Podcasts bleiben im Radioformat stecken, Videoblogs rätseln auch noch, was für Möglichkeiten sie eigentlich haben. Es kann nur immer spannender und spannender werden.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 99

Revolution ohne Agenda
Videoblogs und Podcasts

Tja, Tagging ist verkauft. Flickr & Del.Icio.us gehen an die neuerdings als menschlich getaggten Yahoo, Web 2.0 als Ganzes balanciert auf der Grenze zwischen Venture mit großem C und Adventure. Und da wird man schon mal laut. 2005 war das Jahr, in dem Vlogs genau wie Podcasts sich nicht zuletzt auf Druck der Hardware unter dem Zwang sahen, ein Genre zu werden. Das ist immer blöd. Vor allem in einem Jahr ohne Genre. Inhalte, das ist so Web 1.0, könnte man sagen. Aber während Vlogs noch drauf scheißen, ja, richtige Punk-Manifeste in die Welt schießen, haben die Podcaster dieser Erde eher das Problem, mit der Fönfrisur des Übervaters Curry klarzukommen. Ich wundere mich ernsthaft, warum niemand Deleuze zum Web-2.0-Patron ausgerufen hat. Wird wohl noch kommen. Kam bisher immer, wenn es einen Grund gab, an das Web zu glauben.

Beim Feind ist man sich in der Videoblogger-Welt – sofern man wirklich einen braucht – einig, und je nach Präferenz (ob man eher rein erzählerisch sein will oder informationell) sind es Hollywood oder die Medienmogule. Dass Videobloggen in der großen Welt der Öffentlich-Rechtlich-Privaten angekommen ist und das Fernsehen den klitzekleinen Screen als Verkaufs-/Vertriebskanal in den Fokus gerückt hat, schadet dabei nicht mehr, denn nicht mal iTMS hat es geschafft, sich eine Videoblogger-Sparte zu gönnen, schließlich sollten Videos ja der Markt 2005 werden, vom iPod bis zum Handy-TV, da kann man dieses anarchistische Gewusel nicht gebrauchen. Und, seien wir mal ehrlich, Rocketboom & Tagesschau, das ergänzt sich hervorragend. Das ganze Jahr über haben sich die Vlogger-Technoratis auf Konferenzen wie VloggerCon getroffen und man weiß, man ist nach 2005 unvereinnehmbar. Der kurze Frühlings-Podcast-Hype (jetzt offiziell Oxford Dictionary Wort des Jahres) hat Videoblogs nicht den Wind aus den Segeln genommen, sondern hing wie ein Sonnenschirm über den Filmemachern von morgen und ließ alle unbeschadet durch das geistige Ozonloch 2005 kommen. Und die paar Fixes im Oktober für den Video-iPod der fünften Generation waren schneller gemacht, als irgendjemand einen Videorekorder programmieren kann.

Im Gegensatz zu Sprache (Podcasts) und Text (Blogs) haben Videos den Vorteil, schlechter indizierbar zu sein. Klar, man kann sie taggen, katalogisieren, auf eine Map-Matrix kleben und tut all dies auch mit typisch wuseliger Web-2.0-Gründlichkeit. Aber ein Thumbnail eines ungesehenen Videos sagt eben doch weniger über sich selbst als ein von Google indizierter Text, und was einem vor die Kamera kommt, lässt sich noch weniger auf eine eigene Aussage reduzieren als die übliche Podcast-Gedanken-Sammel-Situation vor dem heimischen Studio. Während Podcasts deshalb dieses Jahr nur gelegentlich aus der Radio-Metapher ausbrechen konnten, wie z.B. bei den vielen SciFi-Autoren, die ihre neuen und alten Texte als Fortsetzungsroman lesen, wirkt die Videoblog-Welt auch in ihrem zweiten Jahr und bei aller Professionalisierung der Software (Fireant, DTV, iTunes), als wäre Video im Netz grade erst erfunden worden.

Und im Grunde stimmt das auch. Zwar haben wir ein Jahrhundert bewegte Bilder hinter uns, Berge Filmgeschichte gebunkert, tausende Familienvideos ertragen und eine persönliche Fernsehlebenswelt, die im Durchschnitt neben Schlafen und Arbeiten längst zum drittnatürlichsten Lebensfeld geworden ist. Was aber mit Video alles anzustellen ist, wenn man es selber macht, ist 2005 weniger klar als je zuvor. Erst mal machen. Und genau deshalb ist meine Lieblingsmetapher auch Michael Verdis Vlog Anarchy. Punkrock mit Flipchart und der Fokus nicht auf die Augen, sondern auf die große Klappe.

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Elektronische Lebensaspekte.