Die grauen Kästen der Telekom
Text: Anton Waldt aus De:Bug 113


Unser multimediales Wohlbefinden verlangt nach schnelleren Internet-Anschlüssen. Deshalb baut die Deutsche Telekom ihr letztes Monument: an jeder zweiten Ecke ein gigantischer grauer Schrank, vollgestopft mit Glasfaser-High-Tech, Lüftern und Kupfer-Voodoo.

Damit das Internet TV und Telefon endgültig schlucken kann, muss die Übertragungstechnik ordentlich zulegen: Im nächsten Gang auf das 25-Fache der aktuellen DSL-Gepflogenheiten. 50 MBit/s werden sich erst mal wirklich gut anfühlen, das Netz wird damit wohl zum ersten Mal genauso selbstverständlich aus der Steckdose kommen wie heute der Strom – über dessen Ausfallsicherheit oder Spannungsschwankungen man sich eben keine Gedanken macht. Dabei wird die Angelegenheit technisch immer spektakulärer: Die nächste Netzgeneration funktioniert nämlich nicht mehr mit der hergebrachten Infrastruktur aus Schalträumen in Postamts-Kellern und Straßenverteilern von der Komplexität eines Dreifachsteckers.

Damit die neue, VDSL genannte Technik funktioniert, muss auf dem Weg vom Postamt zum Hausanschluss ein Stück mit Glasfasern bewältigt werden, und nur für die letzten ein, zwei Blöcke übernimmt das gute alte Kupferkabel. Heute übliches DSL kommt ja auf dem gleichen Weg ins Wohnzimmer wie schon das Fräulein vom Amt. Nur dass man mit der Digital Subscriber Line gerufenen Methode über die Kupferleitung, die früher nur für einen einzigen Audiokanal genutzt wurde, inzwischen beeindruckende Datenmengen schicken kann. Dabei passiert, vereinfacht gesagt, das Gleiche, wie es vom Einwählen per Modem her bekannt ist: Es wird gefiepst, was das Zeug hält, nur eben auf einer Menge Frequenzen gleichzeitig und sehr, sehr schnell. Dieses Multifrequenz-Fiepen hat allerdings seine physikalischen Grenzen, und an die sind wir mit dem heute üblichen DSL gestoßen. Zwar geht immer noch mehr durchs Kupfer, aber leider nicht mehr auf den Strecken von bis zu drei Kilometern, die der nächste große Netzknoten im Wählamt entfernt liegt.

T-Straßenkunst
Wegen des DSL-Entfernungsproblems werkelt die Deutsche Telekom gerade an der größten Baustelle des Landes, allerdings einer dezentralen Baustelle, die sich zudem noch alle Mühe gibt, unauffällig zu bleiben. Aber wenn man in einer der bereits beackerten Großstädte anfängt, nach den grauen Monster-Verteilerkästen Ausschau zu halten, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus: Die Dinger stehen an größeren Straßen oft alle dreihundert Meter, außerdem sind sie wirklich groß, sie besitzen ein etwas vornehmeres Grau als ihre Stromkastenvorfahren und sie sind meistens gründlich mit Tags und Plakaten versehen. Außer den Plakatklebern, den Sprayern und den Reinigungstrupps ist die Invasion der grauen Kästen aber niemandem groß aufgefallen. Was vielleicht auch besser ist, weil die neuen Kästen mit High-Tech vom Feinsten vollgestopft sind. Denn bis in die Schränke muss der Datenstrom ja durchs Glasfaser, also muss im Kasten ein optisches Signal in die Kupferelektrik übersetzt werden, und solche Optik-Elektrik-Wandler sind immer noch richtig Rocket-Science.

Um sowas anzuschließen, müssen Glasfasern superclean in Spezialapparate gespleißt werden, richtiger Nerdkram. Und weil diese Glasfaser-Ausrüstung und das nötige Personal so teuer sind, werden die Glasfasern auch noch nicht in jedes Haus gelegt. Also muss der ganze teure und kniffelige Technikkram in die großen grauen Schränke auf die Straße gestellt werden, Lüftung inklusive, denn im “Outdoor-DSLAM”, wie die Nerds liebevoll ihre Schränke nennen, wird es heiß wie im Server-Raum. An heißen Sommertagen wird man das Internet von morgen also auch hören können, wenn man am grauen Kasten lauscht. Genauso poetisch übrigens der Nerd-Begriff für das ganze Set: FTTC, für Fiber To The Curb, oder Glasfaser zum Bordstein.

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Elektronische Lebensaspekte.