Ob NuJazz, NeoSoul, HipHop oder House - Vikter Duplaix verbindet sie alle. Mit Gesang, Rhythmus und Fingerspitzengefühl erhofft er sich Chartpositionen und verliert dabei als Hintergrund weder Philadelphia noch Tanzmusik aus den Ohren.
Text: florian sievers aus De:Bug 56

Der slicke Kick
Vikter Duplaix baut Brücken. Brücken zwischen Europa und den USA, zwischen Underground und Mainstream, zwischen Kreativität und Handwerk, zwischen West London und Philadelphia und Berlin, zwischen UK-Offbeat und US-HipHop – und überhaupt zwischen sämtlichen Tanzmusiken, die dabei entstanden sind und auf seinem Weg noch entstehen könnten. Brücken, um auf ihnen Wissen über alle möglichen Szenen zu transferieren. Und er sitzt da in einem pelleengen, kreischendbunten, ärmellosen Kunststoff-T-Shirt und erzählt eigentlich ganz nett davon. Das ist überraschend, denn seinen bisherigen Auftritten in der Tanzmusik-Presse zufolge hätte sich auf diesem Stuhl ebenso gut ein überbordendes Ego hinter einer großen, verspiegelten Sonnenbrille rumfläzen können. Aber abgesehen von Vikters, äh, man sagt wohl: “ausdefinierten” Oberarmmuskeln wirkt der Mann entspannt, intelligent und gebildet. Alleine mit dem US-üblichen “Ich bin der Größte, you know what I’m sayin‘”-Geseier, das etwa Timbaland zur Zeit so gerne loslässt, hätte er sich auch kaum auf die Ausnahmeposition manövrieren können, die er jetzt besetzt: Vikter Duplaix ist der Mann. Die kommende Macht aus Philadelphia, ein möglicher interkontinentaler Superstar im dritten Jahrtausend, der Andockpunkt für HipHop-Heads ebenso wie für Offbeat-Connaisseure, für Neosoul-Romantiker genau so wie für Deephouse-Fanatiker.

Ein Multitalent übt den Spagat
Denn Vikter ist Produzent, Musiker, DJ und Sänger in variablen Szenen, Gewichtungen und Geschmacksanteilen. “Das gehört für mich alles ganz einfach zusammen”, sagt er und grinst. “Es geht schließlich immer um dasselbe: um Musik.” Er ist 29 Jahre alt – “aber ich könnte 50 sein, wenn man bedenkt, was ich schon so alles gemacht habe”, sagt er und grinst schon wieder, nett und gar nicht angeberisch. Und schließlich hat er tatsächlich schon an mehr als 100 Platten in der einen oder anderen Form mitgearbeitet. Bislang meist als Produzent oder Studioengineer, ab jetzt immer häufiger als Sänger und Musiker. Und diese Karriere baut er ziemlich schlau auf: Sein in diesem Jahr anstehendes Debütalbum, für das 4Hero ihm schon ein paar Lieder geschrieben haben, wird bei einem US-Majorlabel erscheinen. “Oh, ich will auf jeden Fall in den Charts auftauchen”, betont er. “Das heißt doch nur, dass man eine Menge Menschen berührt.” Vorher aber gibt es für die Underground-Crowd noch eine “DJ-Kicks”-Folge, die wie ein Frühneunziger Kid-Capri-HipHop-Mixtape aufgebaut ist – nur dass hier die Reise von NuJazz über Herbert-House zu R’n’B, HipHop und zurück geht. Und ebenfalls bei K7 folgt demnächst eine Sammlung seiner bisherigen Maxis zusammen mit ein paar neuen Remixen als “Early Works”.

“Das”, sagt er, “gibt mir eine gute Gelegenheit, erstmal ein etwas größeres Publikum zu erreichen, ohne dass ich mich schon mit zu viel Business rumschlagen muss, während ich noch meine Kunst und mein Können entwickle.” Daneben singt Vikter noch auf zwei Stücken des kommenden Jazzanova-Abums sowie auf der gerade erschienen “That Night”-Maxi und bemüht seine Stimmbänder regelmäßig für King Britts Scuba-Projekt. Vikters erste Solo-Gesangs-Veröffentlichung war 1999 die großartige “Messages”-Maxi auf dem Label von Masters At Work. 2000 folgte der fantastische Offbeat-Soul von “Manhood/ City Spirits” beim Kölner Groove Attack-Label und nochmal ein Jahr später eben dort Remixe davon. Eigentlich aber gibt es schon viel länger Musik aus Vikters sanften Händen zu hören. Denn schon als 13jähriger startete er in seiner Heimatstadt Philadelphia als DJ Master Vik. Damals war er noch so jung, dass er eigentlich gar nicht in die Clubs gehen durfte, in denen er dann abends HipHop auflegte. Und seine Mutter musste ihn immer hinbringen und wieder abholen.

He’s the DJ, I’m the Engineer

Schon damals freundete er sich mit dem älteren Mit-Philadelphian Jazzy Jeff an. Während Vikter noch zur Schule ging, verdiente Jeff einen hübschen Batzen Geld als Popstar zusammen mit dem Fresh Prince Will Smith. Jeff legte sich Studioequipment zu und suchte jemanden, der mit der ganzen Technik kreativ umzugehen wusste. Ein Job für Vikter. So stieg er 1990 als Studioengineer bei Jazzy Jeffs Produktionsfirma “A Touch Of Jazz” ein und lernte dort bald darauf den Philadelphia-Übervater Kenny Gamble kennen, der zusammen mit Leon Huff und dem Philadelphia International-Label in den 70ern den Soulsound der Stadt etabliert hatte. Von Gamble lernte Vikter viel über die Musikindustrie und über Songwriting – geheimes Wissen und Handwerkszeug sozusagen. Er war gerüstet und gründete mit seinem A Touch Of Jazz-Kollegen James Poyser den Produktionsfirmen-Startup “Axis Music Group”, weil sie selbständig sein wollten. Ihr erster Job waren zwei Lieder des zweiten Eric Benet-Albums, dann ging es Schlag auf Schlag, und bis heute haben James und Vikter schon an einem Haufen Philly-Lieblingsplatten wie etwa denen von Bilal, Musiq Soulchild, Common, Jill Scott oder Erykah Badu Hand angelegt. Daneben engagiert sich Axis auch in Management und Künstlerentwicklung, hat eigene Musiker wie etwa Vivienne Green unter Vertrag und arbeitet für 20 bis 30 Label – Indies wie Majors.

Solche Verbindungen zwischen glamourösem Massen-Entertainment und abseitigen Special-Interest-Untergrund sind typisch für Vikter. Schließlich wurde der US-Amerikaner von King Britt vor ein paar Jahren mit der Nase auf europäische Tanzmusik und die damit verbundene Jugendbewegung gestoßen. „Überall auf der Welt gab es diese Familie aus Produzenten, DJs und Clubpublikum – und ich hatte keine Ahnung davon”, erzählt Vikter. „Das war eine gleichzeitig schockierende und inspirierende Entdeckung. Danach bin ich süchtig geworden. Ich musste so viel Neues lernen. Ich ging in einen Plattenladen und wollte ein paar Houseplatten kaufen – und merkte dann, dass es mindestens 40 unterschiedliche Subgenres von House gab. Das hat mich umgehauen. Und natürlich nahm ich zuerst immer exakt die falschen Platten mit nach Hause, lauter Scheißplatten, die mich aber nur zum Weitersuchen angespornt haben.” Heute kennt Vikter sich mit 2Step aus London, Basic Channel aus Berlin oder dem Aufstieg und Fall von Drum’n’Bass ebenso detailliert aus wie mit dem fast schon stadiontauglichen Soul und HipHop, den er in den USA produziert. Er tauscht sein Mainstream-Produktionswissen bei NuJazz gegen kreativen Input für seine R’n‘B-Jobs. Ein Bindeglied eben.

Musizieren ist menschlich

Für das erstaunliche Phänomen “Philadelphia” zwischen Jill Scott, den Roots, Erykah Badu, Ursula Rucker und Bilal, das von Europäern wie 4Hero oder Jazzanova in den vergangenen Jahren mitgeschaffen wurde und auf unserem Kontinent wohl geschlossener wahrgenommen wird als in den USA, hat er eine einfache Erklärung parat: “Es gibt dort zur Zeit eben Musiker, die wirklich spielen können. Und die zusammen einen Sound und einen Vibe schaffen, der anders klingt als jeder andere. Freier fließend und menschlicher.” Und dann sagt er den Satz, den er wohl sagen muss, wenn er wirklich an seine Stadt glaubt: “Wir haben noch nicht annähernd unser wirkliches Potential erreicht.” Denn verglichen mit der Größe von Philly International damals sei das doch alles noch sehr, sehr klein. “Aber es werden fast täglich Künstler aus der Stadt von Plattenfirmen gesignt. Wirklich fast täglich! Allerdings funktioniert Musik heute fast nur noch imagezentriert. Und wir haben in Philly alle noch keine richtigen Star-Images – nicht mal Erykah. Die stammt übrigens ursprünglich aus Dallas. Jedenfalls werden wir da wohl noch ein paar Kompromisse machen müssen, um wirklich durchzubrechen. Schließlich kann es in Philadelphia nicht um ein paar verhuschte Nerds gehen, die zwar seelenvolle Musik spielen, das aber nur für wenige Menschen. Wir wollen nämlich wirklich etwas verkaufen.”

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Elektronische Lebensaspekte.