text
Text: christoph jacke aus De:Bug 30

/Pop Im Spielwarenladen der Popmusik Vermooste Vloeten Berlin als popmusikalischer Selbstverwirklichungsknotenpunkt im unpeinlich peinlichen Sinne. Die beiden Flötinnen Libojah Shnukki und Hannie Bluum haben irgendwann vor Jahren beschlossen, Musik zu machen, ohne eigentlich richtig Musik machen zu können. Sie fanden mit ihren ersten Homerecording-Tapes und Auftritten zwischen Genialität und Unprofessionalität überraschend schnell einen ganzen Haufen treuer Anhänger. Da aber Tapes so ungefähr das blödeste und gebraucherunfreundlichste Veröffentlichungsmedium für eine Band sind, sollte dann doch 1997 der erste richtige Release auf dem eigenem Label Novo SiBirsk, das Vinylstück “Crankle”, folgen: Eine Platte mit einigen der schönsten dunkeltraurigen Minimalsongs und dem, sorry, hässlichsten Cover seit Menschengedenken. Um die World Domination weiter umzusetzen, nutzten die Vloeten die Kennenlernmöglichkeiten des wiedervereinigten Berlins und beschlossen letztlich sogar, auf Tournee durch die Republik, nicht die vermaledeite Berliner, sondern die gesamte, zu gehen. Dort standen sie, recht alleingelassen, vor einigen, meist ganz wenigen Zuschauern, so als als ob sie das perfekt inszeniert hätten, denn einzelne Gestalten in verrauchten Clubs passen viel besser zur in der Raumecke stehenden Musik der Vloeten als übervolle Läden. So sehr ihnen gefüllte Orte ansonsten in Berlin auch gelingen und überdies auch gegönnt seien. Geräusche statt Alkohol Nun hat sich mit dem scheinbaren Endmillenniumsfieber einiges geändert für Shnukki und Bluum. Das Ex-Lassie-Singers-Label Flittchen Records nahm sich der sympathischen Damen an und brachte deren zweiten Longplayer “Ngongo” heraus. Zudem waren sie auf dem “Stolz und Vorurteil”-Labelsampler mit dem Home-TripHop-Track “Force Band II” vertreten. Plötzlich sind sie einen klitzekleinen Schritt weg vom Frauencountry und der totalen Velvet-Underground-Tristesse und klingen nicht mehr ganz so nach Nico und düsteren Minimal-Psychobeat-Projekten der alkohollastigen Achtziger. Jetzt haben die Vloeten also auf zumindest einem Auge ihre Liebe zu elektronischer Verstärkung und zahlreichen Geräuschen und Spielwarenladeninstrumenten entdeckt. Nicht umsonst beteiligen sich an dem neuen schönen Werk der Vloeten MusikerInnen wie Francoise Cactus (Stereo Total), Nikki Sudden oder Jowe Head (Ex-Swell Maps, Ex-TV Personailties, Ex-Palookas), die schon vor geraumer Zeit eben diese kleinen merkwürdigen Instrumentierungen in durchaus nicht nur lustige Songs eingewoben haben. Und genau hier setzt die Ambivalenz der Vloeten an. Sie sind weder nur knuffig, charmant und lustig-trashig, noch scheinen sie die ganz großen Melancholikerinnen zu sein, denen selbstversunken so gar kein Grinsen oder Augenzwinkern über das Gesicht huscht. Im Prinzip sind die beiden Damen einfach supernormal und setzen das um, was viele Menschen immer schon mal machen wollten: Musik, nur für sich. Warum mit “Ngongo” auf einmal die medialen Seismographen zum Teil heftig positive Erschütterungen erfahren, ob es an der geschickten Promotion des Labels liegt oder die Zeit einfach reif ist für tieftraurige und zugleich leicht ironische Songs mit mehrstimmigem Mädchengesang und spartanischen Musikapparaten, wir wissen es nicht. Die Vloten scheinen unbedarft dreist in den blinden Flecken von neuerer langsamer Rockmusik und verspielter, genauso neuer Elektronik Platz genommen zu haben. Und wenn Du leise bist und genau hinhörst und -schaust, etwa bei den nicht weit her geholten Coverversionen von Daniel Johnston und Epic Soundtracks, dann schenken sie dir ein paar wundervolle Momente herrlich selbstmitleidigen Hedonismus’. Lieben oder Hassen. Vielleicht besser das erstere, bitteschön.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.