Vladislav Delays Musik ist so gelassen, dass es keinen wundert, warum er sich bei Livegigs hinsetzt. Eher fragt man sich, warum nicht er die Musik zu der Helsinki-Episode von Jarmuschs "Night On Earth" geschrieben hat oder nicht gleich selber im Taxi sass. Meterdick geschichteter Filigrandub, der eigentlich nur aus Berlin oder Finnland kommen kann.
Text: sascha kösch [bleed@de-bug.de] aus De:Bug 34

/elektronika Minimale Musik macht Freunde Vladislav Delay Vladislav Delay mag es nicht, zitiert zu werden. Good Old Techno. Man sollte es erfinden, wenn es das nicht schon gäbe. Während Spamming mittlerweile zum guten Ton zu gehören scheint, die Leute wie in einer umgedrehten Paranoia mit VCF Attachments und Adressbüchern um sich werfen, als müsste man alles tun, damit aus dem Versuch einer Kommunikation irgendwie ein glücklich erfüllter Sprechakt werde, ist die Posse der minimalen Technoacts immer noch zurecht darum bemüht, ein wenig Nüchternheit in die Geheimnisse zu bringen, die eben nicht mit jedem Wort sagt: Click mich! Im Grunde könnte man sagen, Vladislav Delay hat es nicht schwer gehabt. Aus Nokia Town stammend, und damit Finne, enttäuschter Plattenkäufer bei Mind Records und typischer offener Eigenbrödler, ist er in der Beliebtheitsskala eh schon an einem Punkt gestartet, an dem nicht viel schiefgehen kann. Dass aber sogar Mark Ernestus von Rhythm & Sound und Basic Channel bei seinem Live Act mal den Weg in die Clubs findet, das ist definitiv schon mehr, als man erwarten dürfte. Und ein sicheres Zeichen auch für diejenigen, die nur ein halbes Ohr haben um zuzuhören, dass seine Musik etwas mehr bedeutet als nur ein weiteres Steinchen im grossen Dub meets Techno Mosaik. Vladislav begann eine andere, vorzeitig und aus gutem Grund beendete Karriere als Perkussionist. Geblieben ist ein Verhältnis zum Groove, mit dem sich jeder seiner Tracks auseinandersetzt. Manchmal krümelt er sich in einer Ecke herum, etwas unwirsch so gebrochen und vertieft zu werden, meistens aber steht er mitten im Track wieder auf und versucht, der transparent-dichten Architektur der Musik eine Idee von Ordnung zu vermitteln, die man erst entdecken muss. Seine ersten Releases als Vladislav Delay auf Huume, einem finnischen Label, brachten ihn sehr schnell als eine Art Geheimtip zu Brinkmann, Chain Reaction, Sigma, Mille Plateaux ins Gespräch. Warum? Minimale Musik macht Freunde. Vor allem, wenn es wie bei Delay immer auch darum geht, die Grenzen zwischen strikter Programmierung und dem Sound für die Dancefloors aufzulösen, was immer das Gegenteil von verwischen ist. Und vor allem, wenn es, anders als bei den meisten, die solche Musik machen, nicht um genau geplante digitale Abläufe geht, sondern Musik zu dem Versuch wird, ein komplettes Improvisationssetup dazu zu bringen, produktorientiertes Arbeiten zu ermöglichen. Was vorher nicht da war Ein Widerspruch, aber nur vielleicht. Denn zwischen der Methode der Improvisation und dem letztlichen Track, der daraus entsteht, sind endlose Layer der Studioarbeit, und Delay liebt sein Studio wie sich selbst. Verlässt es ungern, dann aber gut gelaunt für Livesets oder diverse andere Businessunternehmungen. Delays Musik versucht Momente einzufangen, die vorher nicht da waren. Ein Unternehmen, das in seiner unmöglichen Unmittelbarkeit schon einige an den Rand des Wahnsinns gebracht hat, das er aber, gepuffert durch eine gut installierte Maschinerie aus Technik und Abwesenheit, bewerkstelligt. Es ist mehr der Jazz Einfluss als ein Jamaika Besuch und die Vorliebe für Echo und Hall Effekte, die durch seine Tracks elektronischen Minimalismus in eine andere Richtung treiben. Eine Art von Cut and Paste Real Time Control, die sich auch in seinen Namen für die einzelnen Tracks wiederspiegelt. Finnisch für Mind-Breaker. Das Setup ist ein Mechanismus der Kontrolle, aber auch eins der Unvorhersehbarkeiten. In dem Zwischenraum bilden sich die Momente, die nach guter Sortierarbeit zu Musik werden, die erscheinen kann, für einen Namen stehen. Musik ist ein Spiegel für Vladislav Delay, aber nicht einer, der Oberflächen mehr oder weniger getreu wiedergibt, sondern eine Art von Wonderland Spiegel der Mathematik und Komplexitäten, der Fiktionen, die erst noch Realität werden müssen, organisiert entlang einer Zeitstruktur und Entscheidungsinstanz, die man dann vielleicht selber ist. Ein Spiegel, der aber erst dieses etwas, das man Leben nennen könnte, erzeugt, in dem man die jeweiligen Maschinen in Gang bringt. My Desktop ist my Home. Aber weder in einer Form, die man als Betaknecht irgendwelcher Soft- und Hardware in vorhersehbaren Kurzschlüssen zu hören bekäme, noch in der Form eines Technikfetischismus, sondern als Schnittstelle, die man wird, wenn man sich wirklich vornimmt, etwas zu tun, das Neues hervorbringen kann. Eine Rhythmik der Ideosynkrasien verschiedener Mitspieler, fest in der Hand einer sogenannten Person namens Delay, die dadurch soetwas wie das Gefühl bekommt, die Welt zu begreifen. Und die Welt according to Vladislav Delay ist erstaunlicherweise leichter und geschichtsloser als die meisten, die bislang aus Finnland kamen, organisch, wenn man damit unüberschaubare Konstruktionen beschreibt, offen in der Zirkulation der Samples und Sounds, die alle zu einer Perfektion gebracht werden können, aber vor allem in einer ständigen rhythmischen Bewegung verschiedenster Layer.

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Elektronische Lebensaspekte.