MP3 wird teuer: Content-Anbieter müssen jetzt Lizenzgebühren an das Fraunhofer-Institut, die Entwickler von MP3, abdrücken. Grund genug, mal einen genaueren Blick aufs Open Source-Format Vorbis zu werfen.
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 44

Das Format unseres Vertrauens

Vergesst MP3, hier kommt Vorbis

MP3 war eigentlich von Anfang an ein riesengroßes Missverständnis. Ein paar kauzige Mathematiker des Fraunhofer Instituts bastelten einen Codec. Einfach, weil sie sonst nichts Besseres zu tun hatten. Lehrten der Musikindustrie das Fürchten, machten die Napster-Jugend der Welt glücklich. Kostenlose Musik, kostenlose Software, kostenlose Codecs. Dachten wir.
Dass Fraunhofer nicht ganz so uneigennützig handelt, durften als erstes Leute wie der Schwede Tord Jansson entdecken. Er entwickelte als kleines Hobby einen kostenlosen MP3-Encoder. Mit dem kommerziellen Codec des Fraunhofer Insituts konnte sein BladeEnc qualitativ bei weitem nicht mithalten, da Jansson sich bei der Entwicklung nur auf den öffentlich zugänglichen ISO-Sourcecode stützte. Trotzdem wurde er 1998 von der Fraunhofer Gesellschaft abgemahnt. Weil Jansson aber die geforderten Gebühren nicht zahlen konnte, operiert er seitdem in einer juristischen Grauzone: Auf seiner Website erscheint nur noch der BladeEnc-Sourcecode. Das fertig kompilierte Programm lässt sich von befreundeten Servern aus dem Patentrechts-Niemandsland Slowenien herunterladen.
Seitdem haben das Fraunhofer Institut und sein Lizenzverwalter Thomson Multimedia Schritt für Schritt weitere Gebühren eingeführt. Bereits seit letztem Jahr müssen Download-Anbieter Lizenzgebühren bezahlen. Firmen wie Emusic.com überweisen Thomson ein Prozent der erzielten Umsätze beziehungsweise mindestens 15 000 Dollar pro Jahr für die Benutzung des MP3-Formats.
Seit Anfang des Jahres werden nun auch Webcaster zur Kasse gebeten. Über die genauen Sätze herrschte noch lange Unklarheit, wahrscheinlich wird es auf ein Prozent des erzielten Umsatzes beziehungsweise eine Pauschale von 1000 Dollar für kleine Firmen hinauslaufen. Eine ganze Stange Geld, insbesondere für die unzähligen Hobby-Webcaster, die ohne Geschäftsmodell im Rücken DJ-Sets aus ihren Wohnzimmern in die Welt schicken.

Open Source als Ausweg

Doch für alle Netaudio-Startups und Bedroom-Webcaster gibt es jetzt eine interessante Alternative: Das Audioformat Vorbis will klanglich mit MP3 mithalten, dem Fraunhofer-Codec technisch überlegen sein und soll dennoch keinen einzigen Pfennig kosten – Vorbis ist Open Source. Entwickelt wurde es von einem Team um den Programmierer Chris Montgommery, der sich seit 1993 mit Audiokomprimierung beschäftigt. Bereits damals entwickelte er den Plan für Entwicklung einer ganzen Familie von Multimedia-Codecs und ging damit bei großen Firmen Klinken putzen. Doch bei Apple & Co. stieß er nur auf taube Ohren. Mit so etwas könne man kein Geld verdienen, hieß es damals.
Dann kam der Internetboom und damit auch die MP3-Revolution. Geld verdient damit auch heute kaum jemand, aber es werden gewaltige Summen umgesetzt. Summen, die auch die Fraunhofer Gesellschaft und ihren Lizenzierungspartner Thomson Multimedia wach werden ließen. Als sie die ersten Abmahnungen an freie Codec-Projekte verschickten, begann Montgommery wieder mit seiner Arbeit an Vorbis.

Für bis zu 256 Lautsprecher

Ein wesentlicher Teil der Arbeit bestand im genauen Studium unzähliger Patente. Dabei stießen die Vorbis-Programmierer auch auf ein interessantes Surround-System aus den Sechzigern. Obwohl es dem Dolby-System überlegen war, wurde es damals von diesem aus dem Markt gedrängt. Heute ist das betreffende Patent abgelaufen, weshalb Vorbis bis zu 256 Audiokanäle unterstützen wird. Zum Vergleich: MP3 kann nur Mono- oder Stereosound darstellen. Außerdem krankte MP3 immer schon an den ID3-Tags, die nur begrenzt Zusatzinformationen wie etwa den Songtitel enthalten können. Vorbis wird dagegen die Einbindung ganzer Grafiken und Texte in die Songs ermöglichen. Die letzten veröffentlichten Beta-Versionen kamen klanglich noch nicht ganz an Fraunhofers Codec heran. Doch im Januar soll die finale Version 1.0 erscheinen, die es auch in puncto Klangqualität mit MP3 aufnehmen können wird.
Potenzielle Unterstützer gibt es deshalb bereits zuhauf. Emusic.com beispielsweise verfolgt die Entwicklung sehr aufmerksam und hat dem Projekt auch bereits einige Demo-Downloads spendiert. So kann man sich auf der Vorbis-Site Songs der Might Be Giants und von Del Tha Funky Homosapien als Dateien mit der putzigen Extension .ogg aus dem Netz laden. Für das Abspielen sorgen Plug Ins für Winamp und ähnliche MP3-Player.

“Vorbis ist cool.”

Bleibt nur noch ein Problem: Die Trägheit der Surfer. Für sie ist MP3 zum Synonym für Musik im Internet geworden, obwohl es schon jetzt viele andere Formate gibt. Wird Vorbis als ein weiterer Konkurrent überhaupt eine Chance haben, gegen den Buzz-Faktor von MP3 anzukommen? Jack Moffit, Vorbis-Programmierer und mittlerweile eine Art Sprachrohr der Entwickler-Community, gibt sich bei diesem Aspekt zumindest für den Broadcasting-Bereich ganz gelassen:

“Ich denke, dass Vorbis cool ist und vielen Leuten im Gedächtnis bleiben wird. Aber wenn nicht, macht das auch nichts. So lange der Content in Vorbis ist und die Player das Format unterstützen, wird niemand den Unterschied bemerken.”

Vielleicht wird auch die Konkurrenz dafür sorgen, dass Vorbis den Leuten so bald nicht mehr aus dem Kopf geht. So hat sich Thomson Multimedia im Dezember eine nette, kleine Suchmaschine gekauft. Singingfish.com indiziert Audio- und Videostreams sowie MP3 Downloads. Dabei guckt sich der Crawler auch mal genauer die einzelnen Metadaten an. So sollte es für Thomson kein Problem sein, demnächst jede Menge Abmahnungen zu verschicken. Denn wie heißt es so schön in der Singingfish.com-Selbstdarstellung?

“Wenn ein Stream indiziert wird, wissen wir mehr über ihn als jeder andere – möglicherweise sogar mehr als die Leute, die ihn gemacht haben.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.