Chateau Flight, Cheek, Future Talk und Discotheque sind nur ein paar der Namen, mit denen der französische Produzent, DJ und Labelgründer Gilbert Cohen verknüpft ist. Mit seinem Label "Versatile" feiert er fünfjähriges Bestehen und die familiäre Sounderweiterung.
Text: heike lüken aus De:Bug 47

Blick ins Familienalbum
Versatile
Wer viel Land hat, kann darauf ein großes Haus bauen. Wer einen breitgefächerten musikalischen Background hat, kann ein Label gründen, das vielen verschiedenen Stilen Raum gibt. So geschehen bei Gilbert Cohen, Gründer des Labels “Versatile”, das in diesen Tagen mit seinem Appetithappen “Family Album” sein 5jähriges Bestehen feiert. Gilbert Cohen fing als HipHop-DJ an, wanderte über Drum’n’Bass, House und Techno weiter ins Experimentierfeld Elektronika. Nach den ersten beiden Veröffentlichungen auf Versatile von Gilbert aka Cheek und von I:Cube wurden mit zwei smashigen House-Hits erste Erfolge gefeiert: “Venus (Sunshine People)” und “Disco Cubizm”. Dann fächerten sich die Richtungen auf: Von Tchoks Analogfunk oder Faceball 2000’s Electrodisco über I:Cubes Deephouse bis Pariss Clemons Kreuzung von Folk und Cyber-R’n’B geht es bei Versatile heutzutage vor allem darum, die Ränder zu suchen und in allen Stilrichtungen aktiv zu sein. Labelchef, Produzent, Radio- und Club-DJ Gilbert Cohen gewährt einen Blick hinter die Kulissen.
De:Bug: “Family Album” hört sich heimelig an, da Versatile ja auch ein unabhängiges Label ist. Ist das also wirklich ein ‘Family Thing’, was ihr da macht? Und wie kommen Künstler auf das Label?
Gilbert: Das ist sogar im eigentlichen Sinne des Wortes ein ‘Family Thing’, denn ich arbeite mit meinem Bruder und meiner Freundin zusammen. Das ist Familie. Aber auch zu den Künstlern habe ich eine eher enge Beziehung. Ich wollte nicht viele Künstler signen, weil das eine große Verantwortung für sie und für mich ist. Bevor ich jemanden unter Vertrag nehme, stelle ich sicher, dass wir die Dinge gleich sehen, was das Geschäft, die Musik und persönliche Beziehungen angeht. Die Familie ist das Herz des Ganzen, Tchok, Joakim, I:Cube. Und dann kommen viele Freunde, die ein Album für das Label machen, wie Osunlade und Phil Asher aka Focus, der auch ein Album für Versatile machen wird.
De:Bug: Versatile bedeutet soviel wie wandlungsfähig und vielseitig. Sollte der Name deinen eigenen Background bzw. das Spektrum des Labels reflektieren?
Gilbert: Ich mochte das Wort. Zum einen, weil es im Englischen und im Französischen gut klingt, zum anderen wegen der englischen Bedeutung. Auf Französisch bezeichnet es jemand, der andauernd seine Meinung ändert. Also mag ich eher die englische Bedeutung. Ich kann mich schon seit langer Zeit nicht mehr für eine Musikrichtung entscheiden. Man muss alles ausprobieren und wissen, was gerade abgeht, und daraus seine eigene Synthese schaffen. Versatile nähert sich einmal technologisch der Musik mit dem Computer und mixt das mit einem dreckigen Sound. Eine Balance zwischen analog und digital. Das “Family Album” reflektiert den Geist des Labels ganz gut. Vielleicht machen wir in zwei Jahren alles anders. Ich bin einfach froh, ein Album zu haben, auf dem ich jemanden wie Paris Clemons neben I:Cube, Osunlade und U-Roy haben kann.
De:Bug: Wie steht’s mit Drum’n’Bass? Was sind die Pläne für dein anderes Label “Future Talk”?
Gilbert: Ich habe dreieinhalb Jahre nur Drum’n’Bass aufgelegt. Beim Auflegen habe ich schon viele Styles hinter mir, und jetzt bin ich zu einer guten Balance gekommen. Ich will keinen musikalischen Tunnel mehr haben. Als Drum’n’Bass anfing, mochte ich es sehr, weil es eine Fusion verschiedener Sachen war. Jetzt gibt es nur noch einen Sound, und für mich ist das ein Rückschritt. Deswegen spiele ich es nicht mehr. Das einzige Label, das ich noch checke, ist Reinforced.
Future Talk mischt sich gerade mit Versatile, weil es einfach schwierig ist, zwei Labels gleichzeitig zu führen. Deswegen habe ich mich entschieden, nur noch ein Label zu machen, um all die Künstler wie Joakim, Tchok, Deli K auf Versatile herauszubringen. Als ich Future Talk geschaffen hatte, war Versatile noch mehr im House- und Techno-Bereich angesiedelt. Das hat sich jetzt geändert. Da Versatile ein großes Profil hat und Future Talk nicht, ist es schwierig gewesen, den Leuten klar zu machen, was ich tue. Wenn ich Joakim auf Versatile herausbringe, verkaufe ich zwei- oder dreimal so viel. Also kann ich ihn so auch mehr fördern. Das ist also das Aus für Future Talk. Future Talk ist tot – hoch lebe Versatile.
De:Bug: Wie ist die Clubkultur in Paris? Gibt es so etwas? Ich habe gehört, es gibt mehr Bars mit DJs als wirkliche Clubs.
Gilbert: Um ehrlich zu sein, es gibt fast nichts. Wir sind wirklich beschämend für Europa (lacht). Wenn man z.B. nur nach Belgien blickt, sieht man schon den Unterschied. Es gibt dort viele Clubs und DJs. In Paris gibt es das Rex, das über die letzten zehn Jahre zu einer wahren Institution geworden ist. Das ist der offizielle Techno- und House-Club. Es gibt das Queens, einen Gay-Club, der offene Parties mit verschiedenen DJs macht. Und einmal im Monat gibt es eine Drum’n’Bass -Party. In diesem Sinne ist Paris wie ein kleines Dorf. Und das ist alles! Darum spielen wir auch nie in Paris. Überhaupt selten in Frankreich.
De:Bug: Beobachtest du als Ex-HipHop-DJ die französische HipHop-Szene?
Gilbert: Das Problem der Rapper ist, dass sie das Geld zu sehr lieben. Das killt die Szene ein bisschen. Wir haben ein Gesetz in Frankreich, dass im Radio mindestens 50% französische Produktionen gespielt werden müssen. Daraufhin wurde auf den großen Radiostationen viel HipHop gespielt, und die Rapper verkauften auf einmal viele Scheiben. Und die sind jetzt meistens mehr damit beschäftigt, viel Geld zu verdienen, als gute Lyrics oder gute Musik zu machen. Ich will nicht die ganze Zeit nur rummeckern, aber ich wäre ganz definitiv glücklich, freshe Sounds zu hören, die gut und inspirierend sind. Das ist aber bei HipHop in Frankreich gerade nicht der Fall. In den USA war es eine Zeit lang dasselbe. Es gab kommerzielle Acts, jetzt gibt es aber auch wieder Labels wie Rawkus oder andere Independent-Labels. Hoffentlich gibt es in Frankreich auch eine neue Welle von HipHop.
DB: Was hältst du von diesem Gesetz mit den 50 %?
G: Ich glaube, dass das kompletter Quatsch ist. Und komplett Anti-Europa. Wir bauen gerade Europa auf und versuchen, zusammen zu wachsen, und in Frankreich gibt es ein Gesetz, das nur französische Musik unterstützt. Das ist lächerlich. Außerdem fallen instrumentelle Stücke nicht darunter. Wenn man als Japaner einen Instrumentaltrack in Japan mit einem französischen Titel macht, wird es als ein französisches Stück gespielt. Wenn ich ein instrumentelles Stück in Frankreich mit einem englischen Titel mache, kommt es nicht On Air. Das ist Nonsens.
DB: Was sagst du, wenn man dich fragt, womit du deinen Lebensunterhalt verdienst? Als Produzent, Labelmanager, DJ oder Radio-DJ bei Radio Nova?
G: Alles! Am liebsten mag ich Parties, also lege ich gerne auf. Wenn man auf einer Party spielt, legt man auf, um die Leute zum Tanzen zu bringen. Wenn man im Radio spielt, versucht man, eine Atmosphäre zu schaffen. Ich mag den Gedanken, eine Art Dieb zu sein, weil ich über das Radio in die Wohnungen der Leute komme. Einmal in der Woche bin ich für eineinhalb Stunden ein Teil ihres Lebens. Musik gibt den Leuten Vibes, sie schafft Atmosphäre. Ich mag es, die Leute in ihren Häusern mit meiner Musik zu penetrieren.

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Elektronische Lebensaspekte.