Wie jede maßgebliche Infrastruktur folgt auch das Internet dem Muster von Hype, Ernüchterung und nachhaltigem Wachstum. Seit 2005 geht es wieder bergauf.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 99

Netzwerwachen
Jetzt aber: Medienrevolution

Den Blueprint des börsengetriebenen Wachstums einer technischen Infrastruktur hat im 18. Jahrhundert die Eisenbahn geliefert, wobei die einzelnen Phasen allerdings noch in Jahrzehnten gerechnet werden mussten. Bei der Etablierung der Elektrizität um 1900 lief die Sache dann schon flotter, außerdem wurden die ökonomische und die technische Hysterie durch absurde Heilsversprechungen wie der Gedankenübertragung mittels Starkstrom ergänzt – vor mehr als 100 Jahren waren also alle Elemente der New Economy schon erprobt und bewährt. Und genauso absehbar wie das Platzen der Börsenblase auf den “neuen Märkten” war, konnte es die letzten Jahre als ausgemachte Sache gelten, dass es mit dem Netz irgendwann wieder richtig aufwärts geht – wirtschaftlich, inhaltlich und strukturell. Richtig überraschend kam das Buzz-Wort vom “Web-Zwo-Null” also nicht, trotzdem freuen wir uns natürlich über diese jugendliche Blüte unseres Lieblings-Tools, sogar ein paar Tränen der Rührung tropften auf Router und SDSL-Modems. Eher beiläufig wurden im letzten Jahr viele lange uneingelöste Versprechungen aus unseligen New-Economy-Zeiten endlich eingelöst, am sichtbarsten wahrscheinlich im Blog-Universum, in dem der schon reichlich abgestandene Schmäh vom Verschwinden des hierarchischen Sender-Empfänger-Schemas Realität wird. Gleichzeitig ist natürlich wieder alles anders, als von den notorischen Analysten und Gurus vorhergesagt: Die klassischen Medien verschwinden nämlich mitnichten, es hat sich nur neben ihnen eine neue Informations-Welt aufgetan, die ein reges Wechselspiel mit Zeitungen, Radio und Fernsehen pflegt. Und die nächste Medienrevolution nach dem gleichen Muster steht schon in den Startlöchern: Während das Netz nur die Verfügbarkeit von Musik revolutioniert hat, nicht aber ihre Ästhetik, entwickeln sich online gerade ganz neue Video-Stile und -Genres. Dabei gelten wieder die Regeln der dezentralen, höchstens semiprofessionellen Produktion, die das leidige Copyright-Problem erst gar nicht aufkommen lässt – schon alleine weil die neuen Netz-Filmchen erbittert um Aufmerksamkeit buhlen. Schöne Ansätze für mögliche neue Konsumstrukturen bieten der Web-Kanal “Channel 101” oder das Ripper-Drama “The Scene”, die an dieser Stelle auch schon ausführlich gewürdigt wurden. Das Gleiche gilt für den Karten-Hype, der sich in Form von Google-Earth anschickt, das Netz komplett neu zu organisieren: Informationen sollen zukünftig nicht mehr nach abstrakten Datenbankkriterien sortiert oder in den chaotischen Zufälligkeiten des Webs versteckt werden, stattdessen soll sich alles hübsch übersichtlich und nachvollziehbar nach konkreten Orten ausrichten. Diese Reorganisation des Internets soll außerdem mit gigantischen neuen Geschäftsmöglichkeiten einhergehen, wobei noch viel mehr Werbung in bislang ungeahnten Nischen und Zusammenhängen die größten Profite verspricht. Die Internet-Ökonomie kam 2005 nämlich auch wieder richtig in die Gänge, Überlebende wie eBay, Amazon und Yahoo konnten mit positiven Bilanzen ihre zehnjährigen Jubiläen feiern, Google ist nach einem Jahr an der Börse lockere 65 Milliarden Euro wert und sogar die Venture-Kapital-Maschinerie macht wieder große Sprünge: Ein bisschen Webspace und ein flockiger Name [Flickr] waren Yahoo kolportierte 50 Millionen Dollar wert. Machbarkeit, Geld und Spaß hören also wieder einfach auf den Namen “Internet”.

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Elektronische Lebensaspekte.