Die Idee des Portals als Tür zum Internet hat die Kindertage nicht überlebt. Findige Netz-User bemühen heute Suchmaschinen und werden selber zu Search Engines in alternativen Communityportalen. Wie war das mit dem Scheitern? Eine Kurzgeschichte.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 63

Catch the Wave – kawumm
Die Portale sind eingekracht

Es war einmal ein goldenes Zeitalter, in dem alles glänzte, was digital war. Die Menschen betraten staunend die bunten neuen Welten und die Unternehmen fieberten mit freudiger Zuversicht ihrem nächsten Quartalsergebnis entgegen. Aus heutiger Sicht also eine total bekloppte Zeit, obwohl oder gerade weil sie erst ein paar Jahre zurückliegt. Mit ruhigem Gewissen dürfen wir sie im letzten Jahrhundert verorten und das klingt ja wiederum echt verdammt lang her. Der gemeine Internet-Benutzer dieser Zeit war selbstredend verunsichert, weil alles so neu war. Aus dieser Verunsicherung wurde flugs ein Konzept gestrickt, um den Surfer an die Hand zu nehmen und den freundlichen Unternehmen, die diesen Job übernahmen, reichlichen Lohn zu bringen. Das Ergebnis nannte man dann “Portal” und war an die Hilfskonstruktion von der “virtuellen Stadt” angelehnt, mit der das Netz erklärt werden sollte.

Vor den Toren der Stadt: das Portal

Die Stadtmetapher war eine Zeitlang irre populär und besagte, dass das Netz eigentlich genau wie die vertraute Stadt sei, mit einem Marktplatz, diversen Läden, Kneipen, Spielplätzen und ziemlich vielen Sexshops – nur eben irgendwie nicht ganz echt. Diese Metapher wirkte ganz logisch, aber vor allem enorm beruhigend, denn die Realität der extrem unübersichtlichen Datenansammlung mit verwirrenden Verknüpfungen erschien vielen Menschen zunächst zu unwirklich, um ihr unverfälscht ins Auge zu blicken. Gleichzeitig hatten die euphorisierten Unternehmen, die sich ganz fest einbildeten, dass mit “dem Internet” aberwitzig viel zu verdienen sei, ein Problem, denn mit Surfern, die sich irgendwo im Netz rumtrieben, war dies offensichtlich nicht möglich. Und so wurde die Idee des “Portals” geboren, das als “Eingangstor” zum Netz dienen und dabei auch die Masse der Nutzer an einem Punkt bündeln sollte. Aus Unwissenheit und der beschriebenen Verunsicherung nutzten denn auch die Mehrzahl der Internet-Neulinge zunächst die tollen “Portale”. Und zwar in der Regel das, was von ihrem Provider betrieben wurde, denn der hatte dafür gesorgt, dass seine Adresse als Startseite im Browser eingetragen wurde, natürlich ohne dem Kunden zu erzählen, dass man diese Einstellung auch ändern kann. Und so lebten Surfer und die neue Wirtschaft eine Zeitlang relativ glücklich miteinander, die einen, weil ihnen der Einstieg ins neue Medium erleichtert wurde, die anderen, weil sie sich in der Illusion wiegen konnten, mit all den Surfern, die auf ihre Sites kamen, ganz bald ganz viel Geld zu scheffeln. Dabei war zwar nüchtern betrachtet völlig unklar, wie die Nutzerzahlen in Umsätze verwandelt werden sollen, trotzdem galt es als oberste Maxime erst mal möglichst viele Surfer anzulocken und möglichst viele von deren Daten zu sammeln.

Kommt alles anders

Das goldene Zeitalter neigte sich allerdings vor etwa zwei Jahren seinem Ende zu und zwar weil gleich beide Fundamente der “Portale” rissig wurden. Zum einen konnte die Illusion, dass im Netz leicht Geld zu verdienen sei, nur solange aufrecht erhalten werden, wie die Börsenblase die Werbebudgets aufblies. Nur: Dieser Kapitalfluss wurde im Frühjahr 2000 gekappt. Zum anderen hatte sich der gemeine Surfer mit dem Medium so weit vertraut gemacht, dass er die Illusion von festen und irgendwie gewohnten Strukturen, wie sie mit der Stadtmetapher transportiert wurde, schlicht nicht mehr benötigte. Der freie Blick auf die Unübersichtlichkeit des Netzes verängstigt niemanden mehr, weil die Idee des kollektiven Medienerlebnisses inzwischen friedlich beerdigt wurde und nur noch ganz nahe am Wasser gebaute Zeitgenossen den “Straßenfegern” eines Tatorts aus den 70ern nachtrauern. Der aktuelle Internet-Nutzer hat dabei nicht nur gelernt, wie man die Startseite im Browser ändert oder ganz löscht, sondern auch, dass der “Eingang” zum Netz ein extrem flexibler Einstieg ist und dieser adäquat über eine Suchmaschine erfolgt. Das veränderte Nutzerverhalten kann angeblich auch mit einigen der notorischen Studien belegt werden, laut denen inzwischen auf jeden Fall die Mehrzahl aller Surfer eine “Web-Session” mit dem Aufruf einer Suchmaschine und dabei höchstwahrscheinlich mit Google beginnt. In der Konsequenz haben die “Portale” ein echtes Problem und die Betreiber der erfolgreichen Suchmaschinen sind plötzlich unter den wenigen, die mit ihren reinen Online-Services wirklich solides Geld verdienen. Die armen “Portal”-Betreiber haben unterdessen den Zeitpunkt ihres ersten erwarteten Gewinns wieder einmal weiter in die Zukunft verlegt und setzen jetzt auf bezahlte Inhalte, die jetzt “Premium-Content” genannt werden und nicht mehr auf die Masse der Seitenbesucher abzielen, sondern auf den speziell Interessierten mit wenig Zeit und überdurchschnittlichem Einkommen. Ob diese Rechnung endlich aufgeht, ist natürlich auch wieder fraglich. Unter den Suchmaschinen können währenddessen aber auch nur einige wenige wirklich verdienen, allen voran Google, das vor allem durch die Lizensierung seiner Technologie seit Ende letzten Jahres schwarze Zahlen schreibt. Die meisten anderen Suchmaschinen müssen unterdessen auf fragliche Praktiken wie bezahlte Suchergebnisse zurückgreifen, also die Erstlistung von Seiten, deren Betreiber dafür zahlen, in der Ergebnisliste. Aber auch diese Nutzerverlade funktioniert mit zunehmend kompetenten Surfern immer weniger, denn die merken es schlicht, wenn ihnen das alte “Eingangstor”-Konzept in neuem Design untergejubelt werden soll. Und so scheint der Zeitpunkt nicht mehr fern, an dem die unnützen “Bauwerke” des frühen Webs in Online-Museen ausgestellt werden, die der moderne Surfer mit der gleichen Sentimentalität durchstreifen wird, wie der Baedecker-Käufer griechische Ruinen. Jawohl.

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Elektronische Lebensaspekte.