Digicams mit 35-fache optische Vergrößerung
Text: anton waldt aus De:Bug 117

Die Zoom-Stärke von Konsumenten-Digicams setzt dieser Tage zu einem Quantensprung an: 35-fache optische Vergrößerung und ein digitaler Nachbrenner erweitern den Video-Horizont von Hobbyfilmern frappierend, neue Video-Ästhetik und -Moral inklusive.

Elektronik für Konsumenten soll ja vor allem eines sein: gutes Spielzeug. Also im Idealfall Spielzeug, mit dem man nachhaltig seinen Spaß hat und das als Produktionsmittel die gewünschten privaten Kulturgüter hervorbringt. Die aktuelle Zoom-Klasse der Digi-Cams erfüllt diese Voraussetzungen wohl ziemlich einwandfrei.

Für weniger als 300 Euro (im Netz) bekommt man nämlich dieser Tage kompakte Videokameras mit 35-fachem optischem Zoom, womit man glatt drei- bis viermal näher ans Geschehen kommt als mit bislang gängiger Konsumentenware. Und drei- bis viermal näher rankommen bedeutet in diesem Fall einen echten Quantensprung, weil sich völlig neue Bilderwelten erschließen. Allein der Blick aus dem Fenster wird mit den Kompakt-Cams zum echten Abenteuer: Die Taube auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses, die jugendlichen Eckensteher an der nächsten Straßenkreuzung oder der vorbeifahrende Linienbus werden mit diesen Spielzeugen plötzlich zu filmreifen Szenerien. Dabei spielt natürlich die Faszination eine Rolle, dass man Dinge oder Personen aus 200 oder 300 Metern Entfernung unbemerkt beobachten kann.

Ausweitung der Medienzone

Ob das nun moralisch bzw. legal einwandfrei ist, dürfte uns noch beschäftigen, denn wenn alles mit rechten Dingen zugeht auf dem Gadget-Markt, dann bedeutet das Aufkommen der neuen Zoom-Klasse wohl, dass so mächtige Vergrößerungs-Funktionen in naher Zukunft zum Standard werden. Die Ausweitung der Medienzone schreitet mit der neuen Zoom-Klasse auf jeden Fall munter voran, und in diesem Fall sind das wohl auch gute Nachrichten für die Produzenten von Vorhangstangen und Jalousien.

Aber auch jenseits des Voyeur-Aspekts, der sich schlicht aufdrängt, sobald man einen derart leistungsfähigen Zoom zur Hand hat, erschließen sich ganz neue ästhetische Felder: Menschen, die sich unbeobachtet fühlen, verhalten sich nämlich schlicht ganz anders, als solche, denen die Kamera gerade auf den Leib rückt. Und dieser Effekt tritt sogar dann ein, wenn die Gefilmten wissen, dass eine Kamera läuft. Zudem ermöglicht der Zoom neue Ebenenschichtungen, also die Darstellung von Gleichzeitigkeiten in einer Einstellung: Man sitzt am Küchentisch, filmt das Geschehen in der Bratpfanne, zoomt aus dem Fenster zur Szenerie vor der Tür und dann noch einmal, um bei Gerüstarbeiten auf einem Dach drei Blocks entfernt zu landen.

Klon-Objektive schauen dich an

Vor einem genaueren Blick auf die beiden getesteten Kameras muss allerdings noch auf eine Auffälligkeit hingewiesen werden: Die GR-D760 von JVC und die MD130 von Canon ähneln sich nämlich nicht nur in ihrem Leistungsumfang fast bis aufs Haar, sondern auch in ihrer grundsätzlichen Gestaltung. Und beim Stöbern im nächsten Elektronikgroßmarkt kann einem nicht entgehen, dass beispielsweise die VP-DC171 von Samsung ebenfalls ziemlich baugleich daherkommt.

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So was verwirrt entscheidungsfaule Konsumenten natürlich kolossal und ist aller Wahrscheinlichkeit nach darauf zurückzuführen, dass die großen Unterhaltungskonzerne auch die Entwicklung neuer Geräte gerne mal den Auftragsfertigern überlassen. Demnach haben wohl schlaue chinesische Ingenieure den fantastischen Zoom ausgeknobelt, dann wurde das fast fertige Ergebnis den Markenherstellern angeboten, die dann nur noch Designdetails festgelegt und die Software nach eigenen Gepflogenheiten gestaltet haben.

Stativ nicht vergessen

Angesichts ihrer gleichförmigen Herkunft ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die getesteten Modelle sich nur in Nuancen unterscheiden, wobei am augenfälligsten ist, dass JVC bei der GR-D760 deutlich mehr Metallteile verbaut, wodurch sie sich etwas hochwertiger anfasst als die MD130 von Canon. Rein funktional macht das allerdings keinen Unterschied und im Großen und Ganzen gilt für beide Kameras, dass sie ein ordentliches Preis-Leistungsverhältnis bieten.

Die Qualität der Videos entspricht ziemlich genau dem, was man von einer kompakten Digicam für rund 300 Euro erwarten kann, solide Filmkost, die man schnell aus der Hüfte schießt. Beide Modelle sind recht zugänglich, auch wenn man die Bedienungsanleitung ignoriert, kann man nach fünf Minuten losfilmen. Auch die Übertragung auf den Rechner gestaltet sich unkompliziert im Plug-and-Play-Verfahren: Firewire-Kabel einstöpseln, iMovie anwerfen, fertig. Als Speichermedium stehen SD-Speicherkarten oder Mini-DV-Kassetten zur Auswahl, Standfotos sind auch während des Filmens möglich und das Zappen durchs Menu geht mittels eines Zwergsteuerknüppels ziemlich intuitiv von der Hand.

Aber auch die einzige echte Enttäuschung teilen sich beide Kameras: Das Surren der Mini-DV-Kassette ist beim Abspielen deutlich zu hören, für eine einwandfreie Tonspur empfiehlt sich daher der Anschluss eines externen Mikros. Und um den Zoom-Spaß voll auszuschöpfen, braucht man selbstverständlich ein Stativ, weil man ab 20-facher Vergrößerung ein Zen-Meister sein muss, damit das Bild nicht dramatisch wackelt. Dafür wird die Videoinstallation im Wohnzimmer mit einem Stativ zum Kinderspiel: Einfach die Kamera mit dem Fernseher verbinden, den Zoom auf eine Straßenecke in 300 Meter Entfernung richten und fertig. Tolles Spielzeug, die neue Zoomklasse.

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Elektronische Lebensaspekte.