Text: Jan Joswig aus De:Bug 21

Crucial Cris in Funkytown Starring: Cristian Vogel und Super Collider Jan Joswig janj@de-bug.de Geschwister statt Helden, Chöre statt Solisten Nicht, daß man debattieren müßte, ob man als Periodikum Monat für Monat den Quantensprung in der Musik auszurufen gezwungen ist. Sensationen aus dem Luftraum der Turnschuhsohlen zaubern. Geschichte schreiben zu wollen ist Gewaltandrohung. Wir hängen uns synchron ins kybernetische Netz, wenn es einen Palsteg ergibt in der Verknotung mit anderen Beiträgen, schön, so können Sensationen sich selbst generieren. Das einzelne Thema tritt zurück. Nicht ein Held, eine Tat schafft den Paradigmenwechsel, den Quantensprung. Der Wechsel schleicht sich ein in der Addition unzähliger Teilschritte. Die Heldentat kennzeichnet den Punkt, an dem der Zusammenhang zwischen den Einzelschritten erstmals wahrnehmbar geworden ist, der Wechsel schon vollzogen wurde. Zu einem anderen Zeitpunkt wäre sie auch nur ein weiterer Teilschritt gewesen; oder unter einem anderen Blickwinkel. Wer hat sich nicht schon mit seinen älteren Genossen beim SDJ-Treffen überworfen: Hat das Royal Albert Hall Concert ’66 von Bob Dylan nun historischen Wert oder der Plan-Remix von Mike Ink ’81? Oder beides, oder was soll das Streiten über historische Fixpunkte überhaupt? Und Cristian ging zum Frisör Wenn der bestens eingeführte Technomarkenartikel Cristian Vogel sein sechstes und in Partnerschaft mit Jamie Lidell siebentes Album veröffentlicht, dann frohlockt man schon in seinem Keine-Wolkenkratzer-in-der-Bungalowsiedlung-Diskurs. Da wird der chinesische Blaukittel jede Haute Couture-Perlenstickerei vom Laufsteg schupsen, bleibt aber Blaukittel. Ich meine nicht graue Egalisierung, nicht alle sind gleich. Alle sind anders, aber alle sind gleich wichtig. Und man kann weiter an der homogenisierten Heterogenität herumpuzzeln. Doch Cristian war beim Frisör. Und seine neue Kurzhaarfrisur ist ein weitaus gewichtigerer Signifikant als die Änderung des Langnese-Logos. Nicht nur, daß das Langnese-Logo in die Heidepark Soltau-Ästhetik verbogen wurde, Cristian Vogel sich aber zurechtgestutzt hat zu George Michael in der Version armer Poet. Da hat sich einer an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen, und die Haare blieben gleich mal auf der Strecke. COVERENDE Nicht im angestammten Gleis springt Cristian Vogel voran, er springt aus dem Gleis auf eine Böschung, von der aus er auf mehrere andere Gleise einchecken kann. Eine Böschung, von der man ersteinmal nicht weiß, ob da überhaupt schon wer anders sitzt. Im Schock des Unerwarteten möchte man dann doch zurück zum solitären Hohelied und Köpfe in Geschichtsbüchern abdrucken. Den Kopf von Cristian Lidell. Super Collider: PowerMac statt Amiga ”Darn (cold way o’ lovin’)”, letzten Herbst vorab ausgekoppelt aus der kommenden “Super Collider”-LP mit Jamie Lidell, ist der Track, der plötzlich eine Böschung besetzte, die man vorher gar nicht wahrgenommen hatte. Ein knorriger Hardfunker mit Jamie Lidells verkatertem Gesang, der sich unaufgefordert auf House- wie auf BigBeat-Parties einlädt, aber kaum auf Technoevents, welcher Art auch immer. Das glückliche Ende einer Phase, in der der Ofen auszugehen drohte. Die Textzeilen “I had enough” und “It’s time to look around” aus “Darn…” können genausogut aus Cristian Vogels Tagebuch abgeschrieben worden sein. Cristian: “Ich erinnere mich, als wir im November ’97 “Super Collider” starteten. Das war eine sehr konfuse Zeit für mich, musikalisch. Ich hatte so ziemlich jede Ausrichtung in Techno satt. Wohin nur? Unglücklich war gar kein Ausdruck.” Jamie “I came down to Brighton to find Cristian” Lidell gab als Studiokumpel den letzten Anstoß für Experimente, deren Versuchsanordnung Cristian Vogel schon aufgebaut hatte. Cr.: “Ich nahm schon Mixtapes auf, bevor Jamie kam. Ich mixte Miles Davis mit Underground Resistance, steckte aber fest. Jamie war schon da, wo ich musikalisch hin wollte. Wir modelten das Studio um, gingen Digital, kombinierten Digital mit Analog. Ich mußte bestimmte Produktionstypen ganz neu erlernen. Und ich mußte mir das erste Mal über Musik von vor 20, 30 Jahren intensiv Gedanken machen.” “Super Collider”, ein Minitonfolgen erzeugendes “Granulare Synthese”-Programm für den PowerMac (siehe De:Bug/ Re:Buzz 02, Seite 32), benennt den Punkt, ab dem sich der ehemalige Amiga-Fan Cristian Vogel mit neuem Produktionsequipment, neuem Partner und neuem musikalischen Hintergrund vom Technohead zum P-Funkateer wandeln wird. Locker, fest, fest, locker Crucial Cris, begrüße deinen Onkel Bootsy Collins. Daß das Ergebnis gleich das Zeug haben würde, ein eigenes Genre zu begründen (wir werden ja sehen), verblüffte als erstes die beiden Produzenten selbst. Aber wenn man nicht die Ästhetik des Funk schnöde rekapituliert, sondern dessen Struktur in die spezifischen Soundmöglichkeiten der aktuellsten Maschinerien, selbst zusammengestöpselt, versenkt, dann kann einem die Sache schon mal im besten Sinne über den Kopf wachsen. “Darn…” kommt wie alle Stücke der “Super Collider”-LP ohne Retrosamples, ohne Retrosounds aus. Zu den Bassgeräuschen läßt sich keinesfalls eine Bassgitarre, nicht einmal ein Bassprogramm vorstellen. Zu den anderen Geräuschen fällt einem gar nicht erst eine Instrumentenbezeichnung ein. Mit dem Vorwärtsformulieren einer abstrakten Formel ist “Super Collider” näher am Geist des P-Funk als die Acid-Jazzer je am Geist des Jazz waren. Cr.: “Ich begreife Funk als Konzept. Es ist nicht, was du spielst, sondern wie du es spielst. Die Zügel locker lassen, dann aber auch wieder, zack, fest anziehen. Unsere Musik ist ultramodern, aber es hat dieses locker, fest, fest, locker.” Eher schon kann man mal wieder an James White/ Chance und dessen Umsetzung seiner James Brown-Begeisterung denken. (Auch ein Vorzug der “Super Collider”-LP.) Sich in andere Welten einklinken, ohne seinen Hintergrund zu negieren. Im NoNewYork-Rahmen die Zickigkeit des CBGCs Punk, im noch zu definierenden Rahmen der “Super Collider”-LP die Soundentwürfe des Tresor-Techno. Und auf sehr zufriedene Weise leicht übellaunig klingen als Grenzziehung. Keine biederen Ergebenheitsadressen als falsch verstandene Fanhaltung. Ob man den Geist des Funk erfassen kann, wenn man dessen elementare Kollektivsituation umgeht, ist dann eine Frage, über die die Puristen ihren Wein schal werden lassen können, die immer noch unsicher sind, ob man Jazz denn noch Jazz nennen dürfe, wenn er auf elektrisch verstärkten Instrumenten gespielt wird. Zwei Mann und ihre Maschinen statt zwanzig Musikern, na und? Seit wann haben Maschinen kein Mitspracherecht? Sieg, England hört hin Wenn “Super Collider” James White entspricht, muß sich BigBeat den Ian Dury anheften. Daß “Darn…” gerade auch in diesen Kreisen gefeiert wird, ist eine etwas schäbige Ironie, die Cristian Vogel aber in seiner Euphorie mitnichten bremsen kann. Er weiß selbst, daß sich “Darn..” mit seiner hartbollernden Energie BigBeat anbietet, daß es sonst aber nichts mit dessen bierbäuchiger Pubseligkeit gemein hat. Cr.: “Sagen wir mal, BigBeat steht hier, dann stand ich immer genau gegenüber, hier. Ich wollte den Leuten nur eine Höralternative bieten.” Und überhaupt, “die englischen DJs haben sich immer bemüht, meine Sachen zu mögen. Jetzt endlich kommen sie auf mich zu: He Mann, wir brauchen uns nicht mehr zu bemühen, das mögen wir auf Anhieb. Ich kann in einen Pub gehen, und es läuft mein Track, verdammt erhebendes Gefühl.” “Techno ist so asozial. Eine Party ist im vollen Gange, du legst Techno auf, alle rufen sich ein Taxi.” “Wenn man stark spezialisierte Musik macht, kann man plötzlich sehr isoliert von jedem und allem dastehen. Ich denke, ich möchte nicht isoliert sein.” Mit “Darn…” ein wahres Ausbund an Hochspezialisierung hinzulegen und dennoch populär zu sein, ist das Glück jedes sich doch auch ganz ordinär selbstverwirklichenden Produzenten. Und endlich raus aus dem Technozirkel. Cr.: “Die Technoszene ist so straight edge geworden, eher ober- als unterschwellig aggressiv. Dabei ist es doch keine Frage, daß man abheben sollte zu crazy Musik um fünf oder sechs Uhr morgens, Party bis zum Auf-allen-Vieren. Da sind wir wieder mit “Super Collider”.” Busca Invisibles: neue Freiheit im alten Käfig Mit einem Paukenschlag hat Cristian Vogel zusammen mit Jamie Lidell die Umgitterung der Technowelt und ihrer Gesetzmäßigkeiten überwunden. Von der neuen Außenperspektive kann er zurückblicken und feststellen, so sehr Straflager ist die Technowelt ja doch nicht. Die Technodoktrinen haben ihre Autorität eingebüßt, Verkrampfungen aus Pflichtgefühl hat “Super Collider” und dessen Erfolg wegmassiert. Cr.: “Mit dem “Super Collider”-Album fühlte ich mich hochgradig befreit von den Technostrukturen.” Vor allem von den rhythmischen Parametern. Cr.: “Endlich war ich unabhängig genug, für “Busca Invisibles” neue Grooves zu entwickeln und sie auf den Punkt zu präzisieren, zum ersten Mal.” Der Segen der neuen Studiogerätschaften. Cristian Vogel lautmalt die überlagernden Beats, gerade plus ungerade und noch ungerader. Cr.: “Und alles wirklich präzise, wirklich exakt, nicht so nuschelig wie jetzt in der Human Beat Box-Darbietung.” So kann er mit neuem Gewinn, mit neuer Begeisterung testen, wie sich mit den optimierten Arbeitsbedingungen das Oeuvre “Cristian Vogel” weiterschreiben läßt. Und Jamie Lidell schaut auch immer mal vorbei. Verpflichtungen gegenüber Tresor werden wieder zu Einladungen. Neue Worte aus dem Technoscrabble basteln, das ihm natürlich trotz allem zwischenzeitlichen Unmut geläufig blieb. Cr.: “Ich weiß noch bescheid über Techno. Ich kann weiterhin gut von schlecht unterscheiden.” Und das ihn jenseits des Songcharakters der “Super Collider”-Stücke als andere Arbeitsanforderung immer noch/ wieder interessiert. Cr.: “Der Technokram bleibt cool. Diese abstrakte Beatmusik.” Aber wo seine Grooves letztlich Platz finden, davon läßt er sich bei “Busca Invisibles” gerne selbst überraschen. In ihrem fingerschnippenden Rundlauf könnten der Eröffnungstrack der Vinylfassung und die beiden C-Seiten-Stücke glatt als experimentelle House-EP zusammengefaßt werden. In Ordnung, aber Cr.: “über Housefloors mache ich mir nun wirklich keine Gedanken.” Wenn man eine Techno-LP als Cristian Vogel aufnimmt, besser gar nicht über irgendwelche Floors, irgendeine Außenwirkung nachdenken. Techno als Arbeitsprämisse in ihrem weitgefaßten Format, so wenig Format wie möglich, kann innerhalb des Studios ja wieder ein produktiver Rahmen sein. Außerhalb des Studios gilt, Cr.: “Ich war so komplett gelangweilt von den Clubs, in denen ich als Techno-DJ spielte. Ich mußte da raus. In England werde ich sowieso nicht gebucht. Feedback kommt aus Deutschland, aber Deutsch verstehe ich nicht.” Also sich auf sich selbst und seine Maschinen besinnen. Neben den Rhythmen, die zwischen House und Industrial ihre Position selbst bestimmen dürfen, baut Cristian Vogel sein Soundlaboratorium aus. (Groove trifft es besser als Rhythmen, um die laissez faire-Haltung gegenüber dem vier Viertel-Dogma zu unterstreichen.) Zu trennen sind Klang und Groove eh nicht. Die Grooves materialisieren sich in den Klangfindungen, das kleinteilige Konkrete Töne-Gehagel ordnet sich in den Grooves. Die Töne auf der einen Seite so neusynthetisch abstrahiert, daß sie keine Bilder mehr evozieren, auf der anderen Seite traditionell klingende Keyboards nachstellend, die einen House rufen lassen, oder frühe UR, wer sich bei House auf den Sabotage-Poly-Sweater getreten fühlt. Vor und zurück wie locker und fest. Cr.: “Ich arbeite mit Jamie auf solch hohem Level technischer Professionalität. Wir kommunizieren im Studio oft nur über Nummerncodes. Wir zwei als Erben von Pierre Henry. Wenn du deprimiert am Boden liegst und dann dieses Quietsch, Bumm, Quak Quak Quak von Henry hörst, wow, nichts ist besser. Wir werden versuchen, es funky zu machen, denke ich.” Ein großer Schritt für Cristian Vogel, ein großer Schritt für die Menschheit Funky Konkrete Musik, ein Schlachtruf, den man in Anwendung sowohl auf “Super Collider” als auch auf “Busca Invisibles” mit abklatschendem Hallo ausrufen wird. We call it Jack, we call it Acid, we call it Funky Konkrete Musik. Zwei Magnete, an die sich noch so einiges anlagern wird. Cristian Vogel ist bereit: “Wir müssen einen weiteren Hit landen. Wir werden einen weiteren Hit landen!” Also doch erstmal ein Piesdestal aus Worten errichten, was soll man machen. Helden für diesen Tag. Wie die ganzen anderen Helden des Tages. Selten so gerechtfertigt wie hier. ”Cristian Vogel: Busca Invisibles” erscheint auf Tresor, “Super Collider” auf Loaded, im laufenden Jahr eine LP von Jamie Lidell auf Spymania Informationen: http://www.nofuture.com ZITAT: Da hat sich einer an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen, und die Haare blieben gleich mal auf der Strecke. Über Housefloors mache ich mir nun wirklich keine Gedanken Mit dem Vorwärtsformulieren einer abstrakten Formel ist “Super Collider” näher am Geist des P-Funk als die Acid-Jazzer je am Geist des Jazz waren.

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Elektronische Lebensaspekte.