Jumping the bandwagon: In der definitven Vertriebs-Umfrage legen die, die die Platten in die Läden bringen, ihre Download-Pläne offen. Überlassen sie es der Großindustrie oder schnappen sie sich den digitalen Vertrieb als logischen nächsten Schritt? Sind MP3 und DRM für Vertriebe ein Kuckucksei oder eine willkommene Bereicherung auf dem Menu?
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 85

GROOVE ATTACK

DEBUG:
Plant ihr zur Zeit einen Online-Shop?
GA:
Selber derzeit noch nicht, aber wir haben mit vielen Anbietern wie Musicload, iTunes, Sony International, FineTunes usw. Verträge abgeschlossen und haben bisher ca. 20 Labels, die den digitalen Vertrieb über uns machen. Weitere werden folgen.

DEBUG:
Warum seid ihr noch nicht selbst am Start?
GA:
Das lohnt sich noch nicht. Die Kosten sind noch zu hoch und wir wollen uns auf unser Kerngeschäft konzentrieren.

DEBUG:
Erwarten das eure Label nicht von euch?
GA:
Ein paar! Viele haben aber immer noch Panik, die Rechte hierfür abzugeben, selbst bei non-exklusiver Vergabe. Es werden aber mehr …

DEBUG:
Wie reagiert ihr auf andere Vertriebe?
GA:
Für uns ist der digitale Vertrieb eine weitere Schiene, die bei uns auch angeboten wird, aber wir kümmern uns nicht selber um die tatsächlichen Downloads. Unser Service ist, die Titel zu digitalisieren und den Partnern sämtliche Metadaten usw. zu schicken. Wir wickeln also alles für ein Label ab, natürlich auch Abrechnungen etc.

CLONE (Holland)

DEBUG:
Wann soll es losgehen mit eurem Downloadshop?
CLONE:
2005. Wir wissen aber noch nicht wie.

DEBUG:
Wie reagieren die Label?
CLONE:
Positiv. Wir werden auch nur exklusiv Label vertreiben.

DEBUG:
Gibt es Kooperationen?
CLONE:
Ja, Kooperationen mit iTunes, Bleep.com, Rhapsody und ein paar mehr sind geplant, alle für Sommer/Herbst 2004.

DEBUG:
Was wird eure Spezialität?
CLONE:
Wir werden unsere eigene Musik verkaufen und unveröffentlichtes Material. Da die Verkäufe überall zurückgehen, ist ein extra Einkommen für die Künstler sehr wichtig. Wenn die Käufer keine gute Alternative zu illegalen Downloads finden, kann man sie dafür ja auch nicht verantwortlich machen. Wir wollen diese Alternative sein.

ALIVE AG:
Wir konzentrieren uns nach wie vor auf den klassische Tonträger- & DVD-Vertrieb und achten in dem Zusammenhang auch stärker auf Vinyl als früher. Selbstverständlich haben wir von vielen Label auch Rechte für die Distribution der musikalischen Inhalte per Download, können diese aber nicht direkt vertreiben, da wir als Vertrieb eben nicht an den Endkunden ausliefern dürfen. Und dafür eine eigene Company oder einen Shop zu gründen, das macht wenig Sinn.
Also befinden wir uns in Gesprächen mit Anbietern und Dienstleistern wie Finetunes oder OD2. Die zu erwartenden Umsätze sind bei Endverbraucherpreisen von ca. 1,00 EUR vorerst eher symbolischer Natur – und leider verfügen wir über keine Hardware, die wir promoten müssten bzw. könnten ;). Allerdings können und wollen wir unseren Labels den Service bieten, eben an größere Shops heranzutreten und Repertoire gesammelt anzubieten. Einige Labels befinden sich auch über Vereine wie VUT (Verein unabhängiger Tonträgerunternehmen) oder ähnlichen in Verhandlungen mit Online-Shops, aber die Prozesse sind teilweise so lächerlich langwierig und umständlich, dass einem da schnell die Lust vergeht.

SOULSEDUCTION (Österreich)

DEBUG:
Wann wird es bei euch losgehen?
SOULSEDUCTION:
Noch dieses Jahr

DEBUG:
Wie realisiert ihr die technische Umsetzung?
SOULSEDUCTION:
In Kooperation mit einem Non-profit Digital-Content-Provider für Independent Label.

DEBUG:
Welcher Bereich wird von euch vertrieben werden?
SOULSEDUCTION:
Da das Formatieren der Tracks, die saubere Zuordnung mit entsprechend feinen Parametern in der Datenbank und der Aufbau der Datenbank auf Trackbasis an sich eine Menge Arbeit ist, haben wir uns entschlossen, in mehreren Etappen aktiv zu werden: Zunächst kommen unsere exklusiven Labels in die Datenbank. Danach all jene Labels, die wir national in Österreich vertreiben oder mit denen ein anderes nahes Verhältnis besteht. Und zuletzt dann werden wir eine subjektive Auswahl anderer Labels anbieten, jedenfalls arbeiten wir immer mit Fokus auf Musik, die wir als hörenswert erachten. Wir sind mit dem Herz und Seele bei der Sache, da ist Subjektivität unvermeidlich. Am Repertoire der Majors haben wir sehr geringes Interesse. Aus weltanschaulichen Gründen, aber auch, weil es dort immer weniger interessante Musik gibt.

DEBUG:
Plant ihr irgendwelche Kooperationen mit anderen Online-Shops?
SOULSEDUCTION:
Selbstverständlich, es wird neben dem B2C-Bereich auch digitale Distribution betrieben und für unseren eigenen Online-Shop gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten für Partnerprogramme.

DEBUG:
Was sind die von euch anvisierten Preise und Dateiformate?
SOULSEDUCTION:
Unsere Formate: WMA mit DRM sowie ungeschützte MP3-Files im B2C-Bereich, je nach Wunsch der Rechteinhaber. Ich persönlich halte nicht sehr viel von DRM, aber das Bedürfnis von Label und Artists nach Sicherheit ist absolut zu respektieren, selbst wenn diese Sicherheit keine ist. Wir arbeiten auch mit WAV-Dateien im B2B-Bereich.
Unsere Preise: Es wird bei uns keine Einheitspreise geben. Jedes Label, jeder Rechteinhaber kann uns seinen Wunschpreis nennen. Falls dieser nicht realistisch erscheint, suchen wir den Kompromiss. Musik entsteht unter den verschiedensten Produktionsbedingungen, kann aufwändiger oder auch sehr simpel produziert sein, vom 10-Minuten-Epos bis zur kurzen experimentellen Skizze kommt alles vor. Dem muss auch bei der Preisgestaltung Rechnung getragen werden. Wer die Kunstform “Album mit Konzept” zu schätzen weiß, soll für den Download eines ganzen Albums selbstverständlich weniger zahlen, als für die Summe der einzelnen Tracks.
Unsere Shares: Es kommen nach Abzug von Steuern, Payment Disagios und Technical Fees ca. 60% des Konsumentenpreises zur Aufteilung zwischen Shop, Label und Artist. Diese Aufteilung wird individuell gestaltet und hängt auch davon ab, wie viel des notwendigen Aufwands von wem erledigt wird. Und wie viel Marketingleistung wir als Vertrieb erbringen usw.

DEBUG:
Wie unterscheidet ihr euch von den anderen?
SOULSEDUCTION:
Gute Frage. Natürlich durch die Qualität unseres Repertoires 🙂 sowie dadurch, alles unter einem Hut und in einem Shop zu haben – sowohl das Endprodukt als auch Downloads sind nur einen Click voneinander entfernt.

DEBUG:
Steckt hinter dem Downloadshop irgendeine Spezielle Zielrichtung/Philosophie?
SOULSEDUCTION:
Ja, unser alter Leitspruch: “music for the active listener”

DEBUG:
Was erwartet ihr für Verkaufszahlen?
SOULSEDUCTION:
Wir erwarten uns zunächst einmal gar nichts, dann können wir uns nämlich über jede Entwicklung freuen. Tendenziell bin ich persönlich der Meinung, dass sich bezahlte Downloads nicht ganz so rasch durchsetzen werden, wie das viele vorhersagen. Auch in Amerika, wo iTunes mit Jubelzahlen gefeiert wird, muss man schlicht und einfach zur Kenntnis nehmen, dass der Marktanteil von Downloads immer noch im niedrigsten einstelligen Prozentbereich vom Gesamtmarkt liegt. Irgendwann wird dann aber der Kick kommen und die Entwicklung wird sprunghaft nach oben gehen. Wann das in Europa soweit ist, wage ich nicht vorauszusagen.

DEBUG:
Ab welchen Verkaufszahlen lohnt sich für euch der Mehraufwand?
SOULSEDUCTION: Da wir mit http://www.soulseduction.com bereits einen bestens eingeführten Online-Shop betreiben, hält sich der Mehraufwand in Grenzen. Zumal wir in einer ersten Etappe nicht den Anspruch haben, alles Relevante zum Download anzubieten, sondern zunächst nur mal unsere Exklusiv-Label. Exakte Zahlen hier zu nennen, das erscheint mir nun aber doch als zu intim 😉

INTERGROOVE

DEBUG:
Warum plant ihr keinen Downloadshop?
IG:
Im Prinzip planen wir schon unseren und eventuell auch vertriebsfremden Labeln mittelfristig eine Downloadplattform bereit zu stellen. Hierzu hat unsere englische Schwesterfirma Intergroove Ltd. UK begonnen, an einem Konzept zu arbeiten, das sich von anderen existierenden Anbietern abheben wird. Da die GEMA jedoch in ihrem “Music-On-Demand” Vertrag (§7, Punkt 14, Absatz 3) für das reine “Prelistening” von 45 Sekunden Streams eine Vergütung in Höhe von 2,50 Euro pro Titel im Jahr erhebt, haben wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt beschlossen, die Entwicklung aus sicherem Abstand zu beobachten. Zumindest bis sich entweder die IFPI oder der VUT mit der GEMA auf praktikable Rahmenbedingungen geeinigt haben.
Wir wären zwar sofort bereit gewesen, Entwicklungs- und Lohnkosten in neue digitale Vertriebswege zu investieren, aber wenn man bedenkt, dass wir der GEMA für die Bereitstellung von 10.000 Titeln auf unserem Download-Portal 25.000,- Euro pro Jahr bezahlen müssten, ohne auch nur einen einzigen Cent Umsatz gemacht zu haben, wird schnell klar, warum wir die Entwicklung abwarten müssen.

DEBUG:
Gibt es keine Label, die dennoch darauf hoffen?
IG:
Die gibt es sicherlich schon. Zumal wir im Gegensatz zu neuen Anbietern mit unseren Vertriebslabel über viele Jahre hohes Vertrauen bezüglich Abrechnung und Zahlung aufgebaut haben. Nur, wie bereits erwähnt, die Hürden der GEMA sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt einfach zu hoch.

DEBUG:
Wie reagiert ihr auf das Umfeld anderer Vertriebe, die vielleicht ähnliches planen?
IG:
Solange wir den Labeln keine eigene Lösung anbieten können, wünschen wir uns lediglich, dass unsere Vertriebslabel ihre Downloadrechte ausschließlich non-exklusiv vergeben, egal ob Mitbewerber- oder Startup-Portal.

WORD AND SOUND

DEBUG:
Wann wird es bei euch losgehen?
WS:
Realistisch nicht vor Anfang 2005

DEBUG:
Wie geschieht die technische Umsetzung?
WS:
Wer unsere Website wordandsound.net kennt, weiß, dass wir seit jeher auf ausgezeichnete Funktionalität unser Hauptaugenmerk legen und Investitionen in Technik vor allem der Aktualität und Usability zugute kommen lassen. Wir haben bereits seit 2002 eine selbst produzierte, völlig automatisierte Seite die im 5-Minuten-Takt updated. Unsere Datenbank dürfte im Bereich elektronischer Musik zudem eine der größten sein. Die Ansprüche an uns selbst werden jetzt nicht eben kleiner, deshalb dauert es auch noch. Fest steht: Es wird eine technisch anspruchsvolle, einfach zu bedienende Lösung mit viel Inhalt.

DEBUG:
Wie reagieren die Label?
WS:
Als Musikvertrieb muss man auf Dauer in der Lage sein, seinen Exklusivlabeln eine elektronische Distributionsalternative zu bieten. Alles andere wäre unfair. Ob man als Label dann auf Dauer vom Download profitiert und ob der ganze Markt dadurch demokratisiert oder noch undurchschaubarer wird, wird sich zeigen müssen. Eins ist klar: Die Masse an Releases wird bestimmt nicht geringer werden.

DEBUG:
Was vertreibt ihr dann?
WS:
Exklusivprodukte in jedem Fall und wer auf uns zukommt. Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja in ein, zwei Jahren gar einen weltweiten Musikrechtegroßhandel im Pfennigbetragsbereich.

DEBUG:
Plant ihr irgendwelche Kooperationen mit anderen Anbietern?
WS:
Muss man halt mal sehen, wer 2005 noch da ist ;). Nein, Spaß beiseite – Kooperationen werden wir immer eingehen, wenn sie denn Sinn machen. Da unser Markt an sich schon sehr eng umgrenzt ist, sollte man lieber kooperieren als gegeneinander arbeiten.

DEBUG:
Was sind die von euch anvisierten Preise und Dateiformate für den Käufer, was geht davon an euch, an die Label, die Künstler?
WS:
Unserer Meinung steht der Preis schon fest und die Konditionen auch. Beides findet man bei iTunes unter “AGB“ …

DEBUG:
Gibt es irgendeine Besonderheit, die euch von anderen Online-Shops unterscheiden wird?
WS:
Ja, die wird es sicher geben müssen. Das ist ja das Problem! Unsere Zielrichtung war und ist, jedem möglichst viel Information über elektronische Dancemusic zugänglich zu machen, so dass sich jeder direkt und Artikel-bezogen ein möglichst unverfälschtes Bild machen kann. Das hilft Händlern als auch Musikinteressierten und alles andere wird eh irgendwann unseriös. Wir sind weder äußerst dogmatisch noch entschieden “hype” – und das soll auch so bleiben. Wie im faktischen Handel mit Tonträgern auch werden wir allerdings versuchen, das Angebot soweit zu strukturieren, dass die Wordandsound typische musikalische Handschrift in der Masse an potentiell zur Verfügung stehender Musik sichtbar wird bzw. erhalten bleibt.

DEBUG:
Und die Verkaufszahlenerwartungen?
WS:
Wir erwarten bei Neuerungen in der Regel gar nicht mal so viel und sind dann zumeist auch nicht so sehr enttäuscht.

DEBUG:
Wann lohnt es sich?
Was soll man da sagen. Man stelle sich vor, wir hätten 1995 nicht unser Telexgerät gegen so ein Modem eingetauscht.
NTT:
Wir denken schon ein wenig über einen Downloadshop nach, mussten in den letzten 12 Monaten aber andere Ziele verfolgen. Bislang erwarten unsere Label so was auch noch nicht von uns.
INDIGO:
Nein, wir planen zur Zeit keinen eigenen Downloadshop, denn wir sind ja eine Vertriebsfirma. Und als Vertriebsfirma sehen wir unser Tätigkeitsfeld in erster Linie in der Belieferung des Einzel- und Großhandels, nicht im Verkauf an den Endkunden direkt. Das verhält sich im Bereich der nichtkörperlichen Distribution von Musik erstmal genauso, wie im Bereich der physischen Tonträger. Im Moment jedenfalls noch. Wir arbeiten aber an der Umsetzung einer entsprechenden Download-Vertriebsstruktur, d.h. wir sind in Kontakt mit verschiedenen Downloadshops bzw. mit Portalen und Verteilern. Grundsätzlich streben wir auf diesem Wege natürlich die bestmögliche Verfügbarkeit unseres Programms im Download-Sektor allgemein an. Da aber Vertragsabschlüsse, Rechte-Klärung, Repertoire-Abgrenzung, Erwartungshorizonte, technische Umsetzung, Erfahrungsschatz und alles, was sonst noch dazu gehört, noch im Entstehen sind, warten wir mit der Beantwortung konkreter Fragen lieber, bis wir verlässliche Antworten geben können.

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Elektronische Lebensaspekte.