Das wichtigste Werbeformat für Kinofilme ist: das Internet. Kein Witz. Spätestens seit dem Blair Witch Project spinnen immer mehr Filme zur Promotion ihre Stories auf möglichst vielen Webpages geheimnisvoll weiter. Von Steven Spielbergs neuestem Projekt "A.I." bis zu Dokumentarfilmen. All about Online Storytelling.
Text: ingrid Arnold | ingrid.arnold@gmx.net aus De:Bug 49

http://www.billgatesisdead.com
Die Kinopromoter stürmen das Netz

Seit der Ermordung von Bill Gates am 2. Dezember 1999 ist etwas Ruhe ins Kartellverfahren eingekehrt. Aber die kritischen Stimmen zur offiziellen Untersuchung der Vorfälle im MacArthur Park – dokumentiert im so genannten “Garcetti Report” – häufen sich. “Citizens for Truth” engagieren sich für eine lückenlose Aufklärung… Keine Sorge, nichts verpasst. Die gefakten Vorfälle, über einen “Gates Memorial WebRing” verbreitet, sind Promotion für Brian Flemmings vermeintlichen Dokumentarfilm “MacArthur Park”, der beim Sundance Festival Premiere hatte und irgendwann diesen Sommer in die US-Kinos kommen soll. GMD Studios (indieWIRE) haben sich die nette Kampagne für ihren Ex-Mitarbeiter Flemming ausgedacht – und schwimmen damit ganz oben auf der “Online Storytelling”-Welle.

Das bislang aufwendigste Beispiel ist die Kampagne zu “A. I.”. Der Science-Fiction-Film galt jahrelang als das neue Projekt von Stanley Kubrick. Der hatte “A. I.” dann zugunsten von “Eyes Wide Shut” erst mal verschoben und konnte danach, wie wir wissen, leider keinen Film mehr drehen. Kubricks alter Freund Steven Spielberg ist jetzt eingesprungen. Und wenn man Bryan Aldiss’ Kurzgeschichte “Super-Toys Last All Summer Long” von 1969 liest, die den Filmplot inspiriert hat, fragt man sich ohnehin, warum Kubrick wohl die Geschichte des kleinen, traurigen Roboter-Jungen hätte selbst verfilmen sollen. Lebende Teddybären! Synthetische Miniatur-Dinosaurier! Auf dieser Pinocchio-Story steht doch schon ganz groß Spielberg drauf.

Der neue Blockbuster des Meisters startet in den USA am 29. Juni. Doch schon im April tauchten mit dem ersten “A. I.”-Trailer Hinweise auf, dass zahlreiche mit dem Film auf obskure Weise verbundene Websites existieren: Der im Abspann als “Sentient Robot Therapist” aufgeführte Crew-Name “Jeanine Salla” beispielsweise verwies den Google-Nutzer, angefangen bei http://www.familiasalla-es.ro, auf immer neue Verzweigungen im Marketingnetz (mit Tippfehlern sogar auf “deutsch”: http://www.denkendeneshaus-de.dk). Die Euphorie über diese Entdeckungen ergriff Communities von “Ain’t It Cool” bis “Slashdot”. Am bislang umfassendsten dokumentiert das Projekt “Cloudmakers” die angeblich bislang 700 Websites rund um das Thema Roboter-Emanzipation und einen Mord im Jahr 2142. Wer hat Evan Chan getötet, und warum? “Has artificial intelligence gotten out of control?” Es finden sich Telefonnummern, die man anrufen kann, E-Mails, die Hinweise zurücksenden, Passwörter und immer neue Rätsel.

Die Professionalität, mit der die kollektiven Detektive von “Cloudmakers” das uferlose Online-Spiel begleiten und vorantreiben, konnte vermuten lassen, ihre Site stünde in enger Beziehung zu den “A. I.”-Produktionsfirmen. Cloudmakers PR-Frau Bronwen Liggitt dementiert entrüstet: “Cloudmakers is entirely a fan-created entity… We aren’t on any company’s payroll: we’re simply playing the game and having some fun.” Klar, es soll Fans auch Spaß machen, den Studios einen riesigen Gefallen zu tun und für sie Marketing “von unten” zu machen… Die Urheber und “Puppetmaster” der Kampagne sind bis heute nicht identifiziert. Die Produktionsfirmen DreamWorks und Amblin hüllen sich ebenso wie Verleiher Warner Bros. dezent in Schweigen. Man munkelt was von Microsoft, doch warum sollten die? Egal. “MacArthur Park” mit seiner kleinen, selbst gelaunchten Kampagne kann angesichts eines solchen Aufwands jedenfalls einpacken, ebenso wie der vielzitierte Web-Hype-Pionier “Blair Witch Projekt”. Das Internet-Coverage bei ausgewiesenen Fan-Filmen wie “Episode 1” oder, aktuelles Beispiel, “Lord of the Rings” ist zwar stets gigantisch, aber für “A. I.” wurde wohl zum ersten Mal mit derartiger Ambition und von zentraler Stelle eine künstliche Gemeinschaft erzeugt.

Innovative Kampagnen, konventionelle Filme

Und was erwartet die solcher Art aufgeheizten “A. I.”-Fans? Das Label Spielberg verspricht umwerfende technische Effekte und ein hoffentlich stringentes Zukunftsszenarium. Vorlage und Casting scheinen eher zu einer kindgerecht-konventionellen, bewegenden Story beizutragen, bestimmt einen Tick zu “menschlich”: Haley Joel Osment (“The Sixth Sense”) dürfte als David wieder altklug und süß sein. Der berufsbetroffene und “Bicentennial Man”-erprobte Robin Williams soll den Erzähler (?) geben. Dazu noch William Hurt und schon sieht man die Tränen fließen: Buäh, ich will kein Roboter sein! Vermutliches Highlight: Jude Law als “Gigolo Joe” mit Betonfrisur.

Eine neue Ankündigung lässt übrigens noch mal zweifeln, dass sich Warner Bros. so was liebevoll detailliertes wie die “A. I.”-Kampagne ausgedacht haben könnte. Zum neuen John-Travolta-Actioner “Swordfish” (Deutschlandstart: 27. September) wird eine “multimediale Werbekampagne” gestartet: Da es bei der Filmstory um Hacking und Cyberkriminalität gehe, liege der Schwerpunkt bei der Online-Werbung. Gute Idee. Die zehn “Topics” der Website zum Film können nur mit bestimmten Passworten sichtbar gemacht werden. Diese Codes werden über TV-Spots und Plakate (Multimedia!), aber auch über Instant Messenger und via E-Mails Verbreitung finden. Ebenso sollen sich in Strichcodes (?) in “New York Times”-Anzeigen Hinweise finden, um sich in den “Swordfish”-Content “hacken” zu können. Die Preise: Ein Auto, Bargeld, ein Notebook und das “Swordfish gift package”. Dann good luck. Den Online-“Medienpartner” haben sich die Warner-Strategen aber nicht ungeschickt ausgesucht: die Filmnerds von “Coming Attractions” – die auch weiterhin fleißig “A. I.”-Scoops sammeln.

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Elektronische Lebensaspekte.