr Jahren auf dem Tacho, fällt es beiden leichter, sich an ihre eigene und an die Vergangenheit ihrer Heimatstadt zu erinnern. “Die Frage, die natürlich immer kommt, ist die nach der Mischung. Folk und Dancefloor. Unsere Dancetracks sind schon sehr modern und ja, auch irgendwie Dubstep, die Folktracks dafür aber umso angestaubter. Wir reden nicht darüber, wer die Sänger sind, das geht niemanden etwas an, solange nicht, bis wir als Various nicht nur auflegen, sondern auch echte Gigs spielen werden. Da wird man die alle kennen lernen. Aber Folk ist genau wie Pop eine große englische Tradition. Die pflegen wir. Wir mögen das einfach. Engländer glauben das immer nicht, aber bitte glaube uns: Es gibt keinen Masterplan. Wir sind froh, dass es so funktioniert, aber da ist nichts lanciert, nichts konstruiert. Folk ist unser Erbe und Dubstep das, was um die Ecke gerade passiert. Es könnte die erste Underground-Musik seit langem sein, die nicht sofort im Sell-Out abdriftet. Wir? Wir hören Tunes und machen unser Ding.” Wie sie sich diesen Freiraum erkämpft haben? Die Frage wird wieder mit freundlichem Geplapper übertüncht. Ian und Adam werfen sich im Gespräch gegenseitig die Bälle zu, reden plötzlich über diese oder jene Maxi, die sie gerade gehört haben, und schaukeln sich gegenseitig hoch. “Innit, mate, innit. Tune. Fuck. Wicked.” Also setzen wir weiter Puzzle-Teile zusammen. Der Kollege der Groove hat gegoogelt und weiß, dass beide für Lionel Richie als Musiker gearbeitet haben. Die Debug kann hinzufügen, dass beide ein außerordentlich erfolgreiches und beliebtes Studio in London betreiben, wo Deals wie “Vocals dalassen, weniger bezahlen” wohl an der Tagesordnung sind. Wichtig ist das alles nicht wirklich, es muss doch möglich sein, Musik auch nur als solche wahr zu nehmen. Wichtiger, viel wichtiger ist, dass Various es schaffen, einem Genre wie Dubstep die musikalische Spritze zu geben, die das Genre schon lange gebraucht hat, die ewig gleichen Schemata aufbricht und die schlaffen Kung-Fu-Samples gegen musikalische Substanz tauscht. Burial hat das gemacht, auf sehr beeindruckende Weise. Various aber machen mehr, kreuzen die Beats und das Gefühl der Lyrics mit Zutaten, die zugänglicher sind, kompatibler. Dabei arbeiten sie aber nicht von oben nach unten, sondern brechen Schritt für Schritt die für ein klassisches Popmusik-Verständnis düstere Sperrigkeit von Dubstep auf und verfeinern, öffnen. So wie es sich für eine Stadt wie London, in der immer und immer wieder beschworenen Multikulturalität doch jeder nur sein eigenes Süppchen kocht, auch gehört. Vielleicht ist aber auch alles ganz anders. Vielleicht hat das Telefonat auch nie stattgefunden, denke ich, als ich das Band abhöre und schnell merke, dass ich mir das gute Gefühl nach dem Gespräch, das Gefühl, eigentlich doch alles erfahren zu haben, was ich wissen wollte, nur eingebildet habe. Nichts habe ich erfahren, rein gar nichts. Auch wenn Adam irgendwann betont, wie angenehm es sei, mit Kontinental-Europäern zu sprechen, weil: “They seem to get it much easier.” Also zählt doch nur meine Version von Various. Und dann komme ich zum dritten Mal ans Ende des Interviews, höre zum dritten Mal “Oh, wir machen direkt weiter, es ist schon jede Menge fertig” und denke, die nächste 7″ … die kann eigentlich nicht mehr weit weg sein.”

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Elektronische Lebensaspekte.