Dieser Tage ist viel von Revolution und Zeitenwende die Rede, aber wie die digital renovierte Zukunft ohne Papier konkret aussehen wird, bleibt weitgehend schleierhaft. Drei hochspekulative Szenarien sollen Breschen in den Nebel des Kommenden schlagen.
Text: Ji-Hun Kim, Timo Feldhaus, Anton Waldt aus De:Bug 140

Lesen in der Zukunft ist ein bisschen wie Lesen im Kaffeesatz. Beim Fischen in der trüben Buchstabensuppe gerät das Medium im Handumdrehen zur Message. Drei Schnappschüsse aus betörend verwirrten Parallelwelten.

Die Gutenachtgeschichte
“Was ist ein Buch?” fragt die fünfjährige Ida und schaut verträumt auf die ausgeschalteten altmodischen LED-Bildschirme gegenüber dem Bettchen. “Was ist ein Buch?” fragt sie noch einmal, weil Papa mit seinen Gedanken woanders ist, trotz aktueller Zubettgehzeit. Er gibt ihr nun einen Kuss, berührt mit seinem Zeigefinger leicht den Bildschirm und eine automatische Vorauswahl gewaltfreier Retro-Kinderkurzfilmen erscheinen auf dem Screen in seiner Hand. Die Kleine kuschelt ihren Kopf an seinen und tippt auf die Verfilmung von Axolotl Roadkill, ein sensationeller Erfolg aus den späten 10er-Jahren, der Julia Kristevas Intertextualitätstheorie endgültig massenkompatibel umsetzte.

Papa lächelt still in sich hinein und beantwortet endlich ihre Frage: “Weit draußen, in riesigen, gewächshausartigen Häusern sind von Maschinen gedruckte, lappenartig gebundene Schriftstücke aus einzelnem Papier aufbewahrt. Es darf sie nur selten jemand anschauen gehen. Bücher waren komplexe und in sich geschlossene Dinge, die den Menschen früher Trost spendeten. Sie schrieben damals noch ganze Texte. Schweiß und Tränen, Anfang und Ende.” Was für eine Großdoofheit von früheren Bloggern, ihre Texte als Collagen von Chroniken zu begreifen, die das echte Leben spiegeln würden, überlegt Ida und zieht sich mit einer eleganten Handbewegung ein Fenster auf den Reader, in dem sie “Heroin” und “Berghain” nachschlägt, die Wörter werden direkt mit zwei weiteren, kurzen Filmbeiträgen erklärt, während der eigentlich Film in einem dritten weiterläuft.

Papa schweift ab, redet andächtig vom alten Zettelkasten seines Vaters, dieser holzigen Kiste, weich und gelb. Während er sich an einer Erinnerung über ein exakt nachgebautes Filmchen erfreut, das ein sanftes Streitgespräch zwischen Jorge Luis Borges und Umberto Eco zeigt, in dem sie die wesentlichen Punkte der Bibliothek von Babel in einer Art Puzzle nachlegen, ordnet seine Tochter wie von unsichtbarer Hand das Wissen der Welt fein säuberlich wie auf einer Perlenschnur. Danach sortiert sie Fotos, anhand derer sie ihren Tag rekapituliert.

Danach ist ihr megalangweilig. Papa fängt sich wieder und möchte etwas Zusammenhängendes sagen: “Alle Kinder in der Schule haben dasselbe Buch gelesen, gleichzeitig. Auch noch lange nach der Zeit des fruchtbaren Halbmondes.” “Wie alle?” “Die schnellen und die langsamen Kinder sind in dieselbe Schulen gegangen, bevor der hagere Rollkragenmann das Gerät brachte.” “Und Sean Adam?” “Auch er.” “Die Technik ist unsere Geschichte.” “Ja Ida.” “Gute Nacht Papa.” “Gute Nacht.” Beim leise gesprochenen Buchstaben t beginnt eine sphärische Musik den Raum zu füllen, die Augen der Kleinen senken sich wie von Geisterhand, ihr roter Mund umspielt ein Lächeln. Beim Rausgehen stolpert der Vater über einen kleinen Käfer. (Timo Feldhaus)

Der Newsproducer
Die geschmuggelte Zigarette aus China schmeckte heute besonders gut, dachte sich Vincent und muss dabei mit Schmunzeln an frühere Tage denken, wie er vor 25 Jahren noch die ersten Blogger-Stammtische organisierte mit seinen verschwörungstheoretisch angehauchten, typisch bebäuchten Digital-Einwohnerfreunden, alle angeregt von Medienkrise, Globalisierung und 2.0 sprachen, ohne nur einen blassen Schimmer davon zu haben, was wirklich auf sie zukommen würde. Dass 15 Jahre später nichts mehr so sein würde wie damals, und Vincent die Welt der Informationsproduktion und Nachrichten in der Zeit verändert haben wird wie kaum ein zweiter. Trotz globalem Rauchverbot konnte er sich die illegal erstandene Kippe dann und wann nicht verkneifen. Das bisschen Querschieben muss sein, dachte er sich, heute ist auch ein wichtiger Tag.

Als vor zwei Jahrzehnten das iPad und andere Tablets sich anschickten, das Publishing für digitale Devices auf neue Ebenen zu pushen, vergaßen die meisten, dass die großen Verlagshäuser trotz allem Unwillen bereits dem Untergang geweiht waren. Wie in der Musikindustrie vor 30 Jahren, waren die Firmen-Organigramme für das eigentliche Produkt irgendwann so effizient geworden wie Godin‘sche Tribe-Philosophien mit Powerpoint-Briefings für Eierhennenoptimierungen. Das hatte Vincent schnell erkannt. Es musste was anderes her und er dachte an all seine damals noch armseligen, freien Journalistenfreunde, die sich von den Verlagen mithilfe von Reputations-Ökonomien ausbeuten ließen und machte Journalisten zu dem, was sie eigentlich, aus seiner Sicht, schon immer werden sollten. Auf seiner Plattform Newsproducer machte er Informationszulieferer zu eigenen Labels und Produzenten.

Ein Konzept, das sich in der Musik ganz gut bewährt hatte, wieso also nicht auch in der Nachrichtenwelt. Spezialisierung und Nische rules, so hieß es damals. Der Filz von Milleniums-Unworten wie Advertorial und embedded Verkaufsargument war endlich gesprengt. Der Autor oder seine Miniredaktion verwaltet und verkauft seine Kompetenzen aus Delhi, Shanghai oder Palo Alto direkt an den wissbegierigen Konsumenten. Denn Wissensökonomie ist alles in diesen Zeiten, wirklich alles. Je differenzierter, spezialisierter, kontextualisierter, desto besser. Klar brauchte alles seine Zeit, denn smarte Metafeed-Algorithmen und KI-Redaktionen mussten noch optimiert werden, aber heute versteht sich Newsproducer sogar mit dem Content-Monopolisten Google ganz gut.

Die Welt schwebte nun in einer riesigen zensurfreien Informationswolke mit eigenen gut laufenden Korrektiven. Schwarmintelligenz funktionierte also doch. Vincent zupft sich seine Krawatte ein letztes Mal. Es steht ein Treffen mit UNO-Generalsekretär Bill Gates im Silicon Valley an. Der vor 14 Jahren eröffnete Silicon Walk of Fame hat auch endlich Vincent einen Stern eingeräumt. Zwischen David Zuckermann und Jonathan Ive. “Das hast du gut gemacht, Vincent”, lobt sich der Newsproducer- und Metafeed-Gründer beim letzten Zigaretten-Zug mit Blick in den Spiegel selber. Vincent überlegt sich schulterabklopfend, ob er seine Rede von seiner Screen-Kontaktlinse oder von seiner iFoil ablesen soll. Er entscheidet sich für die klassische E-Folie, sieht irgendwie doch intellektueller und bodenständiger aus, denkt er sich, und vergisst wie immer die Haustür hinter sich abzuschließen. (Ji-Hun Kim)

Dabei sein ist alles
Der iLive-Franchise hat schon bessere Tage gesehen, ungezählte Zeittotschläger haben ihre Ellbogen im Interieur eingespurt, in den Furchen der Perlo-Antischmutzbeschichtung auf Tischen und Bänken glänzt ein hartnäckiger Schmierfilm. Aber das Gros der Besucher am späten Vormittag besteht sowieso aus Merkel7-SocialFlats, abgestumpfte Gestalten, die blöd auf ihre abgestoßene M7Pads glotzen. Zeit totschlagen, bis das M7-Mittagsmenu des Tages aufpoppt. In der Zwischenzeit lassen sie die amtlichen Verlautbarungen über sich ergehen, um das kostenlose Fun-Angebot freizuschalten, dessen antiquierte 3D-Darstellung schreckliche Kopfschmerzen verursacht, aber die bekommt man vom in-die-Gegend-stieren ja auch.

Das kostenlose Fun-Angebot besteht heute, wie fast jeden Tag, aus den Video-Prominews mit Interaktions-Animateur, dessen Instruktionen die SocialFlats gehorsam folgen, ein synchrones Ballet gefuchtelter M7Pad-Steuerbewegungen, um ganz nah an Promipickel zu zoomen, Bonusfilmchen aufpoppen zu lassen oder durch die Prozessunterlagen von Richterin Barbara Salesch III zu blättern. Nicht dass das die SocialFlats besonders interessieren würde, aber ohne Interaktions-Mindestbeteiligung wird das Mittagsmenü nicht freigeschaltet. Also fuchtelsteuern die SocialFlats ergeben, bis der erlösende Gong kommt, der die wohlverdiente Mahlzeit ankündigt: Heute gibt es Gesundgemüse-Gelee mit Murdoch-Cola! Um die SocialPads so richtig zu motivieren, wird unter dem Gratis-M7-Menü auch noch die Auswahl frei konsumierbarer Gerichte angezeigt: Veggie-Burger mit Analaogfruchttrunk für 65 Jobs, Pseudorindsroulade mit Schlabbertrunk für 81 Jobs und Leckerschmecker-Eiskonfekt für 121 Jobs. Unbezahlbar für SocialFlats, trotzdem müssen sie natürlich ihre Wahl des Tages, das Gesundgemüse-Gelee mit Murdoch-Cola, anklicken, um ihre Interaktionswilligkeit unter Beweis zu stellen. Reguläre KosumPad-Besitzer können selbstverständlich wirklich wählen, aber sie sollten sich ein bisschen sputen, schließlich weiß man nie, wie sich die Terminbörse entwickelt – einen Moment zu lange zwischen dem Veggie-Burger und der Pseudorindsroulade gezögert und schon steigt der Burger-Preis von 65 auf 71 Jobs.

Das tut weh! Erst recht, wenn eine Horde SocialFlats das Drama hämisch grinsend verfolgt. Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten: Während die armen Hunde ihr Gesundgemüse-Gelee löffeln, genießt der KosumPad-Besitzer zu seinem teuer geratenen Veggie-Burger jetzt erst recht das kostenpflichtige Superfun-Angebot: Zoom auf Promipickel in ruckelfreiem Glossy3D und die geheimen Zusatzunterlagen von Richterin Barbara Salesch III! Da gucken die SocialFlats dumm aus der Wäsche, aber nicht lange, denn bald müssen sie wieder den Instruktionen des Interaktions-Animateurs folgen, um ihr Gratis-Abendessen freizuschalten. (Anton Waldt)

Aus dem Special in De:Bug 140: PRINT: UNTER DRUCK

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Elektronische Lebensaspekte.