Die Zorros der elektronischen Musik sind unter uns. Das Label "Various" hält sich konsequent inkognito, gibt mit seinen 7"s der Dancemusik aber ein Stück Identität zurück. 100% Content, no Comment.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 96

Frag’ nicht, Fremder

England hat ein neues Geheimnis. Mit schöner Regelmäßigkeit landen seit vergangenem Jahr 7″s von “Various” in den Läden. Various … Label, der oder die Künstler, Rechnungsadresse, Domain und Email-Unterschrift. Woher? Wahrscheinlich London, dort aber natürlich nur Postfach. Wer? Völlig unklar, aber auch unwichtig. Warum? Let the music speak to itself. Und die ist mehr als merkwürdig, faszinierend und irritierend zugleich. “Hater” (Various 007) und “Cognac” (Various 005) kommen auf ihren A-Seiten mit Grime-Adaptionen, die klingen, als seien sie den Sugarbabes auf die Stimmbänder geschrieben, die B-Seiten klauen Traditionals zwischen Frank Sinatra und keltischen Sonnenanbetungsliedern. Geklaut? Gesampelt? Selbst gemacht? In der Volkshochschule mitgeschnitten? Wer weiß, was in diesen Köpfen vorgeht. Schön verpackt mit tollem Artwork geben diese 7″s der Dancemusik zumindest ein Stück Identität wieder und lassen die Unschärfe der Testpressungsberge ein bisschen verschwinden. Dancemusik? Die neueste 7″ kommt gleich auf beiden Seiten mit darken Seefahrer-Hymnen, die beide nahelegen, dass Various vielleicht doch nur ein irischer Singkreis zur Pflege alter Minnegesänge ist, während die 12″ “I Am Hot” dann purer Multiplex-Grime mit schweren schleifigen Vocals ist: Wenn man will, können einem die Various-Platten ganz einfach die letzten Haare rausrupfen. Knacken lässt sich dieser Geheimbund nicht. Die Kommunikation mit einem Hotmail-Account funktioniert zwar reibungslos, die Ergebnisse sind jedoch alles andere als zufriedenstellend.

Keine Namen, Gesichter, Informationen … Was habt ihr zu verbergen?
Various: Gar nichts, unsere Identität ist schlicht völlig unwichtig.

“Various” suggeriert, dass ihr eine größere Gruppe von Produzenten und Musikern seid.
Various: No comment, sorry.

Immerhin lasst ihr die alte Tradition wieder aufleben mit elektronischer Musik auf 7″s. Doch dann kommen die Folksongs auf den B-Seiten.
Various: Various ist unser Konzept.

Dann sind die Grime-Tracks auch reiner Zufall?
Various: In die Grime-Szene passen wir nicht rein, nein.

Habt ihr eine musikalische Geschichte?
Various: Nein, die 7″s sind unsere ersten Tracks.

Irgendwann wird das Various-Geheimnis schon auffliegen, das war bisher immer so. Spätestens wenn im Frühjahr kommenden Jahres ein Album veröffentlicht wird … das ist der Plan im Various-Hauptquartier, weitere 7″s für den Winter sind bereits fertig. Irgendwann also wird man wissen, wer sich wahrscheinlich irgendwo in London einen großen Spaß daraus macht, sich mit Irritation ins Gespräch zu bringen. Das Gute an Various: Es ist keine große, nutzlose Marketing-Blase, sondern Musik, die in jedes Regal gehört.

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Elektronische Lebensaspekte.