An der Schnittstelle von Grafik und virtuellen 3D-Welten operiert eine Szene, die genauso unterhaltsam und obskur wie praktisch daherkommt: Vektor-Nerds bauen Fotografien fotorealistisch nach.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 106

Blondes Haar ist tricky
Vektor-Perfektion

Der Berliner Künstler Thomas Demand benutzt Fotos als Vorlagen für seine Werke, die nach Tonnen von Schweiß, Pappe und Sisyphus-Arbeit eigentlich genauso aussehen wie das Ausgangsbild: Demand baut das Motiv aus farbiger Pappe und Papier im Maßstab 1:1 nach und fotografiert das Ergebnis anschließend. Die Simulation eines Abbildes mit monströsem Aufwand ist seine extrem erfolgreiche Masche, deren Highlight die Vernichtung des Pappmodels darstellt. Absurder Scheiß, der nur im Post-Post-Kunstmarkt funktionieren kann. Es gibt allerdings eine vitale, digitale Szene, die auf einem ähnlich absurden Level operiert und es dabei schafft, gleichzeitig sinnlos zu sein und ganz praktisch ökonomisches Potential zu zeigen: Diese Vektor-Nerds streben nach Fotorealismus in ihren Grafiken, die nach Fotovorlagen entstehen. Durch die Sites der vermeintlich Wahnsinnigen zu surfen, ist zunächst ein großer Spaß, weil sich Bilder einer Tomate, eines Motorrades oder einer Halbnackten durchs Klicken auf ihr Vektor-Gerüst umschalten lassen, ein verblüffender Effekt, der unwillkürlich die Frage aufwirft: Warum zur Hölle dieser Aufwand? Da haben offensichtlich Fingerübungen professioneller Gebrauchsgrafiker eine drollige Eigendynamik entwickelt, heißt die Antwort: Die Vektor-Versionen nehmen natürlich erst mal deutlich weniger Speicherplatz in Anspruch als das Vorbildfoto, außerdem lassen sich die Vektor-Dateien definitionsgemäß prima in der Größe skalieren. Ökonomisches Potential hat die Kärnerarbeit aber vor allem als Teil von Animationen und in Games, denn aus den Ansichten können mit etwas Zusatzaufwand auch andere Perspektiven errechnet werden. Losgelöst von diesen praktischen Anwendungen verrichten die Vektor-Nerds aber auch eine geradezu metaphysisch anmutende Aufgabe, indem sie sich in die Foto-Details versenken, auf dass ihre ewig zweidimensionalen Bildschirme sich zu wölben scheinen. Wen es jetzt in den Fingern juckt, bei der Frickelei auf höchstem Niveau im kleinsten Detail mitzutun: Das Tutorial von Paul Bush, aus dem auch die nebenstehenden Abbildungen entnommen sind, erklärt, wie man aus einer Fotovorlage eine fotorealistische Vektorgrafik erstellt, wertvolle Erfahrungen wie “Blondes Haar macht mehr Arbeit als dunkles” und praktische Tipps wie “Eine Microsoft-Funk-Maus erleichtert die Arbeit dank geschmeidigem Scroll-Verhalten” inklusive.

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Elektronische Lebensaspekte.