Punk meets NDW Buch als gedruckte orale Geschichte zwischen Bürstenhaarschnitten und Computer-Helden von Damals. Mit Fehlfarben, Syph u.v.a. aus De:Bug 53

Verschwende deine Jugend!
“Verschwende deine Jugend!” hieß einst ein Song von DAF. Dem Publizisten Jürgen Teipel dient dieser Aufruf als Titel für seinen “Doku-Roman” über die frühen Jahre von Punk und Neuer Welle in Deutschland. O-Töne von 77 (!) Ur-Protagonisten aus Düsseldorf, Hamburg, Hannover, Berlin, Solingen, Wuppertal etc. umfasst diese an dem New Yorker Punkbuch “Please Kill Me” orientierte Oral History. Man begegnet alten HeldInnen wie Mittagspause & Fehlfarben-Sänger Peter Hein, Harry Rag von S.Y.P.H. oder Gudrun Gut. Die hier erstmals aufgeschriebenen Mikro-Erzählungen verketten sich zu einer mitreißenden Sozialgenealogie. Von faszinierten Londonbesuchen, verzwickten Kulturimport-Verhältnissen, Grüppchenbildungen und Rumgehänge in der Fußgängerzone, gefaketen Bandgründungen, spitzen Schnallenschuhen und Andockungen an die Kunstszene berichten die befragten Forty-Somethings. Erwähnung finden in seiner Mund-zu-Mund-Geschichte auch Unannehmlichkeiten, die das kollektive und individuelle Pop-Bewusstsein heute verdrängt haben dürfte. “Judensau-Bop” nannten beispielsweise die Düsseldorfer “Charley’s Girls” einen ihrer Songs. Erst als der politisch reflektierte Peter Hein zur Band stieß, war Schluss mit diesem unerträglichen Rechts-Geschocke. Vor allem aber erinnert dieses Buch an eine Zeit, in der man sich subkulturelles Wissen, Können und Genießen noch irgendwie selber zusammenbasteln und ERKÄMPFEN musste, anstatt es frei Haus geliefert zu bekommen. Wenn abweichende Lebensformen in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern auch gegen öde und lahme (Hippie-)Gegner durchgesetzt wurden, war das doch oft allemal aufregender, als die gegenwärtige friedliche Koexistenz von Oben und Unten, Links und Rechts, Mode und Verzweiflung. Ob “Verschwende deine Jugend” diese Sehnsucht auch an die, ähem, “jüngere Generation” aussendet, ist eine andere Frage. Wie dem auch sei: Kompliment an den unermüdlichen Teipel, eminente Leseempfehlung an den Rest! [ARAM LINTZEL]

Jürgen Teipel: Verschwende deine Jugend. Suhrkamp 2001. DM 19,89 (EUR 10,17)

Von Acid nach Adlon
Ein detaillierter Geschichts- und Verortungstrip rund um die Popliteratur, der letztjährige Dispute zum Anlass nimmt: Die Tristesse Royale im Berliner Adlon und den Literaturkongress in Tutzing, wo sollte er auch sonst anfangen. Und wie kommt nun der Hype um Pop zustande? Keine Ahnung. Wichtiger ist hier, wo er anfing. Bei den qualitativ besseren Beat-Poeten der 60er und 70er, deren anschließende Transformation in die 80er nachgewiesen wird. Da zieht sich eine Linie von gammeligen 68er-Hippies zu Punkmusik-Textern durch. Bis man bei den Alternativen zum Tristesse Royale-Dunstkreis heute ankommt, Stichwort “Social Beat”. Als dicke Zugabe gibt es eine ultimative Bibliographie. Ullmaier verlangt dem Leser konkretes Multitasking ab: Semiotische Spielchen lehnen das Layout an den “Acid”-Sammelband von 1969 an, Anmerkungen/Bilder/Zitate werden zum organischen Part des seitenmittigen Haupttexts. Das bedeutet kultiviertes Zappen vom Info zum Interview zum Statement. Straight-lineares Durchziehen beim Lesen ist nicht. Aber dafür sich aus den Facetten der Glitzerdiskokugel Pop einen fundierten Mix zusammenbrezeln und nebenher die Audio-CD mit Autoren-Liveset von Hubert Fichte im Starclub u.a. einwerfen. Ein wunderbares Buch, dass den Popliteraten auf die Schulter klopft mit dem Tip, besser Lesen zu lernen statt Dummschreiben.[Verena Dauerer]

Johannes Ullmaier, Von Acid nach Adlon und zurück. Ventil Verlag 2001. DM 39,90

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Elektronische Lebensaspekte.