Text: christoph jacke aus De:Bug 29

Zwei Schritte zurück und einen vor in den Spielwarenladen der Popmusik: Vermooste Vloten Christoph Jacke jackech@uni-muenster.de Berlin als popmusikalischer Selbstverwirklichungsknotenopunkt im unpeinlich peinlichen Sinne. Die beiden Flötinnen Libojah Shnukki und Hannie Bluum haben irgendwann, das war vor Jahren, beschlossen Musik zu machen, ohne eigentlich richtig Musik machen zu können. Dies taten sie in Berlin und fanden mit ihren ersten Homerecording-Tapes und Auftritten zwischen Genialität und Unprofessionalität überraschend schnell einen ganzen Haufen treuer Anhänger. Da aber Tapes so ungefähr das blödeste und gebrauchsunfreundlichste Veröffentlichungsmedium für eine Band sind, sollte denn doch 1997 der erste richtige Release auf dem eigenem Label Novo SiBirsk, das Vinylstück “Crankle”, folgen. Diese Platte hat einige der schönsten dunkeltraurigen Minimalsongs und das, sorry, hässlichste Cover seit Menschengedenken. Um die World Domination im lütten Sinne weiter umzusetzen, nutzten die Vloten die Kennenlernmöglichkeiten des wiedervereinigten Berlins und beschlossen letztlich sogar, auf Tournee durch die Republik, nicht die vermaledeite Berliner, sondern die gesamte, zu gehen. Dort standen sie, recht alleingelassen, vor einigen, meist ganz wenigen Zuschauern. Als hätten sie das perfekt inszeniert, denn einzelne Gestalten in verrauchten Clubs passen viel besser zur in der Raumecke stehenden Musik der Vloten als übervolle Läden, so sehr ihnen das eben gerade in Berlin gelingt und überdies auch gegönnt sei. Nun hat sich mit dem scheinbaren Endmillenniumsfieber einiges geändert für Shnukki und Bluum (hört sich irgendwie schon arg nach Hannie und Nannie an). Das Ex-Lassie-Singers-Label Flittchen nahm sich der sympathischen Damen an und brachte, neben einer Beteiligung auf dem “Stolz und Vorurteil”-Labelsampler (dort vertreten mit dem HomeTripHop-Track “Force Band II”), deren zweiten Longplayer, diesmal als CD, “Ngongo”, heraus. Der nächste Schritt in der unendlich langsamen Eroberung der Zuhörerherzen. Plötzlich sind sie einen klitzekleinen Schritt weg vom Frauencountry und der totalen Velvet-Underground-Tristesse und klingen nicht mehr ganz so nach Nico und düsteren Minimal-Psychobeat-Projekten der alkohollastigen Achtziger. Jetzt haben die Vloten also auf zumindest einem Auge ihre Liebe zu elektronischer Verstärkung und zahlreichen Geräuschen und Spielwarenladeninstrumenten entdeckt. Nicht umsonst beteiligen sich an dem neuen schönen Werk der Vloten Musiker wie Francoise Cactus (Stereo Total), Nikki Sudden oder Jowe Head (Ex-Swell Maps, Ex-Palookas), die schon vor geraumer Zeit eben diese kleinen merkwürdigen Instrumentierungen in durchaus nicht nur lustige Songs eingewoben haben. Und genau hier setzt die Ambivalenz der Vloten an. Sie sind weder nur knuffig, charmant und lustig-trashig, noch scheinen sie die ganz großen Melancholikerinnen zu sein, denen selbstversunken so gar kein Grinsen oder Augenzwinkern über das Gesicht huscht. Im Prinzip sind die beiden Damen einfach supernormal und setzen das um, was viele Menschen immer schonmal machen wollten: Musik, nur für sich. Warum mit “Ngongo” auf einmal die medialen Seismographen zum Teil heftig positive Erschütterungen erfahren, ob es an der geschickten Promotion des Labels liegt oder die Zeit einfach reif ist für tieftraurige und zugleich leicht ironische Songs mit mehrstimmigem Mädchengesang und spartanischen Musikapparaten, wir wissen es nicht. Die Vloten scheinen unbedarft dreist in den Schnittpunkt der blinden Flecken von neuerer langsamer Rockmusik und verspielter, genauso neuer Elektronik Platz genommen zu haben. Und wenn Du leise bist und genau hinhörst und -schaust, etwa bei den nicht weit hergeholten Coverversionen von Daniel Johnston und Epic Soundtracks, dann schenken sie Dir ein paar wundervolle Momente herrlich selbstmitleidigem Hedonismus’. Lieben oder Hassen. Vielleicht besser das erstere, bitteschön.

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Elektronische Lebensaspekte.