Das ungebrochene Revival des Rock-Geschreis auf Viva 2 lässt mit dem toten Falco alte Überlegungen wiederaufleben: Wer sich an die 80er Jahre noch erinnern kann, hat sie nicht erlebt. Und schaut Viva 2? Gibt es dafür dann eine Grimmepreisnominierung? Nein, neben Charlotte Roche ist auch die Sendung 2Step nominiert worden.
Text: aljoscha/alexis aus De:Bug 44

BITTE LIEBT VIVA 2!

alexis waltz, aljoscha weskott (alexis/aljoscha@classlibrary.net)

Imagine Viva 2: „Kein Rock-Geschrei, kein Rap-Teaching mehr: Das pure Parlament der vielen Stimmen eines kollektiven Glücks: Nur Monotonie und Einzelworte, Fetzen, Reste, Nichtkohärenz und Nichttext.”
Die Goetzsche Formel für die Funktionsweisen von Techno konnte nie in die Sendeformate des Musikfernsehens einfließen. Verspach das MTV-Format der 80er Jahre das Identisch-Werden mit den Popereignissen der westlichen Hemisphäre, weil das schönste an Tokyo nicht nur Mc Donalds, sondern auch MTV ist, so schaltet nun Charlotte Roche in die Andy–Warhol-Straße nach Berlin, wo Surrogat die industrielle Ruine besingen: „Hit me, hit me! Ich gelobe Besserung.”
Viva 2 gefällt sich ungebrochen in der national codierten kulturellen Dissidenz-Figur. Weil die Übersetzung von Techno in Affektbilder großdeutscher Ereignisse wie der Loveparade für Viva reserviert ist, hat sich der „kleine, böse Musikterrier Viva 2″, so Viva-Chef Dieter Gorny, den Post-Nirvana-Styles angenommen: Independent als Existenzweise hat die Tode Curt Cobains medial vervielfältigen können. Die imagemäßige Generalüberholung dieses Konzepts ist weiterhin die Hauptfunktion der Viva 2-Stile. Auf der Suche nach den lokalen Zeichen progressiver Popkultur ist Viva 2 das Musikfernsehen, welches allein für „Undergoundmusik” stilbildend sein möchte – und das jenseits der Diktate der Musikindustrie, ganz nahe am Impuls des kulturellen Time-Lags.

Shadows

Techno ist eine kleine Technologie. Ihre Binnendifferenzierung komplex. Die Anschlüsse flimmern auf der medialen Oberfläche zwar auf, können aber nur als Starinszenierung repräsentiert werden. Doch selbst der DJ als Global-Player, der zwischen Plattenladen, Flugzeug und Club umherschwirrt, wird medial nur an ganz bestimmten Personen durchexerziert.
Obwohl die Frage der Verkaufszahlen immer wichtiger für die Technoproduzenten kleinerer Labels wird, sind es doch nur überschaubare Szenen in a field near New Hampshire, die am nächsten Morgen wieder unsichtbar geworden sind und dann in Wohnungen, Jobs, Schulen, Universitäten und Kliniken diffundieren. Elektronische Tanzmusik ist für die Musiksender eine visuelle Leerstelle geworden: Denn Techno hat die Kunst des Unwahrnehmbarwerdens gelernt. Sobald die Raver die Clubs verlassen haben, sind jene heilige Hallen des Techno leere Gebäude. Die Geschichten der gelebten Exzesse sind so klein geworden, dass sie sich auf dem Bildschirm nicht verfolgen lassen; sie können nur in mühseliger Soziologenarbeit – etwa bei Simon Reynolds – rekonstruiert werden.

Die Schwierigkeiten des Musikfernsehens, Techno nicht allein in Affektbilder zu übersetzen hat Viva 2 durchaus zu neuen Formaten motiviert. Mit 2Step hat elektronische Musik Darstellungsformen erhalten, die nicht mehr das Ereignis aTechno verbildlichen. Auch das Darstellungskonzept Urbanität wird nicht wieder aufgegriffen. Entscheidend bleiben für 2Step die technologischen und medialen Differenzierungen in der Präsentation elektronischer Musik. Die Frage nach dem perfekten Talking Head wird auf 2Step zwar vermieden, in der schlichten Übernahme elektronik- bzw. cluborientierter Videoansätze wird jedoch deutlich, dass die Suche nach dem perfekten Videoschnittprogramm denen überlassen werden soll, die kein Fernsehen machen: Wenn Acts wie Visomat und Safy Sniper auf dem DJ &VJ- Format -2Step auftauchen, werden für das Fernsehen unübersetzbare Bildformate getestet, die in der Innenarchitektur des Apartments keinen Resonanzboden finden. Natürlich ist das Abbilden der zuckenden Körper für Viva 2 keine Option mehr: Für die Redaktionschmieden Viva 2s flottiert das Bild des glücksbesoffenen Ravers nahezu gleichberechtigt neben Ballermann 6-Exzessen, einem Paul Oakenfold-Set im Fußballstadion oder DJ Bundeskanzler-Wirtshaus-Gelagen.

Represent! Represent!
Liebe Deine Popsplitter wie dich selbst!

Demgegnüber ist der magische Initationsritus des Rockjournalismus im Zusammentreffen von Musikjournalist und Musikerpersönlichkeit in Schnitt/ Gegenschnitt übersetzbar. Fast Forward geht darin einzig Charlotte Roche. Sie ist auf der Überholspur und bastelt an der alten subversiven Popfabel, die MTV als hegemonianlen Pop-Repräsentationsrahmen denunziert, welcher Bildoberflächen glättet und den klinischen Blick auf das Artefakt Pop perfektioniert: Demnach setzen die Schnitte bei MTV da an, wo Viva 2 vermeintlich ungebrochen, „unplugged” draufhält.
Während Magzine wie Brisant oder Taff für die boulevardjournalistischen Cumshots zuständig sind, montiert Viva 2 Trashbit an Trashbit, Serien sich selbst dekonstruierender Realnessversprechen. Viva 2 funktioniert dabei wie von Stuckrad-Barres Blackbox-Metapher: Im medialen Rauschen (von Pop) können keine Absturzursachen mehr gefunden werden. Wo bitte ist der Voicerecorder? In diesen medialen Innernperspektiven gilt es die auftretenden Lecks zu performen, aber auch die Partitur der Realpolitik kritisch zu lesen, um die eigene, scheinbar nichtrepräsentierte Diskursfigur in das hysterische Geschehen des medialen Netzwerks einzuspeien. Schlingensief dient dabei als Pop-Übervater der Überschreitungsgeste, obwohl Pop im Universum Schlingensiefs allein das bestehende Öffentlichkeitsmodell überaffimiert, indem etwa über Abschiebungen per TED abgestimmt werden soll.
Fasziniert von dem tendenziellen Scheitern der Effekte progressiver Popkulturansätze erwirkt auf Viva 2 jeder Versuch authentischer Sprechakte aus Pop gleichzeitig seine zauberhafte Auflösung. Charlotte Roche arbeitet dabei mit der Ironie, dass die Unterscheidungen durch die sich ein Achtziger Jahre Pop-Universum herstellte, tatsächlich möglich waren. Sich ganz ungezwungen und ungeschliffen gebend, ist Viva 2 zu dem Medium gescheiterter Spexdiskurse der 90er Jahre avanciert: Im visuellen Outsourcing der Spex-Diskurs-Welt ist auch der Mainstream der Minderheiten-Ansatz jederzeit abrufbar. Allerdings wird in der Inszenierung lebendiger Pop-Archive erneut die Abgrenzung gegenüber Ansätzen wie Tristesse Royal notwendig. Und das, nachdem mit Nirvana alle Differenzen zwischen richtigen und falschem Pop kollabierten. Genannten Leuten wird die Potentialität eine Pop-Verbindlichkeit zu erzeugen abgesprochen. Die Geschichten von Pop werden somit noch einmal, obwohl längst Literaturwissenschaftsseminare darüber hergefallen sind, mit einer obsessiven Genauigkeit aufgearbeitet. In dieser krampfhaften Rückaneingung produziert Pop auf Viva 2 keine anderen Anschlüssen mehr. Ein politischer Bezugsrahmen kann nicht mehr hergestellt werden und wird allein sloganhaft durch die Kampagne „Radikalisiert das Leben” oder Charlotte Roches Art der An- und Abmoderation: „Und denkt daran: „Woman is the nigger of da world” zitiert. Hat sich das Zitat in seiner Wiederholungsschleife aufgefressen oder findet hier das völlige Partikularwerden von Pop statt?
Pop ist kein Masterdiskurs mehr. Pop geht in die Körper, wenn Bonos Steifheiten und Verspannungen retrospektiv gelesen werden, bis selbst das „Ich will ficken” der Bloodhound Gang in ein geiles Popmoment übersetzbar erscheint.

YO, Disartikulationen!

Viva 2 bricht mit den Immanenzzonen, die Techno aufmachte und sich selbst in den Tranceflächen auf Viva ausbreiten konnte. Das öffentliche Sprechen im Namen von Pop wurde im nichtaufgehenden Rest der Städte in minimale Intensitätssplitter aufgelöst; semiotisch organisierte Distinktionsmodelle wurden aufgegeben. Abfahrt für alle! und andere elektronische Intensitäten waren nicht mehr eine Frage von Style. Gegen dieses radikal kontextbezogene elektronische Agieren wenden Charlotte Roche und Il-Young Kim ihre popintellektuellen Investments mit leicht historizistischen Tendenzen. Nocheinmal werden alle denkbaren Pop-Urszenen des politisch und sexuell anders Denkens durchgespielt, egal ob mit Gitarre, Mikro oder einer 808 in der Hand, um darin das verhaßte und zurückgewiesene Ironiemodell erneut als Allerheilmittel in the long dark night of late capitalism zu reaktivieren.
Zweifelsohne agiert das Popmedium Viva 2 sehr präzise. Die Effekte unter den 20 Millionen, die das „kleine Medium” Viva 2 empfangen können, sind kaum messbar. Wann es um blosses Styles-Checken geht, das natürlich zu den Alltagspflichten des liberal-flexibiliesierten Lebens gehört, wann Issues kommuniziert werden, ist unüberschaubar. Wann sich Charlottes Vorwurf der Simulation, der immer wieder an die grossen Medien gerichtet wird, in dieser Distinktion endgültig selbst auflöst, ist nicht auszumachen: Ob Charlotte Pop-Ereignisse simuliert wie das literarische Quartett die bürgerliche Debatte, oder Handlungsoptionen aufmacht – we won‘t tell.
Viva 2 bleibt unersetzlich für das Ausagieren des allseitsbeliebten Appartment-Rummels. Auch wir richten uns darin ein und warten auf die diesjährige Gala anlässlich der Verleihung des Grimmepreises. Nominiert wurden u.a. 2Step für die „kongeniale Einheit von Bild und Ton” und Charlotte Roche für ihre „kompetent eigenwillige Moderation.” Also Daumen drücken für Charlotte Roche! Denn aufgepasst: Roger Willemsen wird die Grimmepreisverleihung moderieren: Postmodernes Bildungsbürgertum meets postmodernes Pop-Bildungsbürgertum im Punkoutfit. Ein MC-Battle ganz im Sinne Monsieurs Baudrillards. Und geiles Rap-Teaching zudem.

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Elektronische Lebensaspekte.