Verschrobener denn je klingt Vast Aire von Cannibal Ox auf seiner ersten Soloplatte. Inzwischen von DefJux zu Chocolate Industries gewechselt, hat er sich mit Madlib, RJD2 und Co zusammengetan, um eins der charismatischsten Alben des Jahres aufzunehmen.
Text: Jan Simon aus De:Bug 82

Freihändig Rappen

Als wir Anfang März in Brooklyn / Sunset Park mit einem MC in Richtung eines Basketballcourts für ein Photoshooting unterwegs sind, werden wir von einer Frau mittleren Alters lateinamerikanischer Abstammung angesprochen. Sicher sei er ja ein berühmter Rapper, wie er denn heiße, dann könne sie ihrer Tochter davon erzählen. “Only semi-famous. Tell her you met Vast Aire“, meint der MC kurz und grinst. Die Frage, weshalb wir über einen halb-berühmten MC berichten sollten, von denen es in New York so viele gibt wie Müllmänner, ist leicht geklärt: Was während der 90er beispielsweise für Q-Tip, Biggie Smalls oder Mos Def galt, gilt im neuen Jahrtausend für Vast Aire. Diese Typen sind mit Stimmen gesegnet, die das Potential haben, auch Leute zu faszinieren, die sich nicht schon ohnehin den ganzen Tag mit dem Klang irgendwelcher Snares oder “Flows“ beschäftigen. Stimmen, die so charismatisch sind, dass sie selbst promovierte Beatanalysten einen Song wieder als Ganzes wahrnehmen lassen.

Der Siegeszug Vast Aires begann 2001: Damals releasten er und Vordul Megaloh als Cannibal Ox ein Album mit dem Titel “The Cold Vein“, das für die Beteiligten einschließlich Produzent El-P ein durchschlagender Erfolg wurde. Nach Vasts Aussagen hat die Scheibe bis dato weltweit rund 90.000 Kopien verkauft und damit den Grundstein für das heute wohl erfolgreichste HipHop-Independent-Label DefJux gelegt. Es folgten ausgedehnte Touren, die CanOx auch nach Europa führten, wo sie an der Seite El-Ps u.a. mit der französischen Band Alliance Ethnique unterwegs waren. Auf Platte war Vast Aire fortan hauptsächlich solo zu hören … zahllose Kollegen baten ihn zum Feature. Selbstverständlich sagte er beispielweise zu, als ihn DJ Ese (tagsüber Labelmanager bei DefJux) darum bat, für dessen Label Embedded einzurappen. Da Vast mit seinen geschätzten 140 Kilo Lebendgewicht eher von der gemütlichen Sorte ist, setzte er sich dafür in Ermangelung einer echten Aufnahmekabine kurzerhand ins Bad. Ergebnis war der Track “Tippin’ Dominos“, dessen Originalversion mit dem Beat von DJ Hipsta einer der Klassiker der vergangenen Jahre schlechthin wurde. Nicht weniger bemerkenswert das Feature auf dem Diverse-Album “One A.M.“.

FIKTIVE TRENNUNG
Während es Vast also bestens ging, hörte man von Vordul immer weniger und um Cannibal Ox als Band mehrten sich die Trennungsgerüchte, bis das Ende der Formation vor wenigen Monaten offiziell ausgerufen schien. Plötzlich tauchte dann mit dem Titel “Cosmos“, der Rob Swift an den Plattenspielern featured, auf dem Table-Turns-Album “State Of The World“ wieder ein Release von CanOx auf. Auch auf dem jetzt erscheinenden ersten Solo-Album von Vast Aire “Look Mom … No Hands“ geben sich die Jungs erneut die Klinke in die Hand, was einigen Klärungsbedarf auslöste: “Es handelt sich um ein Gerücht, das von Jean Grae in die Welt gesetzt wurde. Wir sollten eigentlich mit ihr auf Tour gehen und wurden hinsichtlich der zu erwartenden Einnahmen belogen. Vier Tage bevor es losgehen sollte, haben wir die wirklichen Zahlen gesehen und unser Engagement zurückgezogen. Wir hatten den Eindruck, dass wir manipuliert wurden. Weil wir in letzter Minute abgesagt haben, musste die ganze Tour gecancelt werden, und infolgedessen haben die sich dann entschlossen, uns die Schuld in die Schuhe zu schieben. Jean Grae hat eine Entschuldigung für ihre Fans verfasst, in der sie verkündete, dass sich CanOx offiziell getrennt hätten. Das war sozusagen ihre Revanche“, erläutert Vast. Außerdem arbeite man gerade an einer EP, die den Titel “Cypher Unknown“ haben soll und auch das zweite Album sei ernsthaft ins Auge gefasst.

OHNE EL-P IST ALLES OK
All dem geht nun jedoch noch Vasts Album “Look Mom … No Hands“ auf Chocolate Industries voraus – die Wahl des Labels erklärt der Meister unbefangen: “Für Chocolate habe ich mich letztlich wegen des Geldes und des Timings entschieden.“ Auch für die Abwesenheit jeglicher El-P-Produktion hat er eine simple Erklärung: “Ich habe mittlerweile auf 60 Beats von El gerappt und es war einfach an der Zeit, mal abzubiegen.“ Anstelle des DefJux-Masterminds durften dafür Produzentenlegenden wie RJD2, die Beatminerz oder Madlib an den Samples schleifen. Über das Verhältnis zu letzterem erzählt Vast: “Ich habe mehrere Shows in Cali gespielt, darunter auch eine am UCLA-College auf einer dieser ‘All Tomorrow’s Parties’. Dort haben wir uns das erste Mal gesehen und uns sofort entschlossen, etwas zusammen zu machen – etwa ein Jahr später war es dann soweit. Allerdings habe ich nicht bei ihm zu Hause aufgenommen. Er schickte mir die Beats rüber, und ich habe dann hier in Brooklyn eingerappt.“

Vast Aire fällt in vielerlei Hinsicht aus dem Rahmen. Völlig überrascht wird man jedoch, wenn man schließlich hören muss, dass er zweimal die Woche Aikido trainiert. Wenn Vast dann begeistert demonstriert, dass es bei dieser Sportart in erster Linie um das Umleiten von Kräften und nicht ums Austeilen geht, kann es schon mal schmerzhaft werden.

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Elektronische Lebensaspekte.