Lichtmaschine Sydney
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 174

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Sydneys Skyline erschien vergangenen Juni zum fünften Mal im Licht des Vivid Light Festivals. Timo Feldhaus war vor Ort, um der elektromagnetischen Strahlung in all ihren Projektionsformen zu frönen. Kraftwerk waren auch da, und spielten ihren gesamten Katalog in der Oper, einem der aufregendsten Gebäude der Welt.

Warum sollte man von Deutschland aus 16.000 Kilometer ans andere Ende der Erde fliegen, um eine deutsche Band auf der Bühne zu sehen? Kroaftwörk, davon hat Simon noch niegehört, aber allein die Idee klänge bekloppt. Simon, mein Mann an der Bar, hat sicher recht. Allein, er versteht es eben nicht. Und sowieso, es sind beileibe nicht die teutonischen Wurzeln, und auch nicht allein die Wurzeln der elektronischen Musik, die einen dieser Tage nach Sydney treiben. Es ist das Licht.

Im schönen Juni, wenn es in Australien langsam wintert, das Wetter aber immer noch um Längen besser ist als in Germany, wird die Hauptstadt der Aussies zum fünften Mal in künstliches Licht getaucht. “Das Vivid Light Festival ist das größte seiner Art auf der Südhalbkugel, vielleicht sogar auf der ganzen Welt.” Ignatius weiß das, denn Ignatius Jones ist hier Kreativdirektor. Er führt uns durch den Hafen, in Sydney von einer Manhattenesken Skyline flankiert, die modern anmutet. Denn in der brutal jungen, brutal reichen, und brutal strahlenden Stadt Sydney ist naturgemäß alles sehr modern. Wo vor knapp 200 Jahren ein paar eher harmlose englische Sträflinge an Aborigines-Land gingen, präsentiert sich das Epizentrum des Lichterfestivals, das auf den drei kompakten Säulen Light, Ideas (Konferenz) und Music fußt: über die lange Harbour Bridge, die Norden und Süden verbindet, die Oper, rund um das Museum für zeitgenössische Kunst (MCA), und die Wasserfälle am Darling Harbour. Hinter uns skaten ein paar Kids mit Lichtschwertern in der Hand, neben uns laufen eine Trillionen begeisterter Menschen durchs Licht und schauen wie wir nach vorne, hin zu den bunten Bildern, die auf 20 Meter hohe Fontänen über dem Pazifik projiziert werden. “Hier und heute verschmelzen Architektur und Malerei auf einer ganz neuen Leinwand”, brummt Ignatius zufrieden.

Ignatius ist 1/3 Philippine, 1/3 Chinese und 1/3 Rock’n’Roller. Früher, in den 70ern, habe er selbst in einer der berüchtigsten Bands Sydneys gespielt. Dann hat er die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2000 geplant und durchgeführt, 2010 die Expo in Shanghai und Sydneys letzte Silvesterparty. Jetzt ist er der Anwalt von Australiens Kreativindustrie. Und das Symbol eben jener, das weiß ja jeder, ist das Licht. “Die französischen Spezialisten von Aquatique Show International installieren hier einen hemispherical screen – Wassertropfen als Bildschirm – schon irre, oder?” Natürlich eine rhetorische Frage, natürlich rufe ich ihm trotzdem entgegen: “Enlightening!” Aber er hört mich nicht, er stützt sich und seinen runden Bauch auf den eleganten Krückstock mit silbernem Knauf, rückt seine große schwarze Brille zurecht und schaut auf die Oper, auf dessen Fassade scharf gebündeltes Licht frappierende Formen wirft.

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Das Gebäude sieht aus wie ein paar ineinander geschobene Segel. Es ist das berühmteste Haus Australiens. Draußen offene, für die Zeit seiner Entstehung in den 60ern viel zu moderne Eleganz, innen Brutalismus. Die Oper kostete damals 14 Mal so viel wie geplant, die Krümmung der Dächer mussten erste Computer mit Lochkarten berechnen und die Einwohner Sydneys haben irgendwann gespendet und Tickets gekauft für Veranstaltungen, die es noch lange nicht gab, damit der Bau des dänischen Architekten Jorn Utzons weitergehen konnte. Später haben sie ihn aus der Stadt gejagt. Noch später wurde er Nationalheld.

In der aufgeregt flanierenden Menschenmenge treffen wir Anthony Bastic, ebenfalls Kreativdirektor und für die Lichtkoordination zuständig. Er sieht aus wie Brian Eno und natürlich war es auch Anthonys Idee, für das erste Vivid ebenjenen zu fragen, ob er es kuratiert. Und Eno hat auch mitgemacht, vor allem, glaubt Anthony, weil Australien damals das erste Land war, das sich von der guten alten Glühbirne verabschiedet hat. Eno fand das spitze. Ich stecke mir eine Zigarette an. In Australien raucht niemand. Weil sie alle so gesund sind hier, weil sie alle so viel joggen. Aber sie joggen nicht einfach nur am wunderschönen Bondi Beach entlang, nicht nur die Treppen des Botanischen Gartens immer auf und ab. Ich habe viele Menschen gesehen, die joggen auf stark frequentierten Bürgersteigen durchs Finanzviertel, in ein Headset hineintelefonierend, linkerhand eine 0,5 Liter Plastikflasche leicht aromatisiertes Wasser balancierend, rechterhand ein paar lose Zeitungen inspizierend, kaum schwitzend, behände hopsend, ihre australischen Riesenkörper immerzu stählend.

Natürlich laufen sie allesamt in kunterbunten Nike Free Sneakern. Sogar David Shrigley, der gerade für den Turner-Preis nominierte schottische Künstler, der auf der zwischen Design, Entrepreneurism, Tech- und Ecowissenschaften oszillierenden Konferenz seine Verweigerungsstrategien erklärt. Und wie es für ihn nichts besseres gäbe, als eine Auftragsarbeit für eine große Marke so hart an der Grenze auszuführen, dass er zwar am Ende bezahlt wird, das Werk aber nie ausgestellt wird und er es so für eine eigene Ausstellung nutzen kann. Selbst dieser Shrigley wurde offenbar am Flughafen dazu gezwungen, diese knallgrünen Nike-Frees zu tragen. Vielleicht sind die Australier aber auch so gesund, weil eine Schachtel Zigaretten 20 Euro kostet. Am Strand sind oft große Schilder angebracht, auf denen steht, dass hier draußen das Rauchen nicht erlaubt ist. Das unozone Licht allerdings, das der weiße, glühende Ball von oben herunter strahlt, ist ihnen egal. Mit der Zigarette fühlt man sich dann wie ein kauziger Bewohner eines sehr alten Kontinents, als würde man sich einbilden, die Welt tanze noch nach seiner eigenen Pfeife.

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Bis weit in die Neuzeit hinein war den Menschen unklar, was Licht überhaupt ist. Viele glaubten, dass die Helligkeit den Raum ohne Zeitverzögerung ausfüllt, und dass “Strahlen” von den Augen ausgehen und die Umwelt beim Sehvorgang abtasten – geschuldet der prominenten Idee, Dinge erst mit den eigenen Augen sehen zu müssen, um sie Wirklichkeit werden zu lassen. Bis ins 18. Jahrhundert wurde in europäischen Karten ein hypothetischer Kontinent eingezeichnet, man nannte ihn Terra Australis. Dieses riesige, sagenhafte Stück Land im Süden müsse es ja geben, allein um die Nordhalbkugel auszubalancieren. Es war am Ende doch viel kleiner. Dass Ignatius die Lichtkunst nun gerade auf diesem Kontinent verortet, macht auf magische und womöglich nur ihm bekannte Art Sinn. Sicher ist: Die Lichtkunst ist in den letzten Jahren zu einem immer virulenteren Zweig der Kunstproduktion geworden. Vor allem als Verbinder zwischen Kommerzialität und klassischer Kunstproduktion setzt sie ein Zeichen für die Durchlässigkeit ehemals klar voneinander abgegrenzter, heute im Wolkigen einander immer öfter zugeneigter Bereiche.

Hier in Sydney, wo knapp 60 interaktive Lichtinstallationen, beleuchtete Wolkenkratzer, auf denen grüne Lichtaffen klettern, und großflächige 3D-Projektionen den ganzen Bogen von Blade Runner zu banal schlagen, wird klar: Die Beleuchtungstechnik – zumeist sehr teuer, spektakulär und auf dem Wellenkamm fortschreitender Digitalisierung immer nur größer sich aufschäumend – versteht eben wirklich jeder. Sie wird in ihrer Appealingness im Grunde zum zeitgenössischsten aller Illusionstools, weil der sie begleitende Überwältigungsmodus sich fast schon zu gut als Metapher der heutigen Transzendenzgesellschaft eignet, in der kein Geheimnis mehr im Dunkeln verbleiben darf, in der der gläserne Mensch immer schöner strahlen will. Und hinter dessen schönem Schein sich schlichte Nullen und Einsen verbergen.

Und mit dieser Maschinenkunst landen wir nun endlich wieder bei Kraftwerk. Ich erkläre Simon bei meiner ganz persönlichen Kraftwerk-Afterparty in der kleinen Bar im Stadtteil Woolloomooloo die Sache dann doch noch mal an und für sich. Wie der alte strenge Ralf, der Alleinverwalter des großen Imperiums der Anfänge unserer Musik, sich drei namenlose ebenso alte Männer suchte, um die ersten Klänge noch einmal zu spielen. Um die Musik ins Museum (MOMA, Tate) und nun in die Oper zu führen und dort aufzuführen, in 3D-Animation, in enganliegenden LED-Kostümen, als synästhetisches Ereignis.

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Auch hier spielen sie den Katalog ab, acht Abende in Folge, THE CATALOGUE 1 2 3 4 5 6 7 8, fast vierzig Jahre musikalischer und technischer Innovationen, hinterm Stehpult, live in Ableton, natürlich in chronologischer Reihenfolge der einstigen Plattenveröffentlichung, natürlich komplett und in exakt der ursprünglichen Liedabfolge, A-Seite, B-Seite, und dann natürlich eben doch noch die ganzen großen Hits, der tolle Sprechgesang Hüters, die “By pressing down a special key / it plays a little melody”-Genialität. In der Kompaktheit werden die großen Kraftwerk-Themen nochmals deutlich, das Radfahren, Autobahnfahren, Eisenbahnfahren, später Roboter und Computer, zur ewigen Fortbewegung, vom Krauten zum Knöpfchen, immer zurück in die Zukunft.

Die modernistischen Opernsitze sind ein guter Ort für all das, die beglückten Ahhhs und Ohhhs der Menschen auch okay, aber das Gediegene, immer etwas Angestaubte dieser Oper-Museums-Situation ist das richtige für diese Kraftwerker, das allerrichtigste für Boing Boom Tschak, für Technopop heute. Und als ich glücklich lachend erzähle, wie viel Spaß Ralf damit hatte, wie er an sich halten musste, die eiskühle Roboterhaftigkeit zu wahren, obwohl doch immer wieder zufriedenes Lächeln über sein Gesicht huschte, und sein rechtes Bein sich selbstständig machte und stark, teilweise sogar sehr stark, im Takt dieser enormen Musik wippte, da fällt mein Blick auf einen Simon, der nun fast auf der Theke eingeschlafen ist. Neben ihm hat ein geräumiger Mensch Platz genommen, ein blauer Papagei sitzt auf seiner Schulter und lässt dort hin wieder ein kleines Kacka fallen, während der Mann in sein Telefon brüllt. Simon hat es eben nicht erlebt. Wie soll mans erklären? Es ist ja eben auch alles ein bisschen viel.

Später gibt es noch die Weltpremiere der australischen Band mit dem australischsten aller Namen: Empire of the Sun, deren Vodafone-Hit hier aus allen möglichen in der Stadt aufgebauten Boxen dudelt. Morgen spielt Bobby Womack, übermorgen Scott Walker. Aber es gab diesen einen Moment, oben auf dem Dach des Museums, als die Segel der Oper zum ersten Mal zu leuchten begannen, da bewegte plötzlich einer der vielen Fotografen seine Kamera vom bunten Schauplatz weg, hin zum daneben liegenden Mond, der viel zu groß, viel zu rund, sich viel zu schnell hinter den fahrigen Wolken bewegte. Dazu der Donner, mit dem der Pazifik gegen die Klippen knallt. Simon hätte das gefallen, da bin ich ganz sicher.

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Elektronische Lebensaspekte.