Interfaces: Doch noch nicht tot.

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Touch ist der letzte Atemzug eines überkommenen Interface-Paradigmas, eröffne ich meinen Text “Von Mensch zu Mensch” in der DE:BUG 172. Nicht mehr der Mensch sage in Zukunft der Maschine, was sie zu tun habe, sondern die Maschine mache sich einen Reim aus den Menschen; neue Interaktionsmodelle brächten Mensch und Maschine auf Augenhöhe. Um meinen Punkt zu machen, lies ich ein fundamentales und gutes Gegenargument außen vor: Input-Interfaces, egal ob Tastatur, Maus, Gesten/Touch oder Sprache sind natürlich noch lange nicht Geschichte.

Wenn sie auch im Unterhaltungsbereich und im Alltag eine abnehmende Rolle spielen werden, so werden sie doch zumindest genau dort, wo der Mensch der Maschine nämlich exakt sagen muss, was sie zu tun habe, noch lange weiter existieren. Vielleicht werden immer weniger Daten mit direkter Einmischung des Menschen verarbeitet (anteilig ja eh, Big Data; absolut aber auch, Automation), doch werden immer genügend Daten übrig bleiben, die eben nur ein Mensch abarbeiten kann oder sollte: Datenpunkte eingeben und miteinander in Verbindung bringen, mit Menschen kommunizieren, Pläne erstellen – nicht zuletzt: Schreiben. Also: Arbeiten.

Verbessern statt neu
Weil das Büro von Windows regiert wird, wird auch Windows weiterhin ein Maus- und Tastatur-Betriebssystem bleiben. Und weil Apples Touch/Gesten-Interfaces toll bei der mobilen Unterhaltung und fokussierten Interaktion funktionieren aber eben echt schlecht bei komplexeren Aufgaben, werden Apples Desktop- und Laptop-Betriebssysteme auch weiterhin konventionell funktionieren und nur durch erweiterte Eingabemodi (z.B. Sprache), cleveren Pseudo-Kommandozeilen (“Spotlight”, “Quecksilber”) und eleganteren Routine-Abnehmern (“Apple Script”) verbessert.

Dadurch entsteht aber ein interessanter Bruch des Fortschritts: Bislang konnte vor allem Apple sich über eine bessere Zugänglichkeit und – eben – neue Interaktionsmodi von Microsoft abheben. Aber in Sachen Zugänglichkeit hat Microsoft nicht nur aufgeholt, sondern kann auch problemlos gleichauf mit Apple kommen und in Neuigkeitswerten dürfte die alte Masche ausgeschöpft sein. Tastatur, Maus, Bildschirm erscheint mir ausdefiniert. Große Sprünge wird man nicht mehr erwarten können. Wie auch in andern Alltagsanwendungen wird es, vermute ich, zu einem Standard kommen, den alle Anbieter leisten können und über den hinaus sie sich nur durch Stil oder Ausgrenzung voneinander unterscheiden können. Die einen machen’s in grün, die andere in blau. Die einen können das ein bisschen besser, die anderen jenes. Alle Autos, Waschmaschinen, Heizungen sind etwa gleich gut zu bedienen – die Unterschiede sind letztlich Geschmacks- und Distinktionssache: Goldschaltknüppel, LED-Ziffern statt Tachozeiger. (Don Norman, den ich im Rahmen des Interface-Specials interviewte, würde hinzufügen: Das alles gilt aber nicht für Hotelwecker.)

Office bleibt
Werden die künftigen Produktankündigungen von Apple also vor allem Design-Design, aber nicht mehr Usability-Design betreffen? Flach statt skeuomorp, grün statt blau? Natürlich nicht. Apple wäre ja gerade zu blöde, sich in so eine Ecke drängen zu lassen. Aber was um alles in der Welt sind die Alternativen? Diese Frage stellt sich – unterstelle ich – die ganze Branche. Rechenleistung, Usability, Features, all das, was sich in den letzten Jahren so rapide veränderte und als Kaufargument verwendet werden konnte, ist trivial geworden. Microsoft verkauft Windows und Office über reine Marktmacht und Präsenz: Da wo Windows war und ein Wechsel teuer wäre, bleibt auch Windows. Da wo Geschäftsdokumente waren und auch künftig verwendet und verschickt und empfangen können werden sollen, wird Office bleiben. Warum auch wechseln? Die Vorteile überragen die Nachteile. Und mit Windows und Office bleibt Tastatur und Maus.

Als ich also schrieb, dass Touch der letzte Atemzug eines überkommen Interface-Paradigmas war, hatte ich nicht übertrieben. Ich habe viel mehr untertrieben, wie lange der Atem dieses alten Paradigmas ist.