Internet rettet Fernsehen, jetzt wirklich
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 118

Wir wissen es alle schon lange, das neue Fernsehen wird im Netz stattfinden. Doch noch klafft eine Riesenlücke zwischen dem, was man User-generierten Inhalt nennt, und dem, was wir früher mal Fernsehen nannten. Denn vor allem eins ist bislang fast noch nie unternommen worden: Struktur und Inhalt wirklich eng miteinander zu verknüpfen. Die Plattform Hobnox macht sich an genau diese Arbeit.

sly-fi_channel_02.jpg

Bislang haben wir auf der einen Seite den Userinhalt. Der ist lustig. Ein Obskuritätenkabinett. Vorgeführt, wenn man das Pech hat z.B. eine der deutschen Videoplattformen zu benutzen, in Clipshows, deren mediale Geschichte sich haargenau an den Pannenshows der ersten Videokamerageneration orientiert. Zwar rekrutieren und vermarkten erste Hollywood-Agenten auch im Netz die ersten YouTube-Stars und -Sternchen, aber ihr Glück ist es dann, auf irgendeinem obskuren Regionalsender im fernen Osten der USA zu versacken.

Auf der anderen Seite unternehmen Services wie Joost die schwere Aufgabe, gleich das komplette Fernsehen im Netz zu machen, die Inhalte aber rekrutieren sich hier aus dem klassischen Medienpool. Clips und Filmchen, deren Haltbarkeitsdatum für das normale Fernsehen gelegentlich abgelaufen ist. Ganz ähnlich der Methode von US-Fernsehsendern, die ihre abgesetzten Serien ins Netz zum Sterben schicken, wenn nicht gerade Autorenstreik ist. Beides macht Spaß, beides hat schon viel verändert, aber wenn das Netz wirklich zu einer ernsthaften Konkurrenz des Fernsehens werden will, dann braucht es mehr.

99stories_ohgosh.jpg

Mehr als ein Videomagazin

Dieses mehr geht Hobnox, eine Firma mit Sitz in Berlin, Köln, München, London und Boston, diesen Winter an. Gestartet mit mittlerweile vier so genannten Channels (SlyFi, 99Stories, Str33t und als letztes MI145) hätte man zunächst vermuten können, dass sie einfach nur ein – wenn auch vielschichtiges – Videomagazin werden wollen, das auf der Suche nach neuen Formaten für das Netz ist. Doch tatsächlich steckt einiges mehr dahinter.

Hobnox hat sich nämlich genau dieser Aufgabe der Verschmelzung von Struktur und Inhalt verschrieben. Und man kann während der so genannten Hobnox Evolution dabei zusehen. Die von der Redaktion (Chefredakteur übrigens der ehemalige Spex-Redakteur Uwe Viehmann) zurzeit erstellten Beiträge und Formate sind nur der Anfang. Im Laufe der nächsten Monate wird Hobnox ständig erweitert. Zunächst folgt die Basis einer Community, die einem wie bei den klassischen Plattformen wie YouTube etc. ermöglicht, eigenen Inhalt zu präsentieren, aber auch kollaborativ an einem Projekt zu arbeiten.

Und wie bei den advancteren Plattformen wird es auf Hobnox eine ausgefeilte Toolbox geben, mit der man seine Videos auch – so denn der heimische Schnittplatz nicht reicht – online bearbeiten kann, die so genannten Nox-Tools. All das wird natürlich in die Channels integriert, sodass auf der Sendungs-Plattform die User ebenso ein Gewicht bekommen wie die Redaktion. Was bislang kläglich mit so genannten Empfehlungen auf den meisten Videoplattformen realisiert wird, wird hier zum Konzept. Und um zu zeigen, dass Hobnox es ernst meint mit den Inhalten, ist seit dem ersten November ein Preis ausgerufen, der in drei Kategorien, Urban Culture, Kurzfilm und Musik, nach interessanten Formaten sucht. Die neun von den Usern ausgesuchten Finalisten (Einsendeschluss Ende Januar) werden im Februar dann von einer Jury zu drei Gewinnern destilliert und die Gewinner erhalten beim Hobnox Evolution Festival vom 27. bis 28. Februar in Berlin eine Förderung von je 25.000 Euro.

str33t_bangbangberlin_bath.jpg

Es geht also nicht nur darum, wie sonst so oft üblich, die Masse der Videoproduzenten zu einem feinen Produkt zu machen, deren Gewinne dann multinational abgeschöpft werden, sondern um fast schon klassische Kulturförderung. Eine Verschmelzung also, die auf der Plattform-Ebene Stück für Stück nachvollzogen werden soll. Hobnox wird also nicht nur eine Videoplattform wie alle anderen oder ein Formatvideohub wie all die, die aus der Videoblogszene entstanden sind, sondern versucht die Wirkungen von redaktionellen Qualitäten mit einer kompletten Freiheit und Vernetzung der User zusammen abreiten zu lassen und wird so vielleicht wirklich zu dem herausragenden Projekt, das einen die Flimmerkiste endgültig aus dem Fenster werfen lässt.

Yousef Hammoudah, einer der Mitgründer von Hobnox und u.a. ehemaliger New Media Manger bei EMI Music und Moderator und Redakteur bei Viva Plus, erklärt das genauer.

De:Bug: Wo ist der Platz von Hobnox im Online-Video-Universum?

Yousef Hammoudah: Die heutigen Möglichkeiten des Internets revolutionieren den Medienmarkt in allen Stufen – das ist sicherlich keine neue Erkenntnis. Allerdings hat die Umstrukturierung des Musik- und Filmbusiness unter dem Druck des Internets bisher noch keine wirklich akzeptablen Lösungen für Künstler und Kreative entstehen lassen. Hobnox schließt die inhaltliche und qualitative Lücke zwischen den etablierten Strukturen der Medienwirtschaft und dem für Kreative unattraktiven Umfeld der User Generated Content-Portale.

Unser Fokus liegt auf Musik, Film und Urban Culture. Entsprechend wenden wir uns an die Kreativen dieser drei Bereiche: an die musikalische Avantgarde, die Visionäre der Filmkunst und an Protagonisten urbaner Subkultur. In dieses Feld gehört für mich das weite Spektrum der Straßenkunst, Straßensport von Skaten bis Fußball, von BMX bis Parcour, Mode mit allem, was dazugehört, sowie Events und durchaus auch politische Ausdrucksformen.

yousef_hammoudah.jpg

De:Bug: Woher stammt eure Motivation?

Yousef Hammoudah: Mit Hobnox entsteht etwas grundlegend Neues: eine Plattform für selbst bestimmte, redaktionell unterstütze Produktion, Präsentation und Verwertung audiovisueller Qualitätsinhalte. Wir bieten eine Bühne, auf der hochwertige Inhalte nicht länger von den Trivialitäten des Internets verdeckt werden. Wir haben den Vorteil, dass wir die Bedürfnisse unserer Zielgruppe sehr gut kennen. Die Teams stammen überwiegend aus der gleichen Szene und nicht zuletzt haben die drei Gründer selbst einen nicht unwesentlichen Teil ihrer Zeit damit verbracht, gemeinsam Musik zu machen. Hobnox verwirklicht das, was wir uns persönlich immer gewünscht haben: eine Online-Plattform für die Kreation und Präsentation anspruchsvollen Web-Entertainments.

Das Besondere ist, dass mit dem Start des Portals die besten nutzergenerierten Inhalte die Programme unserer Web-TV-Channels bereichern werden. Wie finden wir die? Entweder durch Nutzer-Empfehlungen oder wenn unsere Redakteure sie selbst entdecken. Dadurch verschmelzen redaktionelle und nutzergenerierte Inhalten immer stärker – wir bieten dann neben Programm aus Eigen- oder Partnerproduktionen sozusagen auch Programmelemente an, die aus der Community stammen, natürlich immer unter Wahrung redaktioneller Hobnox-Standards. Auf hobnox.com können Künstler Inhalte präsentieren, eigenständig oder interaktiv produzieren, sich mit Gleichgesinnten austauschen und ihre Werke vielleicht auch zu Geld machen. Einige bahnbrechende Tools auf der Plattform werden den Nutzern komplett neue Möglichkeiten bieten – so viel sei schon jetzt verraten.

str33t_11freunde.jpg
http://hobnox.com

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

2 Responses