Backstage, Mitschnitt, Feature
Text: Sarah Brugner aus De:Bug 117


Weil die heimische Videobloggerszene dem internationalen Trend um nichts nachsteht – weitere Interview- und Musikformate aus der BRD in der Kurzvorstellung.

Flasher
Flasher bilden den Anfang einer Reihe von in Berlin ansässigen Videoblogs. Hier plaudern Künstler, Musiker, Schriftsteller und sonstige Kreative ungezwungen über ihr künstlerisches Schaffen. Mit rund 200 Videointerviews gehört Flasher auch zu den umfassendsten seiner Zunft. Inhaltlich ist die Vielzahl an Künstlerportraits sehr kohärent. Um sie alle überhaupt vor die Kamera zu bekommen, nimmt man auch mal Variationen in der Form in Kauf. Bei vielen Interviews ruht die Kamera zwar auf ein und derselben Position – Frontalperspektive beziehungsweise verschiedene Neigungswinkel davon, bei einzelnen gibt es aber vermehrt Schwenks und Perspektivenwechsel. Auch die Licht- und Soundverhältnisse divergieren je nach Aufenthaltsort. Zahlreiche Aufnahmen werden scharfgestochen und bei klarem Sound an privaten Orten wie dem ruhigen Ambiente eines gut ausgeleuchteten heimischen Wohnzimmers getätigt. Andere wiederum finden im hektischen Halbdunkel eines Backstage-Raumes statt. Manches Mal steht das Interview für sich alleine, öfters wird es aber auch aufgeschmückt durch Einspielen kurzer Sequenzen, die das künstlerische Werk nicht nur aus der Erzählung, sondern auch in Ton und Bild vorstellen sollen. Daraus kristallisieren sich bunte Kunst- und Künstlerportraits, die in ihrer Mannigfaltigkeit und Unaufgeregtheit zu überzeugen wissen. Neben den hausgemachten Videointerviews hat man auch Videos anderer Webkünstler in die Sammlung aufgenommen. Selbst Video-Einsendungen (jedoch nur ausgewählte Veröffentlichung) von Seiten der User sind möglich.

Folge
Ein Interview-Magazin über die interessantesten zeitgenössischen Köpfe – so die Folge-Selbstbeschreibung. In der Tat kommen die Interviewpartner aus den unterschiedlichsten Bereichen. In der jungen Geschichte des Online-Magazins sind das bislang ein namhafter Koch, ein Schauspieler, ein Print-Designer und ein Radiomoderator, die offenherzig aus ihrem Leben erzählen. Hauptsache schaffend, bildend und kreativ. Die Interviews mit Tiefgang werden in ein kompaktes Paket zwischen fünf bis fünfzehn Minuten geschnürt und überzeugen durch schlichte Eleganz. Man versucht nicht, nach Showeffekten zu heischen, sondern lässt mit einer präzisen, klaren Kameraführung der Erzählung allen Platz sich zu entfalten. Die Videos sind ohne Frage von hervorragender Qualität. Jedoch ist die technische Professionalität nur Mittel zum Zweck – sie nimmt sich selbst zurück, um den Interviewpartner uneingeschränkt zur Geltung kommen zu lassen. Anbei gibt es noch einen Weblog mit kurzen Einträgen und interessanten Querverweisen zu vielen, vielen weiteren schaffenden, bildenden und kreativen Köpfen, von denen sich in Zukunft hoffentlich noch einige für dieses subtil schöne Format vor der Kamera einfinden werden.

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Hobnox
Ein Videoblog ist ein Medium der Veränderung. Das merkt man insbesondere auch bei Hobnox, die in ihrer jungen Geschichte das Programm schon ordentlich ausgeweitet haben. Angefangen als konzertanter Musikvideoblog bringen nach wie vor Ausschnitte von Live-Auftritten – ob The Go! Team, Digitalism, Mouse On Mars oder Stars -, Konzert- und Festivalambiente großformatig auf den heimischen Rechner. Jüngst in den Themenblock aufgenommene Interviewsequenzen und Darüber-hinaus-Themen – jetzt auch als eigene Kategorien unter “Stories“ und “Street“ angeführt – runden das knapp und kompakt gehaltene Programm ab. Das Augenmerk liegt weniger auf hintergründigen Reportagen als auf einem gleichförmigen Unterhaltungswert. Hobnox ist ein schlicht gehaltenes Format ohne viel Begleittext ausschließlich zum Videogucken. Es frisst ob der Videogröße etwas mehr Downloadvolumen, dafür kann man aber auch alles in bester Auflösung Full Screen abspielen. Orientierung erfolgt anhand raschen Durchscrollens durch die einzelnen Beiträge. Mal schauen, wie man das heranwachsende Baby dann ohne Allgemeinübersicht bei der schnell ansteigenden Anzahl an Beiträgen handhabt. Das sind jedoch alles nur Spielereien. Das wirkliche Manko ist aber, dass Hobnox als einzige der hier vorgestellten Seiten keine ansonsten blogtypische Kommunikation und Interaktion beispielsweise in Form von Kommentaren zulässt. Ungeschlagen, wenn’s ums Einfangen von Full-Screen-Live-Atmosphäre geht.

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Undertube
Christoph Schlingensief hat vor langer Zeit eine MTV-Show in einer U-Bahn moderiert. Was auf MTV nicht (mehr) funktioniert, bekommt im Netz eine neu interpretierte Chance. Wöchentlich findet sich das Moderatorenteam in der Berliner und Kölner U-Bahn zum Fachsimpeln über Indiepopmusik ein. Anders wie die obig genannten Interviewformate ist Undertube neben den u-bahntauglichen Kurzinterviews mit Bands wie The Hidden Cameras, Portugal The Man oder Polaroid Liquid vor allem auch Moderationsshow. Die grundsätzlich schon gegebene persönliche Färbung von Blogs bekommt hier auch noch ein Gesicht. Genau genommen pro Stadt zwei. Sowohl in Köln als auch in Berlin rezensieren und empfehlen Junge und Mädchen im Duo fleißig Konzert- und Albenangebot. Aufgegriffen wird, was dem Moderatorenteam gefällt. Das Format ist in seiner Laienhaftigkeit originell und charmant. Noch charmanter wäre es, wenn man ganz ohne den abgelutschten Billigfernsehproduktionenanklang auskommen würde beziehungsweise die bis dato zu gewollt aufmerksamkeitsheischenden Szeneübergänge, die Eingangs- und Schlusssequenz mit nervigem Gedudel und den einstudierten und gemeinsam gesprochenen Willkommens- und Verabschiedungsgruß humorvoller und trashiger auflösen würde. Alles in allem aber eine durchaus frische Do-it-yourself-Produktion.

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Fortschritt.tv
Mit Rostocker Kontaktadresse macht man sich bei Fortschritt.tv die Szene zwischen Musik, Kultur und Netzleben aus dem urbanen Raum Norddeutschlands zum Thema. Da wird bei Konzertauftritten gefilmt, Backstage ein Interview geführt oder über Musikmessen und Bloggerzusammenkünfte berichtet. Neben netten, gleichsam typisch bewährten Konzertmitschnitten und moderierten Interviews gelingen Fortschritt.tv gute Kurzreportagen. Ein Sammelsurium, wo man mit dem interaktiven Element Ernst macht. Fortschritt.tv beschränken sich nicht auf ihre eigene kleine Basis, sondern halten ebenso ihre Zuschauer an, sich durch Einsendung von Themenvorschlägen aber auch selbst produziertem Material am Alternativ-Fernsehen zu beteiligen. Der Blog überzeugt weniger durch Stringenz und Kohärenz in Form und Format als vielmehr durch die spielerische Leichtigkeit und Offenheit, mit der man an die Beitragsgestaltung herangeht.

Für den ultimativen Vergleich mit dem französischen Gegenüber siehe hier.

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Elektronische Lebensaspekte.