Technologie aneigenen: Aus ausgemusterten Überwachungsanlagen und allerhand anderem Zeugs bastelt das Berliner VJ-Team Visomat Inc. visuelle Infrastrukturen. Von den Hamburger Kammerspielen über die Expo bis zum Club bespielen sie die Monitore der Republik.
Text: Aram Lintzel aus De:Bug 45

clubvisuals

Überwachen und Tanzen
Interview mit Visomat Inc.

Auf der in Videotext-Ästhetik gehaltenen Webseite des Berliner VJ-Teams visomat.inc heißt es hoffnungsfroh: “In der konventionellen Partyhierarchie stehen die visuellen Gestalter meistens im Schatten der DJs – doch die Zeiten ändern sich.” Visomat arbeiten daran: Seit 1997 bemühen sich Gereon Schmitz, Torsten Oetken und neuerdings Michel Weinholzner um die Konvergenz von Audio und Video im Club; die Homebase für ihre aufwendigen visuellen Installationen ist das Berliner WMF. Im WMF No. 4 installierten sie eine ausgemusterte Überwachungsanlage als Informationssystem für Getränkepreise und Veranstaltungen sowie ein Videomixsystem, mit dem die Musik in Real Time begleitet werden konnte. Regelmäßig bebildern die Visomaten die Parties des WMF mit ihren abstrakt-minimalen, aus eigenem Material und gesampelten Testbildern, Grafiken, TV-Footage, Videospiel-Fragmenten und JPEGs zusammengestellten Bilderwelten. Auch im aktuellen Club besteht die VJ-Plattform aus ausrangierten Monitoren. Visomat organisieren dort das Booking der VJs. Mit dem Festival “Berlin Club Video” (10/99-03/00) boten sie der Berliner Club-VJ-Szene zudem eine öffentliche Plattform, die weiterhin als loser Zusammenhang existiert. Eine Dokumentation der sechs Parties ist kürzlich auf Video erschienen. Visomats “Medienarchitekturen” haben aber längst den Club-Rahmen überschritten: Auf der EXPO 2000 waren sie mit ihrer Videoinstallation “Stern des Unwissens” vertreten, und im vergangenen September bauten sie in den Hamburger Kammerspielen eine Monitor-Installation auf.

DE:BUG: Ihr arbeitet mit Low-Technologien, insbesondere mit Monitoren. Hat das mit einer Abneigung gegen slicke Oberflächen und Projektionen zu tun?

Gereon: Es gibt natürlich Video-Beamer, die moderner aussehen und größere Bilder projizieren können. Aber Monitore strahlen einfach anders und können auch als Lichtquelle dienen, außerdem finden wir Projektionen nicht sonderlich spannend. Da man Monitore seit über 30 Jahren kennt, wirken sie vielleicht retro. Aber das ist eigentlich nicht so gemeint – wenn schon, dann würde ich von “Retrofuturismus” sprechen. Außerdem gebietet das die Ökonomie. Mit neuerem Material würde man einen Kostendruck erzeugen, den kein Club aushalten könnte.

DE:BUG: Die riesigen Monitore über der Tanzfläche des aktuellen WMF wirken durch ihre Überdimensionalität bedrohlich. Warum zeigt ihr mehr als bloß Displays?

Gereon: Aber es stimmt schon: Normalerweise werden die Monitore irgendwo eingebaut und versteckt, so dass man nur den Bildschirm sieht. Das ist der übliche Messestandard. Klar geht es uns auch darum, das zu zeigen, was man sonst nicht sieht – weil wir Monitore einfach schön finden.

Torsten: Es ist schon eine sehr direkte Installation, die Abmessungen der Monitore hat aber eine technische Notwendigkeit. Anders könnte man die Videoclip-Einheiten nicht so groß darstellen.

DE:BUG: Wie stark bezieht ihr euch auf die Räumlichkeiten, in denen ihr arbeitet, wie ortsspezifisch geht ihr vor? Oder ist die Musik, die in dem jeweiligen Club läuft, letztlich wichtiger als der Raum?

Gereon: Der Raum ist die absolute Größe. Jeder Raum hat eine eigene Funktionionalität, die wir aufgreifen und unterstützen. Natürlich ist es nicht belanglos, was für Musik läuft. Im Rahmen elektronischer Tanzmusik ist es aber relativ egal, was über den Monitor läuft, weil die Inhalte nicht immer von uns kommen. Wir bauen vor allem Infrastrukturen, die auch unabhängig von uns funktionieren, denn wir wollen schließlich nicht jeden Abend in irgendeinem Club sein und nur unsere eigenen Bänder spielen. Unsere Installationen sollen für jeden, der sich damit beschäftigt, nutzbar sein. Es geht weniger darum, unsere Sachen in den Vordergrund zu stellen. Vor allem soll mit den Funktionen des Raumes gearbeitet werden.

DE:BUG: Ihr habt die Hamburger Kammerspiele mit Monitoren bestückt und ward auf der EXPO vertreten. Wodurch unterscheiden sich solche Projekte von der Arbeit im Club?

Gereon: Das Projekt “Die Filiale für Erinnerung und Zeit” in Hamburg, eine Überwachungsinstallation zum Thema Erinnerung, war für uns wie ein Ausflug in ein anderes Land. Am Anfang dachten wir uns: “Um Gottes Willen, was haben wir mit Theater zu tun?” Aber dann hat sich die Zusammenarbeit als sehr fruchtbar erwiesen. Es ging uns um ein Medienerlebnis, das man als Zuschauer nicht so oft hat, nämlich eines, bei dem man völlig frei entscheiden kann, was man gerade sehen will. Es war nicht einfach für uns, unsere Rolle zu definieren, weil wir es ablehnen, als reine Dienstleister zu agieren. Das machen wir ja schon außerhalb von Visomat mit unserer Fernseharbeit.

DE:BUG: Würdet ihr sagen, dass der entscheidende Unterschied eurer Arbeit zu anderen Formen visueller Repräsentation (Theater, Kino, Bildende Kunst) darin besteht, dass ihr zu einer (club-)spezifischen Art von Aufmerksamkeit aufruft? Eine Aufmerksamkeit, bei der man sich nicht dauerhaft auf einen Punkt konzentrieren muss? Oder könnt ihr euch vorstellen, dass das Publikum eine Stunde lang auf die Monitorbilder starrt?

Torsten: Das habe ich schon erlebt, dieses Starren. Keine Ahnung, was für Drogen da im Spiel waren. Aber das ist nicht unser eigentliches Ziel, uns geht es wie bei der Musik darum, dass man auch immer wieder in andere Bereiche abdriften kann. Wir wollen niemanden an die Monitore fesseln, deshalb arbeiten wir mit abstrakten Patterns und erzählen keine Geschichten.

Gereon: Es wäre verkehrt, aus dem Club ein Kino machen zu wollen. Uns geht es immer auch darum, die Macht von Bildsystemen wie Fernsehen oder Überwachungsanlagen umzupolen. Durch alternative Verwendungsweisen wollen wir die standardisierte Medienrezeption und die dazugehörigen Neurosen in Frage stellen.

DE:BUG: Es geht euch also auch um Mediensubversion…

Gereon: Unsere Überwachungsanlagen gehen schon in diese Richtung, allerdings würden wir den politischen Aspekt nicht all zu hoch hängen. Bewusst mit Bildern umgehen und Irritationen hervorrufen – so würde ich das nennen. Irgendwann merken die Leute bei den Überwachungsanlagen, wie unsinnig die angebliche Überwachung eigentlich ist. Das kann dann schon zu einer Sensibilisierung in echten Überwachungssituationen führen. Bei den Bildern ist es ähnlich, die sind zwar nicht inhaltsfrei, aber es geht um Reduktion: es gibt keine Geschichte und keine billigen Sensationen wie explodierende Atombomben oder so. Außerdem arbeiten wir viel mit Fehlern und Bildstörungen, also mit Elementen, die in anderen Kontexten nicht willkommen sind.

DE:BUG: Würdet ihr sagen, dass der Begriff “VJ” eure Arbeit angemessen beschreibt?

Gereon: Die offizielle Berufsbezeichnung “VJ” gilt ja momentan noch für die Leute, die bei MTV und VIVA zwischen den Clips die Sprüche klopfen. Aber das war ja beim DJ früher genauso: der hat im Radio Platten aufgelegt und zwischen den Songs geredet. Es bleibt zu hoffen, dass sich eine andere VJ-Kultur etabliert, so wie sich eine andere DJ-Kultur etabliert hat. Wir würden uns auf jeden Fall als VJs begreifen, aber in dem Sinne, dass es dabei darum geht, eine bestimmte Praxis gegen Widerstände durchzusetzen…

DE:BUG: Wenn ihr als VJs eine relative Autonomie beansprucht, heißt das dann, dass es keine Einflussnahme von Clubmachern, Bookern etc. geben darf?

Torsten: Natürlich gibt es Kooperationen, wir wollen aber keine Dienstleistung machen und einfach eine Monitorwand irgendwo aufstellen und dann abhauen. Der Einfluss auf das, was passiert, ist uns sehr wichtig. Außerdem funktionieren unsere Bilder nicht mit jeder Musik – mit Dub zum Beispiel kommen die Sachen nicht so gut.

DE:BUG: Wie eng arbeitet ihr mit den DJs zusammen – geht die Interaktion so weit, dass die DJs auf eure Bilder reagieren?

Gereon: Der Rückkanal öffnet sich allmählich. Die Stimmung der Bilder nimmt immer mehr Einfluss auf den DJ.

DE:BUG: Was sind eure aktuellen Projekte und was ist in Zukunft von euch zu erwarten?

Gereon: Wir haben gerade unser erstes Musikvideo für “Mitte Karaoke” gemacht; die Premiere war Anfang Februar im WMF. Es wird verschiedene Remixe des Videos geben – von Leuten aus dem “Berlin Club Video”-Umfeld. Mit diesem Remix-Konzept wollen wir die Gewichtung weiter Richtung Video verschieben. Außerdem arbeiten wir immer noch daran, auf der Basis von “Berlin Club Video” ein Video-Label zu machen. Was wir uns auch vorstellen können, ist einen clubinternen Fernsehsender aufzubauen: “Closed Circuit TV” mit einer Reichweite von 300 Leuten – die Clubbesucher als geschlossene Benutzergruppe. Vielleicht wird es schon im nächsten WMF so weit sein, dass man so ein Experiment wagt und so die Grenzen aufs Neue verschiebt.

Torsten: Was wir auch gerne mehr machen wollen, sind feste Installationen und Objekte, z.B. in Schaufenstern, Parkhäusern oder in Ausstellungen. Doch auch wenn wir unseren Aktionsradius erweitern: Visomat wird immer auch Clubs bespielen, das ist nach wie vor das beste Feld, um Sachen auszuprobieren.

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Elektronische Lebensaspekte.