Das wird deep. aus De:Bug 154

Foto: Stefan Stern

Ricardo Villalobos, Max Loderbauer sind seit Jahrzehnten ausgewiesene Fans des Labels Edition of Contemporary Music, kurz ECM, jetzt haben sie ausgewählte ECM-Stücke bearbeitet und die Resultate auf dem Langspieler Re:ECM dokumentiert. Das wird deep.

Die Rollenverteilung im Gespräch ist rasch geklärt. Ricardo Villalobos ist der Redner, der offensiv vorträgt und Max Loderbauer ist der Schweiger, der denkt und manchmal ein verschmitztes, aber zustimmendes Nicken einwirft. Oder Kurzsätze. Beide sind seit Beginn ihrer Karrieren als elektronische Zeremonienmeister auch als Reisende zwischen musikalischen Welten unterwegs. Zwischen akustischen und elektronischen Wirkungsräumen.

Die Philosophie des ECM-Labels (Edition of Contemporary Music) des Lindauer Musikers und Produzenten Manfred Eicher ist ähnlich gelagert. Auch dort verschwimmen Genregrenzen. Auch nach mehr als tausend Veröffentlichungen bleibt das jeweilige Klangbild stets klar und überaus transparent. Immer getreu dem Motto “The most beautiful sound next to silence.” Dass Villalobos und Loderbauer mit Re:ECM nun eine Platte mit Bearbeitungen von Kompositionen ausgewählter ECM-Künstlern vorlegen, gießt die Verwandtschaft im Geiste der drei Protagonisten – endlich und folgerichtig – in ein Produkt.

Foto: Kjell Peterson

Genredefinitionen aufgehoben
Doch Geistesverwandtschaft fällt nicht einfach so vom Himmel. Im Falle von ECM gehört dazu eine gehörige Portion diesbezüglicher musikalischer Sozialisation. Und die haben Villalobos und Loderbauer beide durchlaufen. Es geht also um Erziehung und wohin Eltern das Kind bringen. Welche Musik sie hören. “Diese generelle Hörerfahrung ermöglicht es mir, all diese Musiken verschmelzen zu lassen. Getrennte Musikgenredefinitionen heben sich somit auf”, erklärt Ricardo Villalobos, “was ECM anbetrifft, hören wir das Label beide schon seit ewigen Zeiten.

Ich war zwölf Jahre alt, als ich meine erste ECM-Platte bekommen habe.” Seitdem haben sich beide ihr Leben lang fast nur mit Musik hören und Musik machen beschäftigt. Und darüber hinaus das gemacht, was Manfred Eicher auch schon immer gemacht hat, nämlich unterschiedlichste Klangwelten zusammenzubringen. “Das zeichnet ECM aus”, bestätigt Ricardo Villalobos, “Grundsätzlich ist alle Musik zusammengenommen nur eine einzige Gesamtsprache.” Diese Sprache gilt es nicht nur zu sprechen. Sie gilt es auch zu vermitteln.

Aufbrechen des Individualistischen
Genau an diesem Erkenntnispunkt setzt für Ricardo Villalobos und Max Loderbauer DJ-Kultur an. Damit verlassen sie aber auch den Sektor der sinnfreien Unterhaltungskunst und mutieren zu kommunikativen Medien. Ihr Ziel ist es, die individualistisch-elitäre Grenzziehung der musikalischen Einzelsprache aufzubrechen und zugunsten einer Gesamtsprache zu korrigieren. “Diese Kommunikation muss symmetrisch sein”, verdeutlicht Ricardo Villalobos seinen Ansatz, “erfolgreiche Kommunikationswege funktionieren nur auf der gleichen Ebene.

Ein Zeigefinger beispielsweise stoppt abrupt diese Kommunikation.” So sind DJ und Clubgänger Teil eines großen Ganzen. Ein Oben und ein Unten existiert nicht. Emotion spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. “So habe ich in den Rhythmuskontext der Clubmusik gefühlvolle Melodien eingebaut”, führt er weiter aus, “Basis dafür muss der Rhythmus sein; denn er ist die Wahrheit des Tanzbodens. Die Rhythmusformel ist der Grund, warum Menschen zusammen kommen, zusammen tanzen und ihre alltäglichen Rahmenbedingungen außen vor lassen. Dazu eignen sich die atmosphärischen Sachen von ECM gut, da stehen viele Noten allein und haben sehr viel Raum.”

Foto: Kjell Peterson

Reduktion im Raum
Die hohe Kunst eines DJs liegt darin, sein musikalisches Wissen auf eine einfache verständliche Sprache zu bringen, die für die Angesprochenen ihren eigenen Sog in Richtung universeller Musiksprache entwickelt. “Dieser Sog im Clubkontext bietet mir als DJ die Chance, die Leute auf der Tanzfläche so zu sensibilisieren, dass man in bestimmten Momenten kleine musikalische Wissens-Spritzen setzen kann”, fährt Ricardo weiter fort, “diese Sogwirkung entsteht auch wieder auf dem Hintergrund der vereinfachten Rhythmussprache. So entsteht eine temporäre Plattform.

Von dort aus können die Clubgänger, wie von einem Sprungbrett, zu einen qualitativen Sprung ansetzen. Ein solches reduziertes Stück muss aber, gerade wenn es um ECM-Produktionen geht, auch Raum haben. Ich mache die Erfahrung, dass die Leute überrascht sind, wenn ich ECM-Sachen mit einbaue. Sie horchen auf und fragen häufig nach, was ich denn da gespielt habe? Dann weiß ich gar nicht genau, was ich antworten soll. Denn was da lief, ist immer eine Kombination aus verschiedenen ECM-Stücken.” Dieser kreative Ansatz, den Villalobos und Loderbauer im Clubkontext beim Mischen eines DJ-Sets verfolgen, wird jedoch von den beiden auf dem Album “Re:ECM” noch mal neu und anders definiert.

Re:ECM und der Zufall
Für das zu produzierende Album “Re:ECM” wurden konkrete Einzelstücke ausgewählt. In Sets von Villalobos finden sich rund 40 Stücke von ECM-Künstlern, wie etwa Christian Wallumrod, Alexander Knaifel, John Abercombie, Miroslav Vitous, Louis Sclavis, Paul Giger, Enrico Rava, Stefano Bollani, Paul Motian oder Arvo Pärt. Diese dienen als Grundlage. Zusätzlich haben beide auch von Manfred Eicher Impulse bekommen.

Ausgangspunkt für die Re-Kompositionen sind nicht die einzelnen Spuren der ausgewählten Stücke, sondern die Aufnahmen der Original-Platten. “Wir suchen uns auf den Platten möglichst leere Stellen, teilweise aus verschiedenen Stücken”, erläutert Max Loderbauer den Produktionsprozess, “dann Töne, die ganz klar voneinander zu unterscheiden sind, und die transformieren wir dann technisch in etwas Neues. Wir benutzen beispielsweise einen Ton der Originalvorlagen, der dann andere Töne generiert. Der Zufall spielt dabei eine große Rolle.

In unserem modularen Technik-Kram sind mehr als zehn verschieden Zufallsmodule aktiv, diese verschiedenen Module reagieren wechselhaft. Mal alle zwei Minuten, dann wieder alle drei Sekunden. Alles wirkt aufeinander ein. Bis zu einem gewissen Punkt verselbstständigt sich alles Weitere. Das macht das Album auch so lebendig. Und klingt manchmal sogar wie live improvisiert. Die erzeugten Klänge werden unterschiedlich zueinander gemischt. Aus den interessantesten Stellen formen wir das endgültige Stück. Wobei das meistens nur mit drei oder vier Schnitten passiert. Die zufällig entstandenen Spannungsbögen sollen ja hörbar bleiben.”

Einklang
Es geht um den Einklang musikalischer Welten, der von ECMs Jazz, der neuen Klassik und des Elektronikkosmos der beiden Produzenten, das ist die Arbeitshypothese. Wer als Ergebnis einen klassischen DJ-Mix erwartet, dessen Hoffnungen werden natürlich enttäuscht. Schließlich handelt es sich um Re-Kompositionen, nicht um Mixe und schon gar nicht um Zitate. Als Beispiel mag das Stück ”Re-Kondakion” des estnischen Komponisten Arvo Pärt dienen. Genau so wie Villalobos und Loderbauer strebt Arvo Pärt in seiner Musik nach einem Ideal der Einfachheit. Er arbeitet mit wenig Material. Ihm genügt ein einziger Ton, ein schön gespielter Ton. Das ist exakt das, woran beide andocken. Und in der Umlaufbahn dieses Tons ist Stille und Schweigen. Und Einklang.

Ricardo Villalobos & Max Loderbauer, Re:ECM, ist auf ECM/Universal erschienen.

16 Responses

  1. barfly

    ääh, ist das denn jetzt ein gutes album? alles bißchen theoretisch so.

  2. YES

    UHUH!

    War auf dem Konzert und fand es schlimm. Sehr masturbierend die ganze Sache. Walgeräusche und sehr viel Lava-Lampen-Sound. Eher ein Expo-Sound aus dem Jahr 2000.

    Das wirklich störende an der ganzen Sache war aber die schwache Akustik. Ich hätte mir da mehr erwartet, von jemandem, der permanent auf dem schlechten Sound anderer Produktionen rumreitet (womit er auch recht hat). Es tat streckenweise weh in den Ohren. Etwas extrem seltenes im Berghain.

    Als Jam im Studio eine tolle Sache aber als Konzert im Berghain zu viel des guten. Sehr schwacher Auftritt. Schade.

    Man kann da nur wieder die Carl Craig und Moritz von Oswald Modest Mussorgsky Recomposed empfehlen.

  3. Toni

    File under : Kokain. Die Spätfolgen.

  4. Toni-K

    Ergänzung : Ketamin in Gegenward

  5. Gott

    ganz schwache vorstellung. totale enttäuschung meinerseits …da groovte nix und vieles machte den eindruck eines unausgegorenen experiments und von produzenten-frickel-wichserei…..

    > und was sollte denn der blasmusikant daneben stehend?!
    > den hat man 1. gar nicht gehört und 2. versteh ich nicht wieso ein live-blasmusikant dort musiziert wo R & L doch ECM “elektronisch” zerschnippelt & ge-remixt haben (wenn ich das konzept richtig verstanden habe…)!!?!?

    die leute haben es auch nicht verstanden und dauernd gequatscht, nicht hingehört – man konnte es ihnen nicht übel nehmen…

    sehr SCHADE !

  6. Marek

    Ein Super-album! Villalobos & Loderbauer verbinden hier sacrale Music mit Techno..ohne dass das Sacrale verschwindet.
    Wenn man bedenkt das die einzig wahre Kunst die sakrale Kunst ist, und alles andere nur Lärm&Geplapper, d.h. der Westen praktisch ohne Kunst ist, wie es Bela Hamvas oder Rene Guenon schön erklären, dann ist das hier ein Meisterwerk, ein un/bewusstes sakrales Essay. Natürlich muss man innerlich mit Sakralen auch verbunden sein. Re:ligare.

  7. terry bell

    das ist doch der villalobos! der lebt noch? wer war zuerst da: villalobos oder die alpen?