Das ist soziale Marktwirtschaft: Bei Wahlstreet.de lassen sich Parteien kaufen. Zum zweiten Mal will das Angebot die Kurse der Bundestagswahl durch eine Online-Markt-Simulation prognostizieren. De:Bug hat schon mal mitspekuliert.
Text: janko roettgers aus De:Bug 62

Wahl

Heut kauf ich mir die PDS
Virtuelle Parteien-Börse: Wahlstreet.de

Was für ein Aufstieg. Eben noch lag ich auf Platz 596 der Wahlstreet.de-Händlerbestenliste und hatte üble -1,5 Prozent Rendite zu verzeichnen. Doch dann profitierte ich vom Über-Nacht-Wachstum der Splitterparteien. Billig gekauft, teuer verkauft, und schon heißt es: Platz 9. Roland Schill sei Dank.
In den nächsten zwei Tagen helfen mir dann die PDS und die SPD dabei, mein Niveau halbwegs zu halten. Doch kommt das Schicksalswochenende. Deutschland wird nicht Fußball-Weltmeister. Zu müde vom nächtlichen Univision-Fernsehen – spanisch-sprachige Fußball-Reporter sind ja so viel besser, aber das nur nebenbei – verpasse ich es, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Dabei ist es ja eigentlich ganz logisch: Hätte Deutschland gewonnen, wäre Schröder am nächsten Tag Fußball-spielend und Oliver Kahn-umarmend auf jeder Mattscheibe gewesen. So aber war’s eine Niederlage für alle. Kahn, Schröder, Völler, Deutschland. Und damit eben auch die SPD. Die Aktie sackt ab und ich bleib auf 7000 Stück Sozis sitzen. Dumm gelaufen.
Nicht, dass ich damit wirklich Geld verloren hätte. Insgesamt dürfen bei der Politikbörse Wahlstreet.de nur bis zu 50 Euro eingesetzt werden. Dafür gibt’s dann 500.000 virtuelle Wahldollar, für die sich Aktien der verschiedenen Parteien erwerben lassen. Ein Prozent entspricht dabei einem Dollar. Was Schill und Co. – bei der Wahlstreet einfachheitshalber unter “Andere” subsummiert – eben zu so einem netten Spekulationsobjekt macht. Über ein einfaches Web-Interface lassen sich Gebote und Angebote platzieren, Transaktionen vollziehen und die aktuellen Kurse in Echtzeit kontrollieren. Das ganze ist simpel genug, um auch von Nicht-Börsianern verstanden zu werden, der Suchtfaktor ist extrem groß.

Peer to Peer beats Allensbach

Entwickelt wurde das der Wahlstreet zugrunde liegende Modell eines Meinungsforschungs-Markts von den Wirtschaftswissenschaftlern der Universität Iowa. Dort können Studenten schon seit der Präsidentenwahl 1988 den Ausgang von Wahlen am virtuellen Markt erproben. Mittlerweile wird das Modell in Iowa auch dazu benutzt, andere Entwicklungen zu prognostizieren. Kürzlich gab es beispielsweise eine Handelsrunde zur Frage, wie oft sich das neue Harry Potter-Video verkaufen wird.
In Deutschland wurde das Parteien-Kaufen erstmals 1998 anlässlich der Bundestagswahl von der ZEIT und dem Berliner Tagesspiegel veranstaltet. Die Idee: Anstatt sich auf die Erbsenzählerei der klassischen Umfrage-Prognosen zu verlassen, fragt man lieber den freien Markt. Da am Ende des Börsenbetriebs nur das wieder ausgezahlt wird, was die Parteien bei der Wahl tatsächlich an Prozenten bekommen, versucht jeder Händler langfristig, möglichst nah an das Endergebnis heranzukommen. Weshalb ein echter Wahlstreet-Junkie ständig Zeitung liest, Umfragen verfolgt, Arbeitslosenzahlen hochrechnet und natürlich auch Fußball guckt. Aus all dem entsteht dann das ganz persönliche Prognosen-Raster. Kombiniert man diese Raster aller Wahlstreet-Teilnehmer, entsteht dabei ein vernetztes Modell, das weitaus mächtiger ist als das von Frau Noelle-Neumann. Peer to Peer beats Allensbach. Soweit zumindest die Theorie.

Die Grünen empfehlen die Grünen-Aktie

In der Praxis funktioniert die Wahlstreet nicht unbedingt besser, aber auch nicht viel schlechter als klassische Prognosen. Was eben auch ganz üble Fehleinschätzungen mit einschließt. So war die Wahlstreet bei der letzten Bundestagswahl zwar besser als einige Meinungsforschungsinstitute, lag bei der Prognose des SPD-Ergebnisses aber immer noch um zwei Prozent daneben. Völlig ins Auge ging der Versuch, die hessische Landtagswahl von 1999 zu prognostizieren. Roland Kochs CDU wurde dabei von Wahlstreet-Teilnehmern um fast sieben Prozent unterschätzt.
Könnten solche Fehleinschätzungen an gezielten Manipulationen liegen? Grad für kleine Parteien klingt das nach einer tollen Idee: Den eigenen Aktienkurs in die Höhe treiben und so Unentschiedene bei ihrer Wahlentscheidung beeinflussen. Bisher kommen solche Versuche hier zu Lande allerdings noch eher hilflos daher. 1998 etwa versuchte die grüne Hochschulgruppe Konstanz, Wahlstreet-Teilnehmer mit Logik zu überzeugen: “Unser Tipp: Gleich nach Börseneröffnung möglichst viele Aktien von Bündnis 90/ Die Grünen zu Tiefstpreisen erwerben. Denn nach Ansicht vieler Wahlstreet-Experten werden die grünen Aktien derzeit deutlich unter Wert gehandelt.” Jaja, die Experten aber auch wieder. Irgendwie hatten die Konstanzer Grünen dann doch etwas anderes zu tun, ihrer Aktie hat der Aufruf nicht genützt.
Anders erging es dem Kurs der FPÖ 1995 beim österreichischen Wahlstreet-Pendant. Damals kaufte eine Gruppe von Händlern fünf Tage vor der Wahl gezielt fast alle Aktien der Haider-Partei auf, was deren Kurs steil ansteigen ließ und den Gesamtmarkt ordentlich durcheinander brachte. Ob‘s der Partei selbst was genützt hat, bleibt fraglich. Das Wahlergebnis der FPÖ lag schließlich fünf Prozent unter dem Aktienkurs.

Mal eben den Edmund rauswählen

So richtig lassen sich solche Manipulationen kaum verhindern. Der beste Schutz ist immer noch ein möglichst großer Markt. Weshalb es natürlich nur logisch ist, auch Politikmuffel für die Wahlstreet anzufixen. Etwa, indem man sie über andere Börsen ans Politiker-Kaufen gewöhnt. Konsequenterweise organisiert Ecce Terram, der Provider der Wahlstreet, mittlerweile auch Ableger, die nicht mehr ganz so viel mit der Politik zu tun haben. So lassen sich mittlerweile auch Bundesliga-, Formel 1- oder TV-Quoten-Aktien handeln. Sogar zum Sat1-Inselduell gab es schon eine elektronische Börse.
So schön der Gedanke auch ist, nächste Woche würde das Sat1-Publikum einfach mal den Edmund rauswählen – echte Wahlstreet-Fans möchten mit so simpel voraussagbaren Sachen wie dem Inselduell natürlich nichts zu tun haben. Wer hat auch schon Zeit für Reality-TV, wenn er ständig die Börsenkurse checken muss? Mittlerweile hab ich’s durch emsiges Handeln übrigens wieder auf Platz 107 geschafft. Insbesondere die FDP hat mir dabei wunderbar geholfen. Aber wie werde ich jetzt die ganzen Grünen-Aktien wieder los, die ich mir gestern aus irgend einem Grund zugelegt habe? Vielleicht sollte ich mal bei deren Konstanzer Hochschulgruppe anrufen.
http://www.wahlstreet.de

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Elektronische Lebensaspekte.

Das ist soziale Marktwirtschaft: Bei Wahlstreet.de lassen sich Parteien kaufen. Zum zweiten Mal will das Angebot die Kurse der Bundestagswahl durch eine Online-Markt-Simulation prognostizieren. De:Bug hat schon mal mitspekuliert.
Text: janko roettgers aus De:Bug 62

Wahl

Heut kauf ich mir die PDS
Virtuelle Parteien-Börse: Wahlstreet.de

Was für ein Aufstieg. Eben noch lag ich auf Platz 596 der Wahlstreet.de-Händlerbestenliste und hatte üble -1,5 Prozent Rendite zu verzeichnen. Doch dann profitierte ich vom Über-Nacht-Wachstum der Splitterparteien. Billig gekauft, teuer verkauft, und schon heißt es: Platz 9. Roland Schill sei Dank.
In den nächsten zwei Tagen helfen mir dann die PDS und die SPD dabei, mein Niveau halbwegs zu halten. Doch kommt das Schicksalswochenende. Deutschland wird nicht Fußball-Weltmeister. Zu müde vom nächtlichen Univision-Fernsehen – spanisch-sprachige Fußball-Reporter sind ja so viel besser, aber das nur nebenbei – verpasse ich es, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Dabei ist es ja eigentlich ganz logisch: Hätte Deutschland gewonnen, wäre Schröder am nächsten Tag Fußball-spielend und Oliver Kahn-umarmend auf jeder Mattscheibe gewesen. So aber war’s eine Niederlage für alle. Kahn, Schröder, Völler, Deutschland. Und damit eben auch die SPD. Die Aktie sackt ab und ich bleib auf 7000 Stück Sozis sitzen. Dumm gelaufen.
Nicht, dass ich damit wirklich Geld verloren hätte. Insgesamt dürfen bei der Politikbörse Wahlstreet.de nur bis zu 50 Euro eingesetzt werden. Dafür gibt’s dann 500.000 virtuelle Wahldollar, für die sich Aktien der verschiedenen Parteien erwerben lassen. Ein Prozent entspricht dabei einem Dollar. Was Schill und Co. – bei der Wahlstreet einfachheitshalber unter “Andere” subsummiert – eben zu so einem netten Spekulationsobjekt macht. Über ein einfaches Web-Interface lassen sich Gebote und Angebote platzieren, Transaktionen vollziehen und die aktuellen Kurse in Echtzeit kontrollieren. Das ganze ist simpel genug, um auch von Nicht-Börsianern verstanden zu werden, der Suchtfaktor ist extrem groß.

Peer to Peer beats Allensbach

Entwickelt wurde das der Wahlstreet zugrunde liegende Modell eines Meinungsforschungs-Markts von den Wirtschaftswissenschaftlern der Universität Iowa. Dort können Studenten schon seit der Präsidentenwahl 1988 den Ausgang von Wahlen am virtuellen Markt erproben. Mittlerweile wird das Modell in Iowa auch dazu benutzt, andere Entwicklungen zu prognostizieren. Kürzlich gab es beispielsweise eine Handelsrunde zur Frage, wie oft sich das neue Harry Potter-Video verkaufen wird.
In Deutschland wurde das Parteien-Kaufen erstmals 1998 anlässlich der Bundestagswahl von der ZEIT und dem Berliner Tagesspiegel veranstaltet. Die Idee: Anstatt sich auf die Erbsenzählerei der klassischen Umfrage-Prognosen zu verlassen, fragt man lieber den freien Markt. Da am Ende des Börsenbetriebs nur das wieder ausgezahlt wird, was die Parteien bei der Wahl tatsächlich an Prozenten bekommen, versucht jeder Händler langfristig, möglichst nah an das Endergebnis heranzukommen. Weshalb ein echter Wahlstreet-Junkie ständig Zeitung liest, Umfragen verfolgt, Arbeitslosenzahlen hochrechnet und natürlich auch Fußball guckt. Aus all dem entsteht dann das ganz persönliche Prognosen-Raster. Kombiniert man diese Raster aller Wahlstreet-Teilnehmer, entsteht dabei ein vernetztes Modell, das weitaus mächtiger ist als das von Frau Noelle-Neumann. Peer to Peer beats Allensbach. Soweit zumindest die Theorie.

Die Grünen empfehlen die Grünen-Aktie

In der Praxis funktioniert die Wahlstreet nicht unbedingt besser, aber auch nicht viel schlechter als klassische Prognosen. Was eben auch ganz üble Fehleinschätzungen mit einschließt. So war die Wahlstreet bei der letzten Bundestagswahl zwar besser als einige Meinungsforschungsinstitute, lag bei der Prognose des SPD-Ergebnisses aber immer noch um zwei Prozent daneben. Völlig ins Auge ging der Versuch, die hessische Landtagswahl von 1999 zu prognostizieren. Roland Kochs CDU wurde dabei von Wahlstreet-Teilnehmern um fast sieben Prozent unterschätzt.
Könnten solche Fehleinschätzungen an gezielten Manipulationen liegen? Grad für kleine Parteien klingt das nach einer tollen Idee: Den eigenen Aktienkurs in die Höhe treiben und so Unentschiedene bei ihrer Wahlentscheidung beeinflussen. Bisher kommen solche Versuche hier zu Lande allerdings noch eher hilflos daher. 1998 etwa versuchte die grüne Hochschulgruppe Konstanz, Wahlstreet-Teilnehmer mit Logik zu überzeugen: “Unser Tipp: Gleich nach Börseneröffnung möglichst viele Aktien von Bündnis 90/ Die Grünen zu Tiefstpreisen erwerben. Denn nach Ansicht vieler Wahlstreet-Experten werden die grünen Aktien derzeit deutlich unter Wert gehandelt.” Jaja, die Experten aber auch wieder. Irgendwie hatten die Konstanzer Grünen dann doch etwas anderes zu tun, ihrer Aktie hat der Aufruf nicht genützt.
Anders erging es dem Kurs der FPÖ 1995 beim österreichischen Wahlstreet-Pendant. Damals kaufte eine Gruppe von Händlern fünf Tage vor der Wahl gezielt fast alle Aktien der Haider-Partei auf, was deren Kurs steil ansteigen ließ und den Gesamtmarkt ordentlich durcheinander brachte. Ob‘s der Partei selbst was genützt hat, bleibt fraglich. Das Wahlergebnis der FPÖ lag schließlich fünf Prozent unter dem Aktienkurs.

Mal eben den Edmund rauswählen

So richtig lassen sich solche Manipulationen kaum verhindern. Der beste Schutz ist immer noch ein möglichst großer Markt. Weshalb es natürlich nur logisch ist, auch Politikmuffel für die Wahlstreet anzufixen. Etwa, indem man sie über andere Börsen ans Politiker-Kaufen gewöhnt. Konsequenterweise organisiert Ecce Terram, der Provider der Wahlstreet, mittlerweile auch Ableger, die nicht mehr ganz so viel mit der Politik zu tun haben. So lassen sich mittlerweile auch Bundesliga-, Formel 1- oder TV-Quoten-Aktien handeln. Sogar zum Sat1-Inselduell gab es schon eine elektronische Börse.
So schön der Gedanke auch ist, nächste Woche würde das Sat1-Publikum einfach mal den Edmund rauswählen – echte Wahlstreet-Fans möchten mit so simpel voraussagbaren Sachen wie dem Inselduell natürlich nichts zu tun haben. Wer hat auch schon Zeit für Reality-TV, wenn er ständig die Börsenkurse checken muss? Mittlerweile hab ich’s durch emsiges Handeln übrigens wieder auf Platz 107 geschafft. Insbesondere die FDP hat mir dabei wunderbar geholfen. Aber wie werde ich jetzt die ganzen Grünen-Aktien wieder los, die ich mir gestern aus irgend einem Grund zugelegt habe? Vielleicht sollte ich mal bei deren Konstanzer Hochschulgruppe anrufen.
http://www.wahlstreet.de

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