Bevor das Handy selbst zur Universalmaschine wird, lädt es einfach alles, was es braucht von unterwegs vom heimischen Pc. Dank neuer Java-Applikationen wird es zur Jukebox für die Mp3-Sammlung, lädt an der Telekomindustrie vorbei Klingeltöne von der eigenen Festplatte und wird zur Fernbedienung für die Tauschbörse.
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 87

Intelligenz aus der Ferne
Xingtone, Mobile Mule und GlooLabs

Vor zehn Jahren hatte mal jemand eine großartige Idee: Warum eigentlich den eigenen PC alle anderthalb Jahre aufrüsten, wenn man doch eh übers Netz mit viel leistungsstärkeren Computern verbunden ist? Als abgespeckter Rechen-Winzling sollte der sogenannte Netzcomputer von einem Server mit allem versorgt werden, was Nutzer sonst so auf der eigenen Festplatte haben. Daten, Programme, Medien.
Lautester Verfechter dieser Idee war Sun Microsystems, die damit Microsoft das Wasser abgraben und das eigene Java-System etablieren wollten. Die Firma brachte dazu ein Gerät namens Javastation-Computer heraus, das aussah wie eine futuristische Kaffeemaschine, 700 Dollar kostete und grandios floppte. Sinkende Hardware-Preise und fehlende Netz-Applikationen sorgten schließlich dafür, dass die Netzcomputer-Idee wieder in die Schublade wanderte.
Knapp zehn Jahre später scheint nun endlich die Zeit des Netzcomputers gekommen. Allerdings sehen die Dinger heute nicht mehr aus wie Kaffeemaschinen – sondern wie Telefone. Smartphones, um genau zu sein. 2004 sollen weltweit nahezu 21 Millionen dieser cleveren Handys verkauft werden. Und was werkelt bei den meisten Geräten unter der Haube, um das Ausführen von allerlei Software zu ermöglichen? Genau, Java.
Ganz wie die Suns Javastation sind auch Handys erstmal recht simpel bestückte Endgeräte. Schon dem Akku zuliebe will man ihnen nicht zu viel zumuten. Macht nichts, daheim steht bei uns allen ja mindestens ein Computer, der die fehlende Rechenleistung locker wettmacht – und der sich dank DSL-Flatrate auch problemlos von überall aus erreichen lässt.

Xingtone: Klingeltöne per TCP
Der Dumme ist dabei wieder einmal zu allererst die Musikindustrie. Diese würde uns gemeinsam mit Klingeltonanbietern gerne “Real Tone”-Downloads für bis zu 3,50 Euro pro Song-Schnipsel anbieten. Klar, eigentlich sind die Dinger nur kurze MP3-Dateien. Wer ein Handy mit Datenkabel- oder Bluetooth-Uploadmöglichkeit besitzt, kann die Klingelsignale auch selbst aufs Gerät übertragen. Doch warum mit Kabeln kämpfen, wenn man die Dateien auch ganz einfach übers Internet hochladen kann?
Zur Hilfe kommt dabei die in Los Angeles ansässige Firma Xingtone mit ihrem gleichnamigen Klingelton-Programm: ein einfacher Windows-Audio-Editor mit integriertem Upload-Button. Sobald man sich damit seinen eigenen Wunsch-Klingelton zusammengebastelt hat, baut das Programm eine Verbindung zum Xingtone-Server auf. Dieser schickt daraufhin per SMS einen Weblink zum Mobiltelefon. Über den Link lässt sich dann der Klingelton direkt von der eigenen Festplatte herunterladen.
Xingtone bietet seine Software bisher nur in den USA zum Festpreis von 15 Dollar pro registrierter Telefonnummer an. Bis zum Ende des Jahres will die Firma jedoch auch mit Beta-Tests in Europa starten. Die Chancen auf einen deutschen Ableger stehen dabei nicht schlecht: Hauptinvestor ist Siemens.

Den Esel per Handy fernsteuern
Noch besser als der Download von Klingeltönen wär natürlich P2P, Handy zu Handy. Bisher ist das noch Zukunftsmusik. Doch warum eigentlich Medien aufs Mobiltelefon laden, wo der heimische Rechner doch viel besser damit umgehen kann? Für das Open-Source-Tauschbörsenprogramm Emule gibt es deshalb einen Java-basierten Client, mit dem sich das Tauschgeschehen mobil fernsteuern lässt.
Mobile-Mule-Nutzer können die Emule-Downloadstatistiken ihres heimischen Computers per Handy überwachen sowie Suchanfragen abschicken und Downloads starten. Für Video-Downloads bietet Mobile Mule zudem eine raffinierte Preview-Funktion an: Emule schnappt sich dabei den ersten Frame eines Films und schickt ihn als Display-gerecht komprimiertes Standbild ans Mobiltelefon.

Das Handy als Jukebox
Wenn der Esel dann seinen Dienst getan hat, will man die ganze Musik natürlich auch irgendwann anhören. Am besten unterwegs, versteht sich. Warum also nicht den PC zum Streaming-Server umfunktionieren? Gegen Ende des Jahres will die kalifornische Firma GlooLabs solch ein Angebot im Komplettpaket vermarkten. Nutzer können sich dann einen Browser-basierten Media-Player aufs Handy laden und damit die eigene MP3-Sammlung auf der heimischen Festplatte durchsuchen. Dabei werden die Dateien von Fall zu Fall bandbreitengerecht umkodiert, um Musikgenuss auch bei schlechteren Netzanbindungen zu ermöglichen.
Xingtone, Mobile Mule und GlooLabs Streaming-Angebot sind nur ein paar Beispiele für intelligente Mobilfunk-Anwendungen, die auf den heimischen PC oder Mac setzen. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis das gleiche Prinzip auch für Voice over IP, Text to Speech, Information Management, Video Streams und dergleichen mehr genutzt wird. Handys werden den heimischen PC dabei nicht ersetzen, sondern sich ganz prima mit ihm verstehen. Netzcomputer eben – allerdings ohne klobige Kästen, unnötige Kaffeemaschinen-Metaphern und teure Content-Anbieter.

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Elektronische Lebensaspekte.