Text: ingrid arnold aus De:Bug 24

Euer Schiff, die Sea Star, liegt hilflos im Pazifischen Ozean. Ihr wurdet eben vom Taifun Leiah getroffen, und die angeschlagene Sea Star konnte sich ins Auge des Sturms retten. Ihr habt aber nicht viel Zeit bevor der Taifun sich wieder bis zu euch bewegt hat. In der Ferne taucht ein großes Schiff auf. Es ist das russische Forschungsschiff Vladislav Volkov. Eure Rettungsrufe bleiben unbeantwortet. Ihr erreicht die Volkov und klettert in dem Moment an Bord als euer Boot im Meer versinkt. Das russische Schiff scheint verlassen zu sein. Plötzlich merkt ihr, dass ihr nicht allein seid. Die Volkov wurde von einer ausserirdischen Energieform übernommen, die jetzt hinter euch her ist … Nicht nur, dass dieser Plot verdammt an DEEP RISING (“Octalus”) erinnert, auch die Charaktere sind natürlich längst aus anderen Genre-Filmen bekannt, nehmen wir doch einfach ALIENS: Carter Burke heisst diesmal Everton (Donald Sutherland) und ist der Captain der Sea Star. Ripley wird von Jamie Lee Curtis gespielt, heisst Kelly “Kit” Foster und ist erster Steuermann (oder so). Steve Baker (William Baldwin) war früher mal Hicks, jetzt ist er Bordmechaniker. Und Newt heisst jetzt Nadia (Joanna Pacula), weil sie die einzige russische Überlebende ist. http://www.whatisthevirus.com? Das Böse in Science-Fiction-Invasionsfilmen taucht immer in ähnlicher Form auf: Entweder als “richtige” Aliens, also als unbekannte, ausserirdische Lebensform (ALIEN), als Mutation von Menschen oder anderem Getier (LEVIATHAN), in nur vermeintlich menschlicher Gestalt (INVASION OF THE BODYSNATCHERS, TERMINATOR), als Cyborg (alle STAR TREK-Filme mit Borgs drin, ROBOCOP) oder als “richtiger” Roboter/Computer (RUNAWAY, 2001). Eine neuerdings beliebte Variante ist, dass sich die ganze Begegnung nur im Kopf der Opfer abspielt (SPHERE, EVENT HORIZON). VIRUS hat sich leider für eine ziemlich idiotische Mischung entschieden: die extraterrestrische Lebensform besteht aus bzw. lebt von elektrischer Energie, und nistet sich im Computersystem ein, hat dann aber nichts besseres zu tun als zum einen kleine Roboterspinnen zu bauen (die Eindringlinge zwicken und Fluchttüren verschweissen können), aber auch Menschen als Ersatzteillager zu nehmen und ganz viele Cyborgs zu bauen, die dann mit Maschinengewehren Patrouille laufen müssen. Und dann sind diese Dinger angeblich noch nicht mal der Virus, sondern die Menschen! Warum also virulente Körperteile in funktionierende Roboter einbauen? VIRUS basiert auf der gleichnamigen vierteiligen Dark Horse Comic-Serie (1992) von Chuck Pfarrer, der auch das Drehbuch mitgeschrieben hat. Im Comic ist im Gegensatz zum Film ganz klar, dass die ausserirdische Energie der Virus ist, und er spart sich damit die pseudo-zivilisationskritische These vom Menschen als das eigentliche Übel der Welt. Ansonsten läuft die Bodycount-Story im Film analog zum Comic. Aber die filmische Umsetzung teilt das Problem von Batman, Superman und Tank Girl: Die Charaktere und Dialoge sind auch im Film auf Comic-Niveau, und die mediumsbedingt flachere Dramaturgie der Vorlage funktioniert hier nicht, weil die Zuschauer, zumal bei Genre-Filmen, zuviel Vorwissen haben und bitte überrascht werden wollen. ”There’s no such thing as easy money” (“Kit” Foster) Was macht man nur mit einem Film, auf den man sich gefreut hat, wegen der eigentlich vielversprechenden Story, der Hauptdarstellerin und der Produzentin? Und den man nun nur verreissen kann, weil er derart lieblos zusammengeklaut ist? Produziert wurde VIRUS nämlich von Gale Anne Hurd, unserer Lieblingsproduzentin (alle alten James Cameron-Filme: TERMINATOR, ALIENS, THE ABYSS, TERMINATOR 2), die immerhin ein Budget von 75 Millionen Dollar hatte. Warum hat sie vor dem Geldausgeben nicht mal das Drehbuch gelesen oder den Regisseur ausgetauscht? VIRUS ist John Brunos erster Film, Camerons langjähriger Special-Effects-Mann (u. a. bei THE ABYSS, TERMINATOR 2 und TRUE LIES). So ist es kein Wunder, dass die “l’art pour l’art”-Effekte das einzig Gute an dem Film sind. Ansonsten gibt’s auch viel Taifun, viel Finger-in-Gehirne-Stecken und Brustkörbe-Aufbrechen. Viel Spannung wird leider dadurch verschenkt, dass die fürs Drehbuch dazuerfundene Nadia viel zu schnell verrät, was es mit dem “Ding” auf sich hat. VIRUS ist ein teures B-Movie, purer Trash. Aber weil er sich so schrecklich ernst nimmt (es gibt nicht eine ironische Szene), macht das Zuschauen auch Spass: Der Leidensweg der Helden wird so pathetisch gespielt, vor den lächerlichen Monstern wird sich so aufrichtig gefürchtet, dass man dem Regisseur gratulieren muss, echte Schauspieler dazu gebracht zu haben, hier mitzumachen. Donald Sutherland liefert die schlechteste Bösewicht-Performance seiner Karriere; seinem Captain Everton nimmt man keine einzige Motivation ab, er wandelt ziellos durch die Kulissen und macht dabei ein steinernes Gesicht. Jamie Lee Curtis ist einmal mehr die “Scream-Queen” und taugt nicht wirklich als Ripley-Ersatz. Sie läuft anfangs immer vorne weg, dahinter stolpert William Baldwin. Am Ende bricht sie dann vollkommen zusammen, kein schöner Anblick. Warten wir also auf THE MATRIX. Deutschlandstart von VIRUS: 20. Mai 1999. Websites: VIRUS – “Official Website” von Universal Pictures http://www.virusthemovie.com/ Dark Horse Comics http://www.darkhorse.com/

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Elektronische Lebensaspekte.