Die Anthologie "Vom Ende der Anonymität", herausgegeben von Christiane Schulzki-Haddouti, sammelt detektivische Beschreibungen zu den globalen Überwachungsmöglichkeiten, die bei allem Horroszenario ihre Faszination für die Technik nicht leugnen wollen. Transparent und hitech, spätestens seit dem iMac stehen wir doch da drauf.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 43

Vom Ende der Anonymität
Asta la vista Bits und Bytes

Daten kommen heute viel rum und dabei immer öfter auch in die falschen Hände. Binsenweisheit. Unser Verhältnis zu den Großen Brüdern ist allerdings alles andere als eindeutig, sondern höchst schizophren. Zwar wird das Bewusstsein über und das Wissen um offene Überwachung und klammheimliches Mitlesen und -hören immer größer, aber entschlossener Widerstand dagegen findet mehr oder weniger in kleinen, geschlossenen Gruppen ohne echte Breitenwirkung statt. Massenproteste wie gegen die Volkszählung in den frühen achtziger Jahren sind schon überhaupt nicht in Sicht, obwohl die Gefahren der damals geplanten Datenerfassung heute als Lappalie gelten würden. Jeder Supermarkt speichert mehr Daten über Kunden, die regelmäßig mit ihrer Kreditkarte zahlen. Dass Proteste gegen viel weitreichendere Einschnitte in die Privatsphäre heute ausbleiben, wobei gleichzeitig immer mehr Menschen durch den alltäglichen Umgang mit Informationstechnologien über deren Missbrauchs-Potenzial immer besser informiert sind, ist offensichtlich ein vorläufiger Sieg des alten Polizeischerzes: “Wer nichts zu verbergen hat, muss Kontrolle nicht fürchten”. Die Gleichgültigkeit, die der Überwachung durch Staaten und Unternehmen entgegengebracht wird, nährt sich dabei aus zwei unterschiedlichen Quellen: Zum einen findet durch die Allgegenwärtigkeit von Informationstechnologien eine Gewöhnung statt, die zur Erosion der Bedenken führt. Schließlich nimmt das private Datensammeln über das soziale und berufliche Umfeld auch in einem rasanten Tempo zu, wer wollte es da seinem Land oder dem Arbeitgeber verübeln, das Gleiche zu tun. Daneben werden Aufzeichnungen und Datensammlungen zur eigenen Person aber auch mit einem wohligen Erschauern geradezu begrüßt. Dass jemand zusieht, -hört und -liest, kitzelt am Wunsch nach den eigenen 15 Minuten Superstartum. Beide Entwicklungen führen zur Gewöhnung an immer neue Qualitäten der Überwachung, wobei das Prinzip des Froschs im heißen Wasser gilt: Setzt man das Tier abrupt ins heiße Bad, springt es sofort heraus. Setz man den Frosch dagegen ins kalte Wasser und erhöht langsam die Temperatur, nimmt es das Tier solange hin, bis es elendig verreckt.
Weiter auf Seite … ??

COVERENDE

Da die Gewöhnung an immer neue Qualitäten der Überwachung der Privatsphäre schleichend vorangeht, haben es Datenschützer schwer, Empörungen hervorzurufen und damit einen breiten Widerstand zu mobilisieren. Selbst Demonstrationen von “Hacks” der Festplatten von privaten Standleitungsnutzern zur besten Sendezeit in populären TV-Shows lösen bei den Betroffenen, die dazu live am Telefon interviewt werden [“Ist das ihr letzter Brief an ihre Krankenkasse?”], keinen Schock aus. Und zwar nicht, weil die Vorführung so unglaublich wäre, sondern weil mit diesem Fall geradezu gerechnet wird und gleichzeitig der potenzielle Schaden vordergründig klein aussieht: Sollen sie doch die Festplatte lesen, sind ja keine Kinderpornos drauf, und die Kokseskapden sind hier nicht abgelegt. Den Datenschützern fehlen damit die Robbenbabys, das Hiroshima und das Tschernobyl der Umweltschützer, die für den nötigen emotionalen Impuls sorgen, um das Thema als Problem zu etablieren. Es ist vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der Datensammlungen schleichend den Alltag durchdringen, ohne dass individuelle Freiheiten zu offensichtlich oder plötzlich eingeschränkt werden, die eine Wahrnehmung des ganzen Umfangs der Entwicklung verhindert.

Die Globalisierung der Überwachung
Einen kompakten Überblick zur Lage der weltweiten Überwachung und den konkreten Formen und Auswirkungen gibt das soeben erschienene Buch “Vom Ende der Anonymität” im Telepolis-Verlag, das von Christiane Schulzki-Haddouti herausgegeben wurde. In größtenteils flockig lesbaren Häppchen werden darin sowohl die verschiedenen aktuellen staatlichen und privat-wirtschaftlichen Überwachungs-Systeme beschrieben und gleichzeitig ein lockerer Abriss zur Geschichte und Zukunft des Datensammelns als Kontroll-Mechanismus gegeben. Mit eigenen Artikeln sind unter anderem die “Entdecker” des weltweit wohl umfassendsten Abhörsystems “Echolon”, das unter der Federführung des US-Geheimdienstes NASA betrieben wird, vertreten. Der Neuseeländer Nicky Hager, der zuerst öffentlich auf das System aufmerksam gemacht hat, beschreibt die teils verblüffend einfache Art und Weise, wie er an Informationen zu dem supergeheimen Projekt gelangte. Seine Entdeckungen konnten zunächst aber durch konsequentes Schweigen der beteiligten Regierungen und Geheimdienste kaum eine Wirkung entfalten. Ein Streit ohne Gegner ist medial eben völlig uninteressant. Duncan Campbell, dessen weitere Nachforschungen zum aktuellen EU-Untersuchungsausschuss zu Echelon führten, beschreibt in seinem Beitrag, was Echelon alles kann und räumt mit ähnlich vielen Legenden über dessen Möglichkeiten auf, die immer wieder in der Presse kolportiert werden. Tony Geraghty konzentriert sich auf die besondere Situation in Großbritannien, wo vor allem die Überwachung des öffentlichen Raums durch Kameras besonders weit fortgeschritten und auch akzeptiert ist. Dabei ist insbesondere der Zusammenhang mit dem Nordirland-Krieg interessant, da dieser auf dem Kontinent bislang kaum wahrgenommen wird, aber eine Haupttriebfeder für die Entwicklung auf der Insel war. In Deutschland und anderen europäischen Ländern schreitet allerdings die Überwachung öffentlicher und halböffentlicher Räume wie Einkaufspassagen auch ohne bombende IRA-Kämpfer derzeit schnell voran, wobei auf die Erfahrungen in GB zurückgegriffen wird. Und spätestens wenn die nächste Generation der Auswertungssoftware für bewegte Bilder ausgereift ist, kommt Orwellsches Gruseln auf: Autodiebe sollen dann an ihrem Gang erkannt werden und jugendliche Eckensteher an ihrer Körperhaltung. Leider fällt aber auch in diesem kompetenten Rahmen auf, dass mögliche Widerstandsformen und Gegenmaßnahmen im Verhältnis zu den beschriebenen Überwachungsstrukturen auf allen Ebenen kaum Erwähnung finden, auch unter den Spezialisten herrscht die verblüffte bis faszinierte Beschreibung der Methoden des Datensammelns und -auswertens vor: Irgendwie ist es ja auch toll, was die Gadgets alles können, und dass wir in einem Science Fiction leben, ist auch aufregend. So wirken die Forderungen nach geschützten Datensphären und der Pflege von Lücken in den Überwachungssystemen nach dem Vorbild von Naturschutzzonen seltsam unbestimmt und zögerlich: Die Dynamik der Überwachungsmaschinen lässt bislang alle Einwände als blass und altmodisch erscheinen. Und genau das will eben niemand sein.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.