YouTube ist das Paradies für bewegte Bilder. Hier wird alles geshared, was auf Festplatten und, noch besser, alten Videorecordern archiviert wurde. Sascha Kösch sieht eine große Zukunft für die guckenden Massen.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 102


Im real existierenden UMTS-Kapitalismus wäre YouTube Mobile die Killerapplikation. Noch aber muss sich die Social-Filmchen-Schleuder darauf vorbereiten, die Schlacht gegen das Immunsystem der Broadcasting- und Copyrightmafia zu gewinnen, dessen erste überdeutliche Anzeichen einem schon in jedem Nachmittagsprogramm ordentlich auf die Nerven gehen. Denn Boulevard im Fernsehen hat eine neue Jugendgefährdung entdeckt: Filmchen auf dem Handy. Porno, Snuff, Reality-Dokus mit Fußtritten in die Nieren. 15-jährige Zweizentner-Burgermonster erklären einem aber schon jetzt mit der Gelassenheit eines Konsumbuddahs: “Die kriegste nich’ mehr weg, die hat ja schon jeder.” Wir kennen das Argument von Filesharing, bislang hatten alle Recht.

YouTube gibt sich gerne als eine “Wir machen erst mal für uns”-Software. Die Gründer erklären willig: “Wir wollten ja nur einen einfachen Weg haben, Videos online zu stellen.” Glaubt ihnen kein Wort, die wollten Asche machen. Mitte letzten Jahres gab es schließlich – auch wenn der große Ausverkauf noch nicht so ganz begonnen hatte – den Web-2.0-Hype schon eine ganze Weile. Wahr aber ist, Videos sharen war nie so einfach wie nach YouTube. Und genau deshalb ist es auch viel mehr der Blueprint für ein Massenmedium als Google-Video.

Quälend lange Zeit war unser Konsum bewegter Bilder auf eine spärliche Ökonomie zwischen Fernsehanstalten und Filmproduzenten eingepegelt. Im Fokus der Tauschbörsen waren es logisch auch fast immer die “großen” Filme, Big Screen, obwohl TV-Serien ihnen längst den Status der am meisten runtergeladenen Daten abgeknöpft haben. Nur das ganze Gewusel, das Filmchen, der Schnipsel, das kleine, aber massenhaft via Emails oder verschickten Links verteilte Musik-Video, Werbevideo, Heimvideo und sonstiger Kram mit mehr Kicks als Dramaturgie hatte keine wirkliche Heimat und damit auch kaum Feinde.

Schick mal den Link
Seit dem Aufkeimen erschwinglicher Kameras, digitaler Videorecorder, Bildschnitt für jedermann, Kamerahandys und der stetig wachsenden Tauschwut viraler Ökonomien im Netz war es nur eine Frage der Zeit, bis sich endlich eine Webseite durchsetzt und der De-facto-Standard für eben dieses Format, das man vielleicht Mini-Screen nennen sollte, wird. YouTube hat es nicht erst seit den von ihm generierten Chartstürmern in Amerika oder Deutschland geschafft. Und wie? Denkbar einfach. Die Grundidee, Videos eben nicht als Portal zu präsentieren, sondern mit einem einfachen Cut-Copy-Paste-Link auf jede beliebige Webseite verbreiten zu können, passte letztes Jahr perfekt in die neu distribuierte Web-2.0-Welt aus Blogs, Feeds und sozialer Kollaboration und Filtern. Und die flickernde Aufmerksamkeit war so dankbar wie bei kaum einer anderen Webseite.

Dank Werbeblocks und Fernbedienung sind wir eh alle erzogen worden, kaum einem Film viel mehr Zeit einzuräumen als eine Viertelstunde. Man könnte YouTube als die Web-2.0-Variante des Zappens betrachten. Aber es geht um mehr, denn die Auswahl zwischen vielleicht zweistelligen Fernsehkanälen und sechsstelligen Videos ist nicht mehr die Frage zwischen mehr und weniger, sondern eine grundlegende Verschiebung des Paradigmas zum Betrachten von Filmen. Man baut sich seine eigene Videowelt zusammen aus Möglichkeiten, deren Grenzen man nicht mehr überblicken kann. Ein Menu ist eine Auswahl, YouTube ist eine Welt, und in der wird sich gerade eingenistet. Auf YouTube folgen schon überall die Web-2.0-Applikationen, die einem ermöglichen, Online-Videos nicht nur zu sehen oder auf eigenen Webseiten zu platzieren oder sonstwie zu propagieren, sondern auch weiterzumixen. Stellt YouTube die Elementarteilchen des neuen Massenmediums Mini-Screen dar, dann werden in Kürze die Chemie- und Genlabors dazukommen.

Und wie immer, wenn etwas so erfolgreich ist, stehen die Anwälte auch vor der Tür, denn der Masse an Videoeinstellern ist alles andere als klar, dass – sofern man es nicht selber gefilmt hat und alle Beteiligten und beteiligten Medien damit einverstanden sind – das Copyright über allem als drohendem Ende hängt. Rentenberge sind gegen Copyright-Verletzungsklagen ein Witz. Lipsyncing z.B. wird seit kurzem von der Musikindustrie ernsthaft unter die Rechtsanwaltslupe genommen, denn hier schwimmt quasi die einzige Verkaufsmaschinerie der Musikindustrie mit Erfolg, das Superstar-Building, im Netz in seine nächste Verkörperung. YouTube selber – bislang überraschend naiv in Bezug auf drohende Klagen – baut einen ersten Riegel vor zu lange Filme, denn ganze TV-Serien wanderten zwischenzeitlich zu YouTube, vor allem, wenn sie aufgrund irgendwelcher Probleme erst gar nicht ausgestrahlt wurden. Und so wie jeder Star schon jetzt einen Myspace-Beauftragen auf der Payroll hat, wird wohl in Zukunft ein YouTube-Profiler dazukommen. Denn Pop war immer schon zu flüssig, um sich an vorgeschriebene Medien zu halten. Der Videostar jedenfalls macht sich in YouTube auf, ein neues Gesicht zu bekommen. Und wenn schon jetzt YouTube ein mehr als erfüllter Ersatz für Videokanäle wie MTV etc. ist (wann gab es den letzten Hit, der sich seinem MTVIVA-Video zu verdanken hätte?), dann ist abzusehen, dass auch das Fernsehen Gefahr läuft, von einem Medium wie YouTube komplett abgelöst zu werden. Und was dann?

Zeit mit dem Medium ist keine Gemeinsamkeit mehr, die man teilen könnte. Das zeitversetzte Medium kennt keine Neuigkeiten mehr, sondern die vielschichtigere Ökonomie und Logistik der Gerüchte. Einschaltquoten sind keine irgendwann verstrichene Größe mehr, sondern bewegen sich in Wellen der Aufmerksamkeit. Inhaltliche Diversifizierung wird schnell die Aufmerksamkeit der Long-Tail-Verwerter auf den Plan rufen. Wir sind uns sicher, die ersten Autorenfilmer bei YouTube werden noch dieses Jahr von sich reden machen. Fernsehstationen werden ihre besten Schnipsel selbst bei YouTube einstellen, um sich im Licht von dessen Popularität sonnen zu können, es gibt eh kaum eine ernst zu nehmende Marketingagentur, die sich nicht längst bei YouTube eingeklinkt hätte, und während NBC z.B. noch zögert, ist Comcast Cable schon jetzt mit Star Trek 2.0 mittendrin. Automatisierte Channels werden zwar ein wenig TV-Normalität, wie wir sie kannten, wieder einführen, aber die Basis des Fernsehens von morgen wird User-Gewusel sein. Davon können wir alle ausgehen, selbst wenn YouTube noch nicht mobile ist.

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Elektronische Lebensaspekte.