Drei waschechte Instrumentalisten, sonst mit Peace Orchestra und Fauna Flash unterwegs, jammen sich entspannt durch die elektronische Tanzmusikgeschichte. Weil sie Humor haben, passt das genau ins Geschehen.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 102

Je mehr Erfahrungen man gesammelt hat, desto gelassener wird man. Das vierzigste Lebensjahr ist überschritten und Geschichte im Fach Acid Jazz, Latin-House bis Broken Beats hat man zur Genüge geschrieben. Also gönnen sich Roland Appel, Christian Prommer (beide Fauna Flash und Trüby Trio) und Peter Kruder (Kruder & Dorfmeister, Peace Orchestra) eine Auszeit und einen Spaß und jammen als VoomVoom mit ausgeschalteten Bildschirmen durch drei Jahrzehnte Tanzmusik. Dass dabei so etwas wie der Elder-Statesmen-Kommentar zur allgemeinen Retro-Mode im Club rausspringen würde, gerne auch mit leichtem Prusten hinter vorgehaltener Hand, konnte niemand ahnen. Aber das VoomVoom-Album “Peng Peng” platzt genauso in die Clublandschaft wie “Der Partyschreck” in die Filmlandschaft der Sechziger. Es ist smart, weiß genau Bescheid, muss aber nicht cool in der Ecke rumstehen, sondern geht lieber in den Pool, Schaumbaden.

VoomVoom-EPs tauchten nur sporadisch auf, es wirkte wie ein Freizeitprojekt, wie eine Lockerungsübung …

Christian: Es war entspannt, wir haben gebastelt und uns gar nichts dabei gedacht. Nach “Baby3”, unserer VoomVoom-EP von vor drei Jahren, haben wir länger Pause gemacht, dann kamen enorm viele Tracks, daraus entstand das Album. Das war kein lineares “Wir sind ein Act und gehen zum Album”. Es war immer nebenher, erst zum Ende wurde es intensiver.

Das Album fällt genau in das jetzige Geschehen rein mit all seinen Post-Electroclash-, Retrodisco-Elementen. Wolltet ihr als Elder Statesmen Seite an Seite mit Carl Craig den jungen Hüpfern mal zeigen, wie man mit diesem Erbe umgehen kann?

Peter: Die Platte schöpft einfach aus zwanzig Jahren Clubmusik. Es sind Zitate da, aber immer mit einem Augenzwinkern. Es hat nicht die Ansage, so gehört es gemacht. Es ist ein Schauen auf diese unschuldige Zeit in der Musik, als alles offen war, alles möglich war, es nicht diese engen Strukturen gab. Diese Vielfalt der Platten, nicht wie jetzt, wo eine Platte ein Hit ist und es gibt 50 Kopien davon.

Aber fächert sich musikalisch nicht alles gerade wieder auf?

Christian: Das Album ist ja über eine längere Zeit entstanden. Es ist nicht so auf den aktuellen Zeitgeist bezogen. Na klar gibt es gerade wahnsinnig viele Strömungen. Aber innerhalb der Strömungen ist relativ klar, wer den Wagen zieht. Das ist ja auch natürlich, man inspiriert sich gegenseitig. Wir lassen uns ja auch von andern Sachen inspirieren, aber weil wir relativ länger dabei sind, haben wir einen anderen Katalog vor Augen. Die Platte ist aber locker entstanden, nicht nach Konzept: Jetzt reflektieren wir mal unser Leben in die Platte hinein. Wir probieren einfach aus, auch Sachen, die peinlich oder lustig sind. Man geht den Weg mal, guckt, was man Spannendes daraus machen kann, arbeitet mit Vocoder, nimmt Melodien, die fast Eurodance sind, sich dann aber in was anderes morphen, verbindet Disco-Beats mit Detroit-Strings, so dass es zu einer eigenen Sprache für das Album wird.

Bei aller stilistischen Vielfalt wart ihr euch aber scheinbar einig, alle brasilianischen und jazzigen Elemente draußen zu lassen, die man ja bei eurem Hintergrund hätte erwarten können.

Roland: Dafür haben wir ja unsere anderen Acts, Trüby Trio, Fauna Flash, da haben wir die Plattformen. VoomVoom hatte von vornherein einen anderen Vibe. Ich hätte nicht verstanden, warum wir als VoomVoom zueinander reisen sollen, wenn wir das Gleiche gemacht hätten.

Christian: Wir hatten das auch gerade drei Jahre gehabt, hatten das Trüby-Album fertig gestellt, getourt, viele Remixe gemacht. Das war gut, dass es geruht hat. Jetzt öffnet sich die Tür langsam wieder.

Roland: Wir haben schon zwei Jahre fürs VoomVoom-Album gebraucht, danach ist noch ein dreiviertel Jahr vergangen, bis wir hier sitzen. Das heißt, wir konnten nicht wissen, dass vieles vom Album jetzt gemäß der Zeit ist. Es hat uns auch nicht interessiert.

Christian: Na gut, wir sind jetzt Ende 40 …

Peter: Ich nicht.

Christian: … und wir haben keine Karrieren, bei denen wir uns mit 16 entschieden haben, wir machen Drum and Bass, und dann ziehen wir das durch. Wir kommen aus einer Ära, da waren viele Sachen auf der Palette, die du auch probiert hast. Du hast in einer Funkband gespielt, dann gibt es aber auch dieses Folk-Projekt und diese Rockband. Das interessiert dich alles, du machst mit und schaust, was passiert. Genauso funktioniert es auch im Studio.

Da hättet ihr auch in eine Fat-Freddy’s-Drop-Richtung gehen können: Man wird älter und guckt, ob im Songwriting nicht ein Plätzchen auf einen wartet. Aber VoomVoom ist sehr Club-ausgerichtet.

Peter: Es ist schon noch Writing. Es ist viel mehr als die vier Akkorde. In manchen Nummern wiederholt sich kein Akkord. “Best Friend” oder “Vampir Song”, wenn du die Beats weglassen würdest, würdest du die Strukturen erkennen. Die Beats machen es einfacher, das Stück im Fluss zu empfinden und gar nicht so mitzubekommen, wo es überall hingeht.

Christian: Und was heißt Songwriting? Seit der elektronischen Musik gibt es das Element des Sounds im Songwriting. Das ist eine legitime Einheit. Früher hieß es: Du brauchst die Harmonien, das Arrangement, die Melodie. Jetzt ist obendrein wichtig, welche Sounds du benutzt. Wenn du Lennon-McCartney-mäßig unsere Stücke analysierst, findest du alle Elemente, auch wenn Chorus, Bridge, Reprise nicht auf Anhieb erkennbar sind. Deswegen kann aber zum Beispiel auch meine Mutter mit der Platte was anfangen. Wir sind aber nicht so analytisch rangegangen. Wir waren tief eingetaucht. Das ist jetzt ein nachträgliches Draufschauen.

Roland: Es ging immer darum, sich zu dritt zu treffen in München oder Wien, gemeinsam Zeit zu verbringen. Wir haben nie Sachen zwischen den Studios hin und her geschickt. Die Arbeit an sich war das Ergebnis, die Arbeit war nicht dazu da, ein vorher abgestimmtes Ergebnis zu erzielen. Wir wollten sehen, was schlummert noch in einem, was nicht im Peace Orchestra, Trüby Trio oder bei Fauna Flash untergebracht werden kann. In dieser Dreier-Konstellation haben wir uns relativ naiv entlangschippern lassen. Mit Plattenfirmen haben wir erst gesprochen, als das Album fertig war. Es ging alles rückwärts, sozusagen.

Also eher so arbeiten wie Jazzer in den 40ern, die sich nach ihren Pflichtauftritten im Hinterzimmer zu Jam-Sessions trafen?

Roland: … und das nimmt jemand auf und stellt fest: Das ist irgendwie ein bisschen anders. Man tut immer so frei. Aber das stimmt natürlich nach dem langen Weg, den wir hinter uns haben, nicht mehr so. Es gibt ganz bestimmte Erwartungen an einen Act wie Trüby Trio oder Fauna Flash. Da kommt das dritte Album, es gibt endlose Remixe, davon ist VoomVoom unbelastet. Das ist sehr angenehm.

Peter: Es war viel wichtiger für uns, den Ball weiterzuschießen, auch eigene Strukturen aufzubrechen. Wir kennen ja die Ingredienzien eines Clubtracks, da wollten wir was anders machen. Gerade im Session-Kontext passiert das viel einfacher, als wenn man alleine vor sich hinprogrammiert. “Logan” war zum Beispiel ein Jam von 15 Minuten. Der Kick kommt vom Computer, Christian hat MPC live dazu gespielt, wir die Keys.

Roland: Es ist wie eine Band …

Christian: … überall liegen Kabel quer durch den Raum …

Peter: … es ist absurd. Und dann jammen, jammen, jammen. Du verlässt die Strukturen, das war die größte Lehre, dieser Zugang funktioniert viel, viel intuitiver.

Christian: Das Tolle ist auch, dass man die Grafik verlässt. Am Computer haben sich alle auf dieses Streamline-Interface eingeschossen, ob du nun mit Live oder mit Reason arbeitest, mit Cubase oder Logic. Du hast die grafische Einbindung in deine Collage, du hörst schon gar nicht mehr. Du siehst den Filter, der geht da schön auf, aha, da kommen die Chords rein … Wir haben stattdessen oft den Bildschirm ausgemacht. Zwischen den Ohren und deinem Herzen – quasi – entsteht wieder eine Verbindung, auf die du nicht mehr so dominant zugreifst, weil das Visuelle dazwischensteht. Man könnte einen Track auch machen, ohne dass man etwas hört. Man braucht halt dieses Arrangement auf dem Bildschirm – bei uns sieht es immer aus wie die Karte von Amerika -, das kennt man, da kommt noch etwas Feintuning, fertig.
Das Tolle an dem Album war, dass wir es auf einer Geschwindigkeit, 125 BPM, gelockt haben. Die Collage hat deshalb nicht nur einen Song betroffen. Wir konnten Teile aus der Collage in andere Songs hineinziehen. Dieser Baukasteneffekt und das Jammen machen das Album aus.
Ich sag’s ganz blöd: Das ist dann Funk. Diese groovige Emotion. Da fühle ich mich total wohl und authentisch. Du respondest, es groovt, es swingt, darum geht’s.

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Elektronische Lebensaspekte.