mr schnauss brd dnb
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 04

VIew To The Future
Die Nichtsynthetisierung des Synthetischen

Sascha Kösch
bleed@buzz.de

Es ist immer schön, sich mit jemandem in Berlin treffen zu können, zumindest wenn man dort wohnt. Man trifft sich in einem Café, das man eher zufällig auswählt, irgendwo in der Mitte der Stadt und ist nicht mal wirklich überrascht, wenn in den Hinterräumen ein Drum and Bass Studio steht und Beats rollen, immer wieder die gleichen und scheinbar genau das perfektioniert wird, was jahrelang nicht funktionieren konnte. Drum and Bass in Deutschland ist mehr geworden als ein Freizeitsport für ein paar hippe DJs und ein paar im großen Englandwahn verlorene Producer. Es ist für viele ein Teil des Überlebens geworden und überall entdeckt man neue Leute, die sich soweit selber in eine noch nicht einmal wirklich formierte Szene einleben, daß sie sie nie wieder verlassen werden. Ulrich Schnauss, aka View To The Future ist einer von denen, die schon seit Jahren produzieren und immer wieder am Rande der Szene auftauchen. Seine Platten haben allein durch ihre klare, transparente Art eine Hoffnung darauf gegeben, daß Drum and Bass in Deutschland wirklich geschehen wird und als man seine erste LP auf Alpha Kid, dem Low Spirit Drum and Bass Label sah, war man überrascht und verwirrt zugleich. Zum ersten Mal seit Jahren war einem klar, daß man einfach nicht mehr nein sagen konnte und plötzlich, wie auch in anderen Verwicklungen der Drum and Bass Szene mit Majorbetrieben, irgendwie gar nichts Böses mehr sehen kann, sondern mit den Achseln zuckt und sich sagt: sollen sie es mal versuchen. Die eigene, jahrelang über ihre eigenen Probleme immer wieder jammernde, Szene hat sich so gefestigt, daß an ihr schon jetzt nichts vorbei kann und selbst die Plattenindustrie wird sie wohl nicht mehr erschüttern. Jetzt gilt es eigentlich nur, die richtigen Verträge zu machen. Einige Producer kommen schon kaum noch nach mit Tracks, so viele Angebote bekommen sie von Compilations und alle haben lange genug Arbeit investiert, um diesen Schwung kurzen schnellen Geldes oder endlich vernünftiger Arbeitsbedingungen erst einmal hinzunehmen, denn sie wissen, wohin sie immer wieder zurückkehren können.
Ulrich Schnauss ist konstant einer der ganz wenigen, die sich selbst von Darkness nicht haben beirren lassen, sondern seit Jahren ihren eigenen Stil weiterentwickeln. Was ihm mittlerweile nicht nur die Wertschätzung der Good Looking Crew, sondern vor allem Equipment gebracht hat. Er bewegt sich mit seinen Tracks weg von den Schlagzeugloops als Ausgangsbasis für Breaks, hin zu einer elektroideren Variante von Drummachinebreaks, wie einige wenige Leute (Justice, Blame, Niel Trix, Funky Technicians) in England auch und befindet sich damit seltsamerweise wieder ungewollter Weise in dem Zirkel Popmusik-Dancefloor-Popmusik, der zur Zeit grade die 80er Jahre Elektropophymnen als beliebtestes Retrophänomen an Land spült. Und genau diesem Zirkel gilt es, mit Musik wie der von View To The Future einen Dreh in Richtung Zukunft zu geben.

DE:BUG: Du kommst ursprünglich aus Kiel. Warum wechselt man von dort nach Berlin? (Der Interviewer denkt an viel blaues Wasser und Segelboote, die gelassen in den Häfen schunkeln, Möwen, die einem das Aufstehen erleichtern und die verlockend nahe Grenze. Und sei es nur Dänemark.)

US: Wegen Musik halt. In Kiel hat man irgendwann einen Punkt erreicht, an dem es nicht mehr weitergeht. Du triffst keine Leute mit denen man außer auf einem lowen Level zusammenarbeiten kann, keine Label, keine DJs; über Jahre hinweg bin ich der einzige gewesen, der so etwas aufgelegt hat und ich glaube, abgesehen mal von ein paar Technoleuten, die jetzt Drum and Bass auflegen weil es hip ist, es ist immer noch so. Es gibt keine richtigen Drum and Bass DJs. Ich dachte, als ich umgezogen bin, daß man hier in Berlin am ehesten etwas machen kann. Ohne vorher Kontakte zu haben. Aber das ging ganz gut, ich habe Frank von Beroshima kennengelernt, wir haben ein gemeinsames Studio aufgebaut und er hat die Low Spirit Geschichte eingefädelt. Genau der Grund also, warum ich eigentlich nach Berlin gekommen bin. Leute treffen, die einem weiterhelfen können.

DE:BUG: Davor hast du selber bei einer Zeitung mitgemacht.

US: Ja, das ist aber schon sehr lange her. Mit einer Gruppe von 15 Leuten haben wir eigentlich ganz schön viel gemacht in Kiel, nicht nur Zeitung. Es war halt nur irgendwann das Maximum erreicht. Und man hat keine Wirkung nach außen, weil Kiel vollkommen isoliert ist. Und wenn man diese kranke Vorstellung hat, daß man von Musik vielleicht sogar leben will, dann ist das nicht so günstig. Langsam kommt aber sogar ein wenig Geld rein.

DE:BUG: Wie ist der Vertrieb für so eine Platte wie deine. Über einen Major stelle ich mir das schwierig vor und Vinyl gibt es ja auch keines.

US: Sie ist draußen und steht wohl in so Läden wie Mediamarkt und WOM, aber nicht in den kleineren. Das scheint schwierig zu sein. Bei BMG geht sie über einen neuen Trendvertrieb, der noch nicht so ganz den Draht zur Szene hat. Ich denke allerdings, daß das Album auch ein CD-Album ist und vermutlich hätte Vinyl, selbst wenn es für so smoothere Sachen hier eine Szene gäbe, nichts gebracht. Die Tracks sind doch sehr listening orientiert. Was ich musikmäßig mache, entwickelt sich immer phasenweise. Eine gewisse Zeit lang ist es ein geschlossener Sound und dann kommt der nächste Level. Meine neuen Tracks klingen schon wieder ganz anders. Die LP ist mit sehr reduziertem Equipment aufgenommen, E64 und Effekte und ich konnte mir von dem Vorschuß jetzt erst mal Synthesizer kaufen.

DE:BUG: Warum Synthesizer? Das ist doch eher ungewöhnlich für Drum and Bass? Die meisten würden sich eher einen zweiten Sampler besorgen.

US: Weil ich denke, daß ich damit das was ich mache musikalisch eher umsetzen kann. Mir geht es um eine Verbindung zwischen einem traditionellen Elektronikanspruch und Drum and Bass, Samplingtechnologie usw. Und ich finde, wenn man viel mit Synthesizern arbeitet, grade wenn es oft um flächige Sachen geht, bekommt man eine Dynamik, die man mit einem Sampler nur schwer simulieren kann. Ich mag sehr gerne den Klang der frühen 80er Synthesizer, die halb analog, halb digital Teile. Das am Sampler sozusagen nachzumachen, finde ich problematisch. Es klingt mir zu clean, zu ….., ja, nicht synthetisch, weil synthetisch ist ja grade der Punkt, wie es klingen soll, zu sauber auf eine Art und Weise.

DE:BUG: Letztendlich lebt deine Musik aber auch davon, daß sie sehr sauber klingt. Zumindest bei The 7th Seal.

US: Und das, obwohl ich mir Mühe gegeben habe. Am Synthesizer kann man allerdings besser Sounddesign machen, da ist man am Sampler doch etwas eingeschränkt. Was Beats betrifft, ist das natürlich eine ganz andere Sache.

DE:BUG: Du bist in einer anderen Position als die meisten, grade weil du straight eher ruhige Sachen machst.

US: Ja und es ist die Frage, ob es die bessere oder schlechtere ist.

DE:BUG: Auf jeden Fall eine andere und nicht ohne Grund fragst du ja nach, ob es in Deutschland überhaupt noch Label gibt, die ruhigere Tracks machen.

US: Ich finde das auch eher schade. Viele Dinge,, die in Deutschland passieren, ärgern mich auch. Das einzige was ich an der ersten BUZZ auszusetzen hatte, war der Artikel über Bukem Ich habe den Eindruck, daß man in Deutschland versucht eine bestimmte Szene, die in England existiert nachzubilden, anstatt zu versuchen, eigene Akzente zu setzen.

DE:BUG: Es war kein Bukem-Bashing. Fast jeder DJ-Name hätte da stehen können.

US: Es fiel vielleicht nur grade in eine Zeit, in der der Zufall hellhörig macht. Man hört, wie sich Leute über solche Dinge unterhalten und Bukem wird gedisst, weil man gehört hat, daß es hip ist oder weil man gehört hat, daß es viele in England auch machen und ich finde, grade bei ihm ist es schade, weil er jemand ist, der konsequent über Jahre seinen Stil durchgezogen hat, obwohl die Situation in England eher gegen ihn war. Man hat ihm vorgeworfen, zu musikalisch zu sein und zu arrogant. Aber die Arroganz die ihm vorgeworfen wird, kann ich nicht ganz nachvollziehen, weil ich selber über die Jahre viele DATs nach England verschickt habe und Bukem der einzige gewesen ist, von dem ich bei jedem DAT einen Brief bekommen habe, in dem er mir geschrieben hat, was er gut fand. Arrogant ist das nicht, diesem kleinen Popeldeutschen jedes Mal einen Brief zu schreiben. Jedenfalls glaube ich, daß man sich etwas mehr Eigenständigkeit leisten sollte, nicht aus nationalistischen Motivationen heraus, es geht nicht um den Musikstandort Deutschland, aber ich denke, daß es die einzige Chance ist für diesen unglücklichen geographischen Raum, weil man Entwicklungen nicht hinterherlaufen kann.

DE:BUG: Es ist aber auch klar, daß lange Zeit solche Versuche nicht funktionieren konnten, weil es mit 3 oder 4 Producern einfach nicht gehen kann, aber mittlerweile geht es auf einmal dann doch sehr schnell.

US: Es ist schon erstaunlich, selbst in Kiel finde ich Leute, die, sei es als Experiment oder einfach weil sie jetzt anfangen, Drum and Bass produzieren. Die kaufen sich einen MPC 2000 und versuchen ganz skurrile Drum and Bass Sachen. Ich hätte nicht gedacht, daß es auf einmal so schnell geht.

DE:BUG: War Bukem dein Orientierungspunkt?

US: Für die letzten Jahre auf jeden Fall. Music und diese Tracks waren genau der Moment, wo mich Drum and Bass wirklich vom Hocker gerissen hat. Und der zweite Schritt war für mich, als ich letztes Jahr Blame gehört habe. Das war das erste Set in dem ich so viele Drummachine Breaks gehört habe und das von den Sounds eine elektronische Ästhetik hatte. Zu der Zeit war ich musikalisch ziemlich orientierungslos. Amenbreaks und Flächen habe ich damals noch gemacht und fand das nicht so geil. Als er Thursday von Deep Blue gespielt hat, da konnte ich es einfach nicht mehr glauben. Das war für mich der Punkt, an dem ich festgestellt habe, daß man soundmäßig auch noch ganz andere Sachen machen kann.

DE:BUG: War nicht die Tanjobi Platte von Dir auch so?

US: Das ist aber noch wesentlich älter. Ich wollte etwas mit relativ reduzierten Beats und etwas mit Melodie machen und so ist dann eine Art Popmusik daraus geworden. Drum and Bass Pop irgendwie. Ich dachte, als sie ein Jahr zu spät rauskam, daß ich mich nirgendwo mehr blicken lassen könnte, weil ich mich so für diese Tracks geschämt habe. Das war auch meine letzte Platte als The Extremist, das war mir ein wenig zu heftig. Heute finde ich die Platte eher lustig.

DE:BUG: Distanz.

US: So wie ich die neuen Tracks schon wieder reifer finde, als die etwas zu melodiösen Tracks der LP. Das löst sich jetzt auf in eine sich überlagernde Flächenstruktur, die aus meiner Sicht eine etwas zeitgemäßere Atmosphäre widerspiegelt, etwas melancholischer, deeper, nicht so positiv, obwohl ich nie positive Musik machen wollte. Aber es wird mir oft unterstellt.

DE:BUG: Arbeitest du mit Leuten zusammen?

US: Ich habe eine Platte mit Alex Korsakow für Müller gemacht, in der wir unsere 80er Roots hochleben lassen. Fünf Tracks, in denen wir das versuchen so gut wie es ging nachzuempfinden. Die Drum and Bass Sachen mit Drummachine Breaks hören sich ja auch irgendwie so an wie eine neue Elektroversion und sind auch ziemlich 80er lastig. Obwohl ich das interessanter finde, weil es nicht rein Retro ist, sondern eine gute Mischung aus beiden Jahrzehnten. Vielleicht ist es ja auch noch zeitgemäßer, solche Musik wie Source Direct zu machen, rein digital, aber dafür bin ich vielleicht dann auch zu nostalgisch.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.