Wenn einem alles gestohlen wird, bleibt nur die Erinnerung an Top of the Pops, zumindest für Vert. Aus dieser Erinnerung schöpft er den Mut zu einem Album, das Kate Bush mit Thelonious Monk versöhnt.
Text: Multipara aus De:Bug 106

Elektronika

Road Accident Funk
Vert

Manchmal muss es einen kalt erwischen, damit man vorwärts kommt. Adam Butler könnte ein Lied davon singen. Als die Ärzte ihm sagten, dass jetzt Schluss sei mit dem Skaten, machte er mit der Musik Ernst und gründete sein Projekt Vert, dessen erste 12″ mittlerweile zehn Jahre alt ist und von Breakbeat zu Elektronik mit Jazzpiano-Elementen glitt. Vor zwei Jahren wurde in sein Studio eingebrochen und alles Equipment mitsamt Backups gestohlen. Vert machte weiter – aber anders. Sein neues Album ist ein klassischer Phönix aus der Asche: vorbei die Zeit der ambienten Elektronikexperimente – “Some Beans & An Octopus” ist Pop. Was jedoch überrascht: Pop, der nicht auf elektronischer Tradition fußt, sondern direkt an britische Popmusik der frühen Achtziger anknüpft – als hätte Vert sich von dort ein Vierteljahrhundert in die Zukunft gebeamt und würde mit Produktionstechnik, Sounds und Beats von heute direkt weitermachen. Besonders auffällig: die (jenseits von HipHop) ganz ungewohnte Textlastigkeit des Albums.

Debug: Warum hast du nach dem Einbruch angefangen, andere Musik zu machen?

Vert: Ich hatte das Gefühl, dass ich die Gelegenheit nutzen muss, noch mal genau nachzudenken, was für mich persönlich wirklich wichtig ist. Und das war die Musik meiner Kindheit – Top of the Pops der späten Siebziger und frühen Achtziger.

Debug: Ich musste ja an Kate Bush denken – das Klavier als Hauptinstrument, Kontrabass, Saxophon, allerlei Percussion, selbstverständlich Elektronik, dazu die kleinen Geräusche und Stimmen im Hintergrund und die bildreichen Texte, in denen immer wieder dem Verstand der Boden unter den Füßen wegbricht, der Kopf übervoll ist. Und trotzdem groovt alles. Natürlich singst du ganz anders.

Vert: Hja! Nein, bei mir waren es eher Adam & the Ants. Jemand sagte mir, das neue Album erinnere ihn sehr an Fun Boy Three – auch das kommt gut hin. Ich wollte auch geradliniger, fokussierter werden, mit mehr Beschränkungen arbeiten – davor ging es in meinen Stücken immer um sieben Sachen gleichzeitig, und am Ende kam nichts richtig rüber.

Debug: Das Projekt heißt ja immer noch Vert. Wie soll denn dein Publikum reagieren?

Vert: Größer werden! Und weniger definiert – die Hörer sind im elektronischen Bereich oft weniger zugänglich, als man hoffen dürfte, wenn man an die Freiheit denkt, die sich dem Musiker da bietet.

Debug: Kann man das einsortieren, was du machst?

Vert: Keine Ahnung. Auf MySpace-Seiten muss man das ja zum Beispiel – da hab ich aktuell stehen “Experimental, Crunk, Show Tunes”. Das ist natürlich Unsinn.

Debug: Ich stelle mir die Musik ja auf der Bühne in einem Pub vor.

Vert: Ich arbeite auch grade an der Liveumsetzung mit meinen Mitmusikern. Aber wir würden überall spielen, wo man uns haben will. Ich finde ja auch, dass die Musik in einen Club gehört – die Texte kann man zu Hause hören, aber mir war durchweg wichtig, dass es funky wird.

Debug: Dein Lieblingsklavierstil ist ja Ragtime. Swingt Ragtime eigentlich?

Vert: Bei mir ja. Mich interessiert der Übergang von Ragtime zu Jazz, bei Jelly Roll Morton. Ich liebe aber auch Mingus – und er ist unglaublich funky.

Debug: Obwohl auf deiner Platte der Funk schon sehr komplex werden kann.

Vert: Ja. Mich begeistert das, wenn Thelonious Monk komplett abdreht und dann plötzlich wieder punktgenau im Beat landet! Ich nenn das gerne Road Accident Funk. Da haben wirs – das ist es, was ich mache.

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Elektronische Lebensaspekte.