Sebastian Gainsborough und sein Album "Order Of Noise" auf Tri-Angle Records
Text: Henning Lahmann aus De:Bug 166

Vessel ist Teil des Young Echo Collective aus Bristol. Mit seinem Debütalbum tritt er als erster seiner Kollegen wirklich ins Rampenlicht und übt sich an den Grenzen von Dubstep, House und Techno in Noise-Etüden.

Von TripHop in den frühen Neunzigern bis zur Revitalisierung von Dubstep in den letzten Jahren: Bristol ist neben London schon lange die bedeutendste Stadt Englands im Hinblick auf innovative, progressive elektronische Musik. Seit dem letzten Jahr sorgt das Young Echo Collective für Aufsehen, ein Zusammenschluss sechs junger Musiker, die in wechselnden Besetzungen und unter einer unübersichtlichen Anzahl von Namen für eine der derzeit aufregendsten Interpretationen von Clubmusik sorgen, verortet irgendwo an den wenig ausgeleuchteten Rändern von Dubstep, House und Techno.

Vessel – Stillborn Dub by TriAngleRecords

Als kreativer Ausgangspunkt des Kollektivs dient eine seit Ende 2010 gemeinsam produzierte und über ihre Website verbreitete Radioshow, die als Instrument vor allem den Freunden selbst dient, um musikalische Gemeinsamkeiten auszuloten. Nach ihrer “Entdeckung” durch Peverelist und der folgenden, beachtlichen Anzahl von EPs und Singles durch einzelne Mitglieder auf Labels wie Punch Drunk, Left Blank, Astro Dynamics und anderen ist es nun der 22-jährige Sebastian Gainsborough alias Vessel, der als erster wirklich aus dem Kollektiv heraus ins Rampenlicht tritt mit seinem Debütalbum “Order Of Noise”, das bei Tri Angle erscheint.
Was Gainsboroughs Musik unterscheidet von anderen Künstlern im Portfolio des Labels, ist das bewusst unfertige, skizzenhafte seiner Tracks. Wo bei Holy Other, Clams Casino oder Balam Acab jedes Arrangement exakt bis zum Ende ausgearbeitet ist und jeder scheinbare Zufall stets einem wohlüberlegten Konzept folgt, so verbleibt auf “Order of Noise” das meiste tatsächlich im Rohzustand. Vessel nimmt für seine Kompositionen Strukturen von Techno und House als Ausgangspunkt, jedoch ist das Ergebnis niemals wirkliche Tanzmusik. Vertraut erscheinende Phrasen werden zerstückelt und entkleidet, lose in unbekanntem Terrain wieder zusammengesetzt und schließlich abrupt fallen gelassen, um sich einem anderen Element im Arrangement oder gleich einem neuen Track zuzuwenden. “Mich interessiert die Idee der Etüde“, so Gainsborough, “es ist eine inspirierende Art zu arbeiten. Computersoftware stellt eine unbegrenzte Anzahl an Optionen zur Verfügung. Wenn man sich aber selbst auferlegt, nur innerhalb bestimmter Parameter zu komponieren, dann befreit man sich von dem Zwang, alles und alles gleichzeitig ausprobieren zu müssen. Meine Ideen und Ziele sind dabei stets im Fluss. Deshalb bleibt immer die Möglichkeit, sich in unerforschte klangliche Räume begeben zu müssen.“ Das Ergebnis ist sehr eklektischer Experimentalismus, der sich nicht nur bei Variationen elektronischer Tanzmusik bedient, sondern auf das ganze Spektrum moderner Musik zurückgreift. Vieles erscheint somit letztlich als bloße intellektuelle Spielerei, als ein plötzlicher Einfall. Auch der titelgebende Noise, oberflächlich eines der dominierenden Klangelemente der Platte, wird offen begriffen und bleibt als Struktur notwendigerweise ambivalent. “Noise als musikalisches Konzept ist inzwischen verkocht und von gestern“, findet Gainsborough. “Das ist genau das, was mich daran reizt. Die übermäßige Theoretisierung hat ihn in eine allgegenwärtige kulturelle Stimmung verwandelt. Er ist überall, aber niemand weiß, was er ist, deshalb kann er alles sein – Rohmasse. Und ‘Order of Noise’ ist ein absolut subjektives Modellieren dieser Masse.

Der scheinbar unbändige Drang zum spielerischen Experiment und die daraus folgende Weigerung, Ideen konsequent zu Ende zu führen, ist sicher auch das Resultat der Arbeit unter gleichgesinnten Freunden: Das Young Echo Collective bleibt primärer musikalischer Bezugspunkt. “Das sind zweifellos die Personen, deren Meinung ich am meisten respektiere und vertraue. Wenn ich ihnen etwas vorspiele, kann ich mir sicher sein, dass sie mir ehrliche Kritik geben, ohne unterwürfigen Bullshit. Das ist es, was du brauchst.” Erst im Kollektiv kommt Vessels Kreativität zur Geltung, sagt Gainsborough. “Für uns verkörpert Young Echo eine Utopie. Etwas, um der letztlich selbstsüchtigen Tätigkeit des Musikmachens Kontext und Sinn zu verleihen.

Vessel, Order Of Noise,
ist auf Tri Angle Records erschienen.

DE:BUG präsentiert: Vessel (live) bei Polymorphism #3, 26. Oktober, Berlin/Berghain.