Netzwerke sind bekanntlich unsichtbar, und da die Spinnennetzmetapher trotz Spiderman wirklich nichts Konkretes über sie aussagen kann, setzen sich seit Beginn des Internet immer mehr Softwareentwickler an alternative Visualisierungstrategien. Nur was man sehen kann, versteht man. Vom www bis Filesharing, eine Historie visueller Strategien der Erleuchtung.
Text: Pit Schultz aus De:Bug 61

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Die visuelle Semantisierung komplexer Netzwerke
Die was? Lesen Sie bitte weiter, nur keine Angst.

Aus dem Nichts
Manchmal dauert es eine Weile, bis es plötzlich klar ist, dass aus ein paar Punkten ein Bild wird, aus verschiedenen Mutationen eine Gattung, aus vereinzelten Arbeiten ein eigenes Genre. Wenn dieses Neue schließlich die Mitte der Aufmerksamkeit einnimmt, nennt man es vielleicht sogar ein Medium. Und wenn man staunend und etwas ratlos davor steht, nennt man es vielleicht ein neues Interface, zu deutsch Schnittstelle. Und sollte es eine Kölner Schule der Medienkunst geben, dann dreht sie sich um die Dramatisierung des Schnitts, den die Schnittstellen machen.

Vom Dunkel zum Poweruser
Die Tragödie des Users im Netz und anderswo besteht nicht zuletzt darin, dass er nie die Gewissheit hat, was eigentlich wirklich geschieht. Er bleibt im Unklaren über Folgen und Nutzen seines Tuns. Hinter dem Bildschirm oder im Netz, auf der Festplatte oder wenn wieder einmal der Computer abstürzte, wird er dennoch im Anschein gelassen, die volle Kontrolle zu besitzen. Der Poweruser hingegen greift einige Stationen weiter an und erschafft sich seine eigenen Schnittstellen, Kommandozeilenumgebungen oder zumindest Desktop-Themes. Er macht es sich heimisch und ist vielleicht dadurch der ideale Partner für ein Desktop Drama oder eine Verwechslungskomödie.

Usability vs. Visibility
Über die Jahre hat sich die Gattung der experimentellen Interfaces entwickelt, die sich weit vorne vom Zwang der Zweckmäßigkeit, der Usability, dem Bauhausgedanken entfernten und die Zerklüftungen des Digitalen aufspürten, die Vektorgebirge und spinnenartigen Datenimpressionen. Sie folgen dem Gang der Datenpakete im Internet, lauschen dem PING und TRACEROUTE und entwerfen eine ganze Romantik des Digitalen, weisen sie doch schließlich zurück auf den User, der nun all das Wissen von seiner schönen Seite betrachten konnte, schön im Sinne von interessenlos.
Die Daten, von denen man wusste, dass sie immer auf andere Weise zusammenhängen, einen toten Link oder eine glatte Lüge enthalten, einen Trick oder Kompromiss, um dann doch ein offizielles Datum zu ergeben, versprechen erst im Gestrüpp ihrer Häufungen, ein richtiges Bild abzugeben. Um mehr bedeutsam unbedeutsame Materialen anzuhäufen als das mitunter vorgesehen war, wurden “Teleskope” entwickelt, Suchmaschinen, um das seltsame Eigenleben im Digitalen genauer beobachten zu können.

Webstalker’s Ahnen
Einer der ersten Vertreter war der Webstalker der Gruppe IOD, der ähnlich der Jahre zuvor realisierten Ping Map von Antya Umstaetter Webdatenstrukturen in Grafiken umsetzte. Nicht zuletzt der zittrige Thesaurus von Plumbdesign diente der Verbildlichung des Wörterbuchs und fand zahllose Nachfahren. Dies sind nur einige Knotenpunkte in einem Projekt, das sich mehr und mehr als Wahrnehmungs- und Darstellungsfilter zwischen Desktop und Netz zu setzen beginnt.

Sehen als Wissenschaft
Auch in der Wissenschaft gibt es die Ansätze der ‘Theme Maps’ zur Visualisierung komplexer Zusammenhänge. Es geht darum, das zu versinnbildlichen, was man nicht mehr versteht oder genauer wissen will. Sich ein Bild zu machen von dem, was eigentlich Text, wohlaufgereihte Sprache genannt wird oder mehr oder weniger berechenbar in mathematische Formeln gefasst wird, bekommt als Grafik die Chance, mit einem Blick erfasst zu werden. Sehen heißt verstehen. In Bäumen und Inhaltverzeichnissen, in Katalogen und Karteien, Listen und Glossaren geordnet, bleibt der Verdacht bestehen, dass nur durch das genaue Nachverfolgen und Einzeichnen der Punkte im Territorium sich eine genaue Navigationskarte anfertigen ließe.

Selbstgenerierende Datenordnung
Die Metapher des Desktops ist eine Metapher der Pflicht und Qual. Mit ihren erniedrigenden Erinnerungen daran, dass der User ein Beamter seiner eigenen Datenunordnung ist, mit Papierkörben und zahllosen Schaltflächen hantierend, ständig gezwungen seine Tischsitten zu verbessern und dabei kleine Symbole von einem Ordner in den nächsten zu verschieben, den überquellenden ‘Ordnern’, denen Berge von halb bespielten CD-Rs gegenüberstehen. Der Traum besteht darin, dass sich diese Daten selbst ordnen, dass sie sich gegenseitig ihre Bedeutungen mitteilen und gefälligst selbst wissen sollten, welche Zusammenhänge in welchem Zusammenhang wichtig sind und welche nicht.
Ganze Stammbäume, Lebenswege, Musikstile, Cliquen und Firmenverbände lassen sich so durch gekonntes Abgrasen der Datenwüsten auf einen Blick erfassen. Das “semantic web” hat wenig mit Webdesign im klassischen Sinne zu tun, sondern mit dynamischer Repräsentation von Daten im Wettlauf mit der Geschwindigkeit der Gedanken. Wenn sich etwas verändert, merkt man es am ehesten hinterher oder durch Hilfsmittel.

Zu Minitasking
Als p2p kam, machte es all die vereinzelten Privatarchive zu einem einzigen. Und diese Entlokalisierung, Entprivatisierung und Entsubjektivierung des digitalen Eigentums hat ein Datenkontinuum geschaffen, von dem sich bis heute die Inhalte-Industrie nicht erholt hat. Die Gleichheit der Daten vollzieht sich auf der Ebene der Protokolle und nicht der Bewertung in Hirarchie-Ebenen. Die Fläche und nicht die Tiefe geht gegen unendlich. Die Welt ist eine Liste, die sich ständig ändert. Oder – wie bei Minitasking – eine Anzahl von Kreisen oder Quadraten oder Melodien, die sich nach Trefferquoten ausrichten, Mengen, aus denen man eine Auswahl trifft, um es weiter zu kopieren oder möglichst schnell zu vergessen.

Der User selbst ist der p2p Client und nur die minimalsten, unpraktischsten und überraschenderen der Interfaces können vielleicht einen Eindruck davon vermitteln, wie weit wir bereits sind. Auf dem Weg.

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Elektronische Lebensaspekte.