Vloggertum statt Bloggerruhm: MTV-los glücklich
Text: Sarah Brugner aus De:Bug 117


Mehr Bandbreite, mehr Medium. Nachdem Blogs den Ton für sich entdeckt hatten, steht seit längerem die Erweiterung um Video an. Einer der interessantesten Videoblogs ist die “Blogothèque”.

Die Umstände, unter denen Videoblogs, kurz Vlogs genannt, im deutschsprachigen Raum massenmedial bekannt wurden, hätten nicht tragischer sein können. Als Ende Dezember 2004 der Tsunami über Südostasien hereinbrach, griffen große Fernsehstationen mangels eigenen Materials auf Videoaufnahmen von Betroffenen zurück, die ihre Bilder selbst ins Internet gestellt hatten. Ein furchtbares Szenario und trotzdem – die Flut verebbte, der Videoblog blieb.

Die klare Abgrenzung zwischen dem Konsumenten und Produzenten von öffentlich gemachten, bewegten Bildern sind seit damals zusehends im Verschwimmen begriffen. Internetanbindung, Computer mit Amateurschneidetool, Videokamera und bestenfalls eine originäre Idee sind alles, was man fortan brauchte, um in der Vlogosphäre mitzumischen. An einem Ort, an dem Startkapital, finanzielle Einnahmen und Einschaltquoten nicht alles bestimmende Referenzgrößen sind, gedeihen vor allem auch Formate jenseits der herkömmlichen Televisionskultur. Im aktiv gestalteten Fernsehen von allen für alle vollzieht sich eine schleichende Revolution, bei der der Laie die Nase immer öfter vorne hat.

Eine aus diesem heterogenen Feld hier dargestellte Spielform – das etwas andere Musikfernsehen.

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Musikfernsehen im Blog

MP3s und Audioblogs stehen seit längerem in einer von der Musikindustrie heftig umworbenen Beziehung inmitten des medialen Rampenlichts. Das Internetradio mit den von den Benutzern aktiv mitgestalteten Hörerprofilen hat nicht zuletzt mit Last FM und MySpace die Radiolandschaft ordentlich umgekrempelt. Alternative Onlineplattformen zum Radiohören gibt es. Was aber wird den Freunden visualisierter Musik geboten?

Herkömmliche Sendeformate wie MTV, bei denen Musikvideos nur mehr am Rande ausgestrahlt werden, einmal außen vor gelassen, kann man sich zwar in einer der x-beliebigen Sammlungen von Webvideos – youtube – auf die Suche nach Videos von Musikern seiner Wahl begeben, doch auch dort gilt: keine hilfreiche Erklärung, keine interessanten Empfehlungen, keine originäre Idee und schon gar kein roter Faden, was Inhalt und Form anbelangt. Wer’s persönlicher, leidenschaftlicher und weniger wahllos möchte, der sollte sich besser nach hochkarätigen Musik-Videoblogs umsehen. Von uns exemplarisch herausgegriffen, eine der sicher empfehlenswertesten Seiten für Freunde avancierter Konzert-Videos: die französische Blogothèque, in ihrer englischen Ausführung bekannt auch als:

Take-Away Shows

Das Konzept der Shows zum Mitnehmen mit Podcastfunktion ist so einfach wie erfolgreich: “You meet a band. You take them outside, in the streets, and ask them to play there, shoot the movie in one unique shot, whatever happens.“
Wenn die Musiker nun durch die Straßen wandeln und dazu angehalten werden, in der Regel zwei Songs akustisch einzuspielen, dann sprüht es nur so vor Experimentierfreude. Ob nun das Spontankonzert in einem Lift oder in einer Wohnstraße mit dazustoßenden Kindern umgesetzt wird, die spielerische Einbeziehung der Umwelt ist für jedes dieser Unplugged-Konzerte unverzichtbar.

Um Musikfernsehen zu machen, bei dem für gewöhnlich Professionalisierung und Makellosigkeit tonangebend sind, braucht man entweder viel Geld oder aber vielmehr Erfindungsreichtum. Und ein Medium zur Improvisation – einen Videoblog eben. Über die Beschränktheit der Mittel ist man sich bei den Take-Away-Shows vollends bewusst. Diese vermeintliche Schwäche wurde aber gleichermaßen in den größten Vorzug des Video- und Audioblogs verwandelt: der perfekten Inszenierung wird das liebevolle Chaos entgegengehalten. Man versucht gleich gar nicht großartig aufzubessern, viel nachzubearbeiten, kurz gesprochen – einen auf professionell zu tun. Das Ergebnis ist von rauem Charme, spontanem Witz und in seiner Reduziertheit oftmals ergreifend. Darin liegt wohl auch der Reiz für die Musiker, die diese Auftritte alle umsonst absolvieren.

Umsonst im Sinne von unbezahlt, denn nach nun mehr als eineinhalb Jahren Laufzeit und einer stetig anwachsenden Blogothèque-Fangemeinde kommt die Rendite in Form erhöhter Aufmerksamkeit zurück. Eine Aufmerksamkeit, die sich sowohl für die Musiker als auch die Blogothèque-Produzenten für andere, finanzielle Zwecke als nützlich erweisen kann. Zuvorderst geht es aber um die Überzeugung, denn unmittelbar fließt nichts an Geld, in keine Richtung. Auf die allererste Aufnahme in einem kleinen Pariser Vorstadtcafé mit der Spinto Band folgt nun nach beinahe 70 vorwiegend in Paris umgesetzten Take-Away-Shows mit diversen Künstlern wie Au Revoir Simone, Menomena, Liars, Herman Düne, Arcade Fire oder The Shins die komplette visuelle Umsetzung des aktuellen Albums von Beirut in den Straßen von New York.

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Ins Leben gerufen wurde der Blog von Vincent Moon, bei den Shows regieführend, und Chryde, zuständig für kreativen Input. Vincent Moon zu den Anfängen:

Grundsätzlich habe ich immer schon Kameraarbeit gemacht. Zu dem Zeitpunkt, als wir die Idee mit der Seite hatten, hatte ich von den herkömmlichen Formaten einfach schon die Nase gestrichen voll. Was Neues musste her. Und zwar sofort.

De:Bug: Warum also ein Videoblog? Hast du je daran gedacht, mit eurer Idee beim Fernsehen anzuklopfen?

Vincent: Für mich war ganz klar, dass dieses Projekt wirkliches “Design“ sein sollte. Wenn man sich alle möglichen Medienformen durchdenkt, dann ist das auf jeden Fall die schnellste Form, um seine Pläne umzusetzen. Warum sollte ich mit den Leuten vom Fernsehen verhandeln? Ich will nicht beim Fernsehen arbeiten. Ich will nicht mit dem Fernsehen arbeiten. Ich hasse das Fernsehen. So viel hirnloses Zeug. Ein völlig anderes Format musste her. Weg von der MTV-Unkultur. Der Blog ist ein willkommenes Umsonst-Medium.

De:Bug: Es gibt eine Menge Musikblogs. Viele davon sind Audio- und MP3-Blogs. Denkst du, dass es zu wenige Musik-Videoblogs gibt?

Vincent: Auf alle Fälle. Was Videos anbelangt, denken die Leute wohl immer noch, dass das zu viel kostet. Stimmt nicht. Ich will mit meiner Billigproduktion nicht Teures imitieren. Das klappt sowieso nie. Ich will was Neues, anderes, Einfaches. Bei den technischen Neuerungen kann das jeder. Als wir das Projekt begonnen haben, dachte ich so bei mir – hoffentlich überschwemmt diese Idee die Welt. Hoffentlich machen das in den nächsten Monaten und Jahren immer mehr Leute. Alles lo-fi, versteht sich. Ich will zeigen, dass das jeder kann. Du kannst das. Es ist echt einfach.

De:Bug: Wie du beschrieben hast, war diese reduzierte Arbeitsweise am Anfang auch zwingend. Doch mit dem Erfolg wachsen gleichsam die Möglichkeiten. Habt ihr euch denn von Anfang an bewusst für dieses einfach gehaltene Konzept entschieden?

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Vincent: In der Tat. Die Idee gab es vom Beginn an – eine Einstellung, eine Aufzeichnung, eine Kamera. Natürlich gab es da und dort Änderungen, aber das Grundkonzept und die einmalige Aufzeichnung, die blieben. Wir haben auch gar nicht die Zeit, da viel zu inszenieren. Die meisten Bands treffen wir für maximal eine Stunde. Da muss man schon mit viel Energie und der Einstellung rangehen – wir werden zusammen Spaß haben. Wir haben nicht lange Zeit und dürfen deswegen gar nicht erst anfangen, uns über Perfektion den Kopf zu zerbrechen. Solange wir uns mit Begeisterung dranmachen, wird sich auch die Atmosphäre einstellen. Wir wollen ja nichts anderes, als den momentanen kreativen Prozess einzufangen. Dafür ist der dann aber auch einzigartig.

De:Bug: Begeisterung ist ein gutes Schlüsselwort. Auch die Musiker strahlen sehr viel Enthusiasmus aus. Wie bringt man beispielsweise Arcade Fire dazu, einen absolut engagierten Auftritt in einem Lift hinzulegen?

Vincent: Gute Frage. Das war nämlich nicht einfach. Wahrscheinlich waren wir einfach lange genug lästig. Ein halbes Jahr Überzeugungsarbeit und wir wussten bis zur letzten Minute nicht, ob das dann auch tatsächlich klappen würde. Danach war es aber einfach nur großartig. Wenn man eine Band einmal überzeugen konnte, dann ist der Job so gut wie erledigt. Die machen das dann ja auch gerne. Das ist auch für die mal was Neues. Mittlerweile bekommen wir schon Anfragen von Bands. So viel Zeit haben wir dann gar nicht. Außerdem möchte ich nur das rausbringen, was ich wirklich liebe.

De:Bug: Und alles als Podcast?

Vincent: Genau, man kann sich alles auf den iPod laden und in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit ansehen. Ein sehr urbanes Projekt. Richtiggehend für Internet und iPod konzipiert. Das ist nicht TV. Darum geht es auch. Wenn man mit einem neuen Medium arbeitet, dann muss man sich auch ein ganz neues Format einfallen lassen. Das ist was Grundsätzliches. Es macht mich wirklich traurig, wenn ich Videoblogs sehe, die einfach nur versuchen, das gewöhnliche Fernsehformat zu kopieren. Man muss sich schon was überlegen, sich was trauen. Welche Form soll das Ganze annehmen? Wie will man mit den Leuten kommunizieren? Das ist der große Unterschied zum Fernsehen, die senden nur in eine Richtung. Videoblogs sind auf gleicher Augenhöhe. Und interaktiver. Wir sagen gleichsam – You can do it yourself!
http://www.blogotheque.net

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Elektronische Lebensaspekte.

2 Responses

  1. folge

    @kaputt hatte ich noch gar nicht gesehen. gab in der de-bug mal interview mit vincent moon: "ich hasse das fernsehen." http://bit.ly/6nDXHn