Online-Kalender können mehr, als nur unsere Termine zu verwalten. Eventful will unsere Freizeit umkrempeln.
Text: Janko Röttgers aus De:Bug 102

Stell dir vor, es ist Freitagnacht. Zeit zum Ausgehen. Du holst dein Mobiltelefon aus der Tasche und wirfst einen Blick in den Kalender. Einmal den Refresh-Button geklickt und schon füllt sich die Tagesansicht mit Debug-Dates, ausgewählt von Lesern und für deine Heimatstadt. Diese gleichst du mit den Kalender-Feeds deiner Freunde ab, die natürlich alle mal wieder an drei Orten gleichzeitig sind. Macht nichts, schließlich kann man sich ja auch zum Frühstück treffen. Du wählst Ort und Zeit für Club und Brunch und publizierst beides in deinem eigenen Online-Kalender. Das Wochenende kann kommen.

Was sich derzeit noch wie Zukunftsmusik anhört, könnte schon bald Realität sein. Nachdem uns Blogs mit Texten und Podcasts mit Musik und Radio versorgt haben, wird das nächste Opfer der Syndication-Welle unsere Freizeit sein. Internet-Riesen und kleine Startups gleichermaßen basteln derzeit verbissen daran, unsere Kalender zu vernetzen.

Auch Google hat dabei seine Hände im Spiel, wenn auch bisher noch ganz geheimnistuerisch. Gerade mal 200 ausgewählte Beta-Tester haben derzeit Zugriff auf CL2 – ein Kalender-System, das einmal genau so hässlich und erfolgreich sein soll wie Gmail. Anfang März sickerten erste Screenshots des bis dahin offiziell noch gar nicht existierenden Projekts durch. CL2 bietet im typisch spröden Google-Design Möglichkeiten zum Anlegen eines persönlichen Kalenders, der auch einem begrenzten Kreis von Freunden zugänglich gemacht werden kann.

Dazu bietet der Dienst Synchronisationsmöglichkeiten zum Abgleich mit iCal, Outlook und ähnlichen Desktop-Anwendungen. Eine dritte Komponente der CL2-Plattform sind öffentliche Events. Google will damit eine Art weltweiten Veranstaltungskalender schaffen und seinen Nutzern gleich auch noch passende Ausgehtipps empfehlen.

Ganz neu ist all dies nicht. Schon jetzt gibt es eine ganze Reihe persönlicher Online-Kalender, die auf so schöne Namen wie 30 Boxes, Spongecell und Hipcal hören. All diese Plattformen nutzen mehr oder weniger erfolgreich Ajax, um so etwas grundweg Trockenes wie tabellarisch aufgelistete Wochen und Monate halbwegs zugänglich aufzubereiten. Das Resultat ist meist eher hässlich und gelegentlich durchaus nützlich, aber doch selten weltbewegend.

Brian bewegt die Welt

Zum Glück gibt es zum Weltenbewegen Leute wie Brian Dear. Der gute Mann entdeckte seine Leidenschaft für vernetzte Kalender Anfang der Achtziger, als er erstmals Zugriff auf das Plato-Netzwerk hatte – ein universitär betriebenes BBS-System, das ein verkannter Vorreiter des WWW war. Jedenfalls wenn wir Dear glauben dürfen. Irgendwann will er noch mal ein Buch über Plato schreiben. Aber dazu fehlt ihm momentan einfach die Zeit. Denn schließlich gilt es, unser aller Freizeit umzukrempeln.

Dear ist Gründer und Chef der in San Diego ansässigen Firma EVDB, die mit Eventful einen der größten kollektiven Veranstaltungskalender des Netzes betreibt. Persönliche Terminplanung überlässt er dabei anderen. 30 Boxes zum Beispiel, oder eben Google. Ihm geht es eher darum, DJ-Gigs, Konzerte, Lesungen, Demonstrationen, Häkelrunden und dergleichen mehr zu sammeln und öffentlich zugänglich zu machen. ”Andere Firmen konzentrieren sich auf Tools, die dir beim Organisieren deines ereignisreichen Lebens helfen“, erklärt Dear. ”Uns geht es eher darum, dein Leben ereignisreicher zu machen.“

Der Weg dazu besteht laut Dear im richtigen Aufbereiten der Termindaten. ”Nur ein kleiner Teil aller Events weltweit findet den Weg ins Web“, so Dear, ”und ein noch viel kleinerer Teil davon wird in einem lesbaren Format im Netz veröffentlicht.“ Das Problem: Ohne die richtigen Metadaten sind Events für Google & Co. das Gleiche wie Kochrezepte oder Zeitungsartikel. Suchmaschinen erkennen nicht, dass es sich bei einer Terminankündigung in einem Weblog um eine Veranstaltung handelt. Wer nicht zufällig über den Eintrag stolpert, wird die Veranstaltung damit zwangsläufig verpassen. ”Der Verlust der Datenstruktur ist eine klassische Schwäche des Webs, wenn es um das Finden von Events geht“, meint Dear dazu.

Der entgegengesetzte Ansatz liegt in redaktionell betreuten Kalendern wie den Debug-Dates. Gut gefiltert, auf das Wichtigste reduziert. Eine feine Sache. Es sei denn, man lebt in Paderborn. Dazu kommt: Papier ist geduldig, Termine dagegen verdammt zappelig. “Sie sind wie Aktienkurse, verändern sich ständig“, erklärt Brian Dear. “Es ist ein sehr flüssiger Strom von Informationen.“

Alle, wirklich alle Bauchtanz-Termine

Eventfuls Lösung liegt deshalb in einem kollektiven Ansatz in Kombination mit Metadaten-Strukturen, die von Kennern auch gerne als Mikroformate bezeichnet werden. Die Nutzer der Website sind für das Eingeben der Termine verantwortlich. Diese lassen sich dann auch gleich zu eigenen Kalendern zusammenfassen, die wiederum exportier- und abonnierbar sind. Flickr-ähnliche Tags und Ortsangaben machen es zudem möglich, ständig alle Bauchtanz-Termine in San Francisco in den eigenen iCal-Kalender importiert zu bekommen. Wenn man sich denn dafür interessiert.

Gleichzeitig sorgt eine offene API-Schnittstelle dafür, dass die erfassten Daten nicht auf einer Insel im Datenmeer vereinsamen. So lassen sich bei Eventful eingegebene Daten automatisch auch zu Del.icio.us, Digg und der Konkurrenz-Kalenderdatenbank Upcoming durchreichen. “Das ist ganz im Sinne der Web 2.0-Welt”, findet Dear.

Angst davor, damit der Konkurrenz in die Hände zu spielen, hat er keine. Man wolle es seinen Nutzern so einfach machen wie möglich und niemand gebe seine Daten auf zehn Plattformen nacheinander ein. Natürlich eignet sich die API auch, um Eventfuls Datenbank mit Terminen zu füttern – eine Funktion, von der die Second-Life-Gemeinde regen Gebrauch macht. Vom digitalen Flohmarkt bis zur virtuellen Club-Nacht listet Eventful jeden Tag hunderte von Veranstaltungen der virtuellen Spielewelt.

Rechtzeitig auf Zack

Das eigentliche Potential sozialer Kalender begreift jedoch erst, wer mal einen Blick auf die Eventful-Mashups wirft. Erwartungsgemäß gibt es eine ganze Reihe Webseiten, die Veranstaltungen mit Karten von Google, Yahoo und Mapquest verbinden. Taylor McKnight und Daniel Westerman-Clark war dies jedoch nicht genug. Die beiden suchten Anfang des Jahres nach einer Möglichkeit, besser auf die Konzerte unbekannter Bands aufmerksam zu werden.

“Ich war es leid, neue Bands zu entdecken und dann festzustellen, dass sie vor einem Monat in meiner Stadt gespielt haben”, erzählt McKnight dazu im Rückblick. Zur Lösung des Dilemmas kombinierten sie die Eventful-Datenbank mit einer Liste von Promo-MP3s, die Musiker und Plattenfirmen auf ihren Webseiten veröffentlichen. Das Ergebnis hört auf den Namen Podbop und bietet lokalisierte Podcasts der Bands, die in den nächsten Wochen in deiner Nachbarschaft spielen werden. Die beiden haben es damit im Handumdrehen geschafft, die bisher cleverste Musik-Webseite des Jahres zu programmieren.

Eventful will indes noch einen Schritt weiter gehen. Nutzer sollen in Zukunft nicht nur Events finden und verbreiten, sondern auch selbst organisieren können. Dabei geht es Brian Dear nicht um private Geburtstagspartys oder ähnliche Kleinigkeiten. Nein, der gute Mann will Death Cab for Cutie, die Pixies und Herbie Hancock. Und zwar möglichst in seiner Heimatstadt.

Um solche Ziele zu verwirklichen, führte Eventful im März eine Demand-Funktion ein. Nutzer können damit ihre eigenen Wunsch-Events formulieren. Sobald eine kritische Masse von Interessenten zusammengekommen ist, bemüht sich Eventful als Vermittler zwischen Künstlern und ihrem potentiellen Publikum. Langfristig, so Dears Hoffnung, könnten Musiker ganz von selbst auf die Wünsche ihrer Fans reagieren. Touren würden nach Bedarf geplant und das Veranstaltungswesen demokratisiert.

Das klingt idealistisch? Sicherlich. Weltfremd? Vielleicht. Doch das haben wir vor ein paar Jahren auch über Blogger und ihr Gerede von der Umwälzung der Medienlandschaft gedacht. Jetzt erreichen Syndication und Kollaboration unsere Freizeit und wir dürfen uns schon mal auf aufregende Wochenenden gefasst machen. Brian Dear jedenfalls ist sich sicher: “Wenn wir nur zehn Prozent aller Events verwirklichen, werden wir die Welt verändern.“

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Elektronische Lebensaspekte.