Schallplatten mögen ein anachronistisches Medium sein. Als Business-Modell waren sie dennoch nie so erfolgreich wie 2005. Der Debug Branchenbericht.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 99

Triumpf der Dinosaurier

Vinyl ist absurd, ein Dinosaurier unter den Medien. Teuer und anstrengend in der Herstellung, kompliziert und teuer zu verschicken und eine echte Umweltsau. Und dennoch: 2005 war wieder einmal das Jahr der Schallplatte. Zumindest auf dem Dancefloor. Während Indie-Labels zwar brav ihre Veröffentlichungen in Kleinstauflage auch auf Schallplatte releasen, den Künstlern ordentliche Tantieme-Abzüge dafür reinwürgen (ihr wolltet das Gatefold-Cover …), jubelt die Dance-Szene. Neue Sublabels hier, Remix-Maxis da. Die Veröffentlichungspläne werden immer dichter, in immer kürzerer Folge werden Maxi um Maxi auf den Markt geworfen, Online-Business hin oder her. Final Scratch ist auf dem Vormarsch? Der Vinyl-Klumpen in der Pressmaschine lacht sich tot und landet im Disco-Sleeve, dann im Auto, dann im Lager, dann im Laden. MP3s kaufen? Klar, aber nur als Backup. Alle brauchen das Gefühl, das Zellophan an der Hose aufzuschubbern und die Platte aufzulegen. Das Business-Modell Vinyl war nie erfolgreicher als 2005.
Noch mal absurd: Dancemusik ist modern, cutting edge, das Medium altbacken. Vor ein paar Jahren machten sich alle Beteiligten Sorgen: Was passiert eigentlich, wenn der Pressmeister in Rente geht? Oder wenn das entscheidende Bauteil der Schneidemaschine den Geist aufgibt? Kaum jemand unterstützte die aussterbende Kunst der Vinylherstellung, die Presswerke setzten auf die CD. Und die, die es nicht taten, gingen den Bach runter. Heute wäre das undenkbar. “Wir haben unseren Ausstoß 2005 im Verhältnis zu 2004 um knapp 50% erhöht”, erzählt Marco von Randmuzik. In dem kleinen, relativ neuen Presswerk in Leipzig geht man davon aus, dass die Produktionszahlen 2006 siebenstellig werden. “Unser Ausstoß liegt seit Jahren konstant zwischen 3,5 und 4 Millionen Schallplatten pro Jahr”, hält Holger Neumann von Pallas dagegen. Das Traditionsunternehmen aus Diepholz bei Hannover presst seit 1949 und gleicht die für die Branche eher hohen Preise durch gleich bleibende Qualität aus. Vinylherstellung ist Vertrauenssache, kein Geschäftsmodell, mit dem der schnelle Euro zu machen ist. Labels sind an langfristigen Geschäftsbeziehungen interessiert. Immer der gleiche Engineer beim Umschnitt auf die Masterfolie, immer dasselbe Presswerk. Bei einem System, das so anfällig für Fehler ist, kann man sich keine Experimente leisten. Da kann die Technik noch so neu sein, Vinyl muss mit Liebe hergestellt werden, von Menschen, die sich dafür interessieren. Es spricht sich schnell rum, wenn Presswerke keine gute Arbeit machen, in so einer kleinen Nische kennt jeder jeden.
Ja, Nische. Auch wenn alle pressen und herstellen wie verrückt … fragt man die IFPI nach konkreten Zahlen bei der Vinylherstellung, wird am Telefon eher unsicher auf den Geschäftsbericht des letzten Jahres verwiesen. “Schauen Sie doch mal in das PDF, da ist alles genau aufgeschlüsselt.” Tatsächlich ist es aber wie bei der Forschungsgruppe Wahlen – Vinyl ist die Partei, die als nicht messbar betitelt wird. Das hat Folgen für die Branche. Ein Berliner Schneidestudio hat mehrere Jahre gebraucht, um ein zweites Studio mit neuer Maschine einzurichten. Eines der Hauptprobleme: Die Sachbearbeiter der Bank konnten partout nicht glauben, dass sich eine Firma heute noch ernsthaft mit Vinyl auseinander setzt und stellte sich bei der Finanzierung quer. Dabei hat sich das Auftragsvolumen 2005 massiv vergrößert. Die alte Technik zu versichern, war ebenso schwer. Nach viel Recherche wurde ein Gutachter gefunden, der mit dem Begriff Schallplatte noch etwas anfangen konnte und dem es glaubhaft zu vermitteln war, dass die Schneidemaschine, obwohl in den späten Siebzigern gebaut, nicht als Elektroschrott einzustufen ist und bestimmte Bauteile einfach nicht zu ersetzen sind.
Allen Widrigkeiten zum Trotz: 2005 schossen neue Schneidestudios wie Pilze aus dem Boden. Überall auf der Welt werden Bauteile zusammengekauft, liebevoll alte Maschinen restauriert. Im nächsten Jahr gehen in Deutschland zwei neue Presswerke an den Start. Man gibt sich optimistisch. Überhaupt sind alle gut gelaunt. Die Auftragsbücher sind voll, wohin man auch schaut. Tendenz immer stark steigend. Und auch auf dem Finanzierungssektor tut sich etwas. In Berlin gibt es einen Kundenberater einer großen Bank, der bei kleinen Labels und anderen Gliedern der Kette die Runde macht und Finanzierungsmodelle anbietet. Ein paar Mal im Jahr geht er im Berghain tanzen. Wenn die DJs Vinyl auflegen.

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Elektronische Lebensaspekte.