Wenn Jimmy Edgar in Berlin leben würde, hätte Hedi Slimane ihn für seine Dior-Shows entdeckt. In Detroit macht er selbst Mode – und ein neues Album voller kränklichem Funk und R&B in schillernder Sound Couture.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 101

Jimmy Edgar sieht fertig aus, spröde verspannt. Blass und kränklich bemüht er sich aber um Höflichkeit und das ernsthaft und überragend professionell.
Promotour, kein Spaß, nervenansägendes Geplapper über Musik, die man selber gar nicht mehr mag mittlerweile. Das scheint eine Eigenart elektronischer Musik zu sein, zuletzt haben mir immer wieder Musiker zugegeben, dass sie ihr Album überhaupt nicht spielen wollen, weil sie sich viel zu lange damit beschäftigt haben und jetzt schon ganz woanders sind. Jimmy Edgar geht’s so, macht er direkt klar.

Dabei ist ”Color Strip“ ein guter Grund zu verweilen. Hier klingt R’n’B verschwommen, kühl und nachdenklich, und das ist schon besonders. Das neue Album unterscheidet sich von den vorherigen Veröffentlichungen, weil es zuerst mal einfacher klingt, roher und mehr nach vorne. Der Beat ist da, man muss sich nicht anstrengen und ihn aus tollem Soundwirrwarr erschließen, der knallt oberpräzise. Immer wieder wird variiert, jazzig-futuristischer Mathe-Funk ist durch Reduktion erweitert und jetzt klarerer Elektro, der subtil auf vergangene Zeiten verweist, dabei aber niemals retro klingt.
Color Strip bleibt überästhetisiert und eklektizistische Sound Couture, die gleichzeitig lasziv und schick daherkommt. Gerade die beständige Erkennbarkeit hat den Sound von Edgar immer ausgemacht. Die Fluffigkeit und Catchyness von HipHop wird nun noch stärker durch das, was man so Oldschool-Elektro nennt, verdüstert. Wenn man strukturelle Sterilität und sleazigen Funk irgendwie zusammendenken kann, dann hier.

Jemand hat mal geschrieben, dass sich die Musik von dem jungen Detroiter anhören würde, als wenn Timbaland unter dem Blick von Carl Craig Metro Area produzieren würde. Das ist eigentlich recht sorgfältig zusammengefasst. Aber dennoch: Wenn man mit 19 erstmals auf Warp veröffentlicht und schon vorher auf Merk und Audio.nl ordentlich produziert hat, ja, da denkt man wahrscheinlich irgendwie anders über Musik.

So oder so … man kommt nicht umhin, den Musiker, Programmierer und VJ Jimmy Edgar als Gesamtkunstwerk zu begreifen, ergo drehen sich Interviews gar nicht notwendig um Musik, sondern ebenso um seine Arbeiten als Modefotograf und die bald erscheinende eigene Kollektion. Aber losgelegt.

Die gute Gruft Detroit

Debug: Du stammst aus Detroit und wohnst immer noch in der Stadt. Was bedeutet das für dich? Oft wird deine Musik von so einem topographischen Kontext aus betrachtet. Wie ist die Beeinflussung durch Detroit, ist das ausschließlicher Unsinn, wenn man behauptet, dass du den Soundtrack dieser Stadt (weiter)schreiben würdest?

Jimmy Edgar: Es ist eine indirekte Beeinflussung, der Standort, von dem aus du arbeitest, nimmt immer Bezug auf dich, davon kannst du dich nicht lösen, und natürlich ist Detroit als Stadt etwas Besonderes. Ich bin dort aufgewachsen, es ist im Unterton immer präsent, aber schwierig in Worte zu fassen. Ich bin gerade ins Rotlichtmilieu gezogen. Der Abschaum und die Schäbigkeit hat mich irgendwie angezogen, es ist eine sehr unentschiedene Gegend. Klar hat mich auch die Idee von Techno beeinflusst, wenn du darauf hinaus willst. Allerdings mehr das, was es einmal war, wie es angefangen hat. Dass sich eine Struktur von Musik so völlig geändert hat, das ist großartig. Das Experimentieren mit neuen Sounds, Trax Rec. aus Chicago, frühe Sachen aus Detroit oder Oldschool-HipHop aus NYC, als all dies sehr innovativ und neu war. Heute hat Detroit eine sehr seltsame Szene.

Debug: Letztens meinten andere Detroiter Musiker, dass sie eigentlich gar nicht ausgehen würden, dass musikalisch nicht wirklich etwas passieren würde.

Jimmy Edgar: Stimmt auch, es gibt schon Clubs und DJs, klar, aber es entwickelt sich nichts, es ist eher zusammengewürfelt und sehr verstreut. In Detroit gibt es keinen Stadtkern als solchen, alle fahren Auto und leben sehr weit weg voneinander entfernt. Ich habe das selbst nie realisiert, bevor ich anfing zu reisen. Als ich wiederkam, dachte ich plötzlich, wow, Detroit ist wirklich seltsam. Aber nichtsdestotrotz wichtig für mich, ein Zuhause eben, ich habe meine Freunde, das Studio in meinem Haus in der 8 Mile Street. Es ist sehr billig, dort zu leben, jeder hat in Detroit ein Haus. Ich habe vier Schlafzimmer, zwei Stockwerke, Kamin.“

Schon ein lustiges Bild, wenn man sich vorstellt, wie Jimmy Edgar in seinem zwei-stöckigen Haus am Kamin sitzt und über digitalen Funk grübelt.
Nicht erst seit Eminem weiß man ja, dass es die Straße ist, die die überwiegend von Schwarzen bewohnte Automobilstadt Detroit von den weißen Vororten im Norden der Stadt trennt. Die 8 Mile Street ist zum Synonym für eine soziale und kulturelle Grenze geworden, die zum Mythos um Detroit, aber auch zum Mythos um Jimmy Edgar beigetragen hat. Dieser handelt von dem milchbübischen Weißbrot Jimmy, das sich, gerade 14 Jahre alt, in die Funk- und Technoclubs der Stadt schlich und den Sound in sich aufgesogen hat.

Und klar kann man bei Color Strip sagen, stimmt, hör ich, hier und hier und überhaupt, das klingt nach Detroit. Edgar will seine Musik aber von der Stadt losgelöst gehört wissen. Und Madonna (auch in Motorcity aufgewachsen) fragt ja auch nicht jeder, ob ihre Musik so detroitmäßig klingt.
Nun ist der Vergleich sicher relativ verschwommen. Color Strip macht eben im Gegensatz zur Queen of Pop (und gerade nicht Queen of Detroit) der moderne, düstere, urbane, maschinenmäßige Sound aus, deshalb ist die Frage nach der Beeinflussung ja auch gerechtfertigt, aber dennoch klingt Color Strip eben auch nicht nach Saunderson, Atkins oder Mills, genauso wenig wie nach Motown.
Color Strip trifft ganz woanders auf, ist viel moderner und eigener, viel mehr jetzt, verschluckt die Verweise und spült sie mit Gin Tonic runter.

Wenn man vergleichsweise bei Warp bleiben möchte und sich in die amerikanische Literatur hangelt, ist Jamie Lidell Jack Kerouac und Jimmy Edgar Bret Easton Ellis.
Jack oder Jamie ist eben die soulig flockige Partysau, die klar ausstellt, wo sie herkommt und schön easy bleibt, während Jimmy den Introvertierten gibt, der Prozac braucht und Kokain, gegen den Donner im Kopf, statt mit LSD die Beatsause zu schwenken. Die Obsession bleibt in Detroit eine unterdrückte. Und Color Strip klingt auch glasierter, überzogener, mehr 80er. Die unterkühlte Dekadenz und ausschweifend kranke Erotik (Let me be your STD) kann man beim Ellis des Warp-Kosmos hören. Auch das Cover legt die Analogien zum Manhattaner Meuchelmörder offen – der düster gesichtverdunkelte Edgar im schicken Anzug hätte auch gut Patrick Bateman darstellen und das American- Psycho-Cover illustrieren können.

Mysteriöses Schwarz

Debug: Wie sieht da bloß die neue, erste Mode-Kollektion des 22-Jährigen aus?

Jimmy Edgar: Es war sehr schwierig für mich, den richtigen Zeitpunkt zu finden, etwas herauszubringen, was sich die Leute dann anschauen. Ich bin da schnell verunsichert, bei Musik ist das viel einfacher für mich. Neben der Mode habe ich als Fotograf viel für Hairstylisten gearbeitet und für kleine Filme. Es gibt ganz unterschiedliche Projekte mit verschiedenen Leuten, mir geht es darum, etwas wie Mysteriösität herzustellen, glatte Oberflächen zu zeigen, unter denen etwas wimmelt. Eigentlich muss ich für die Fotografie aber nach New York, da gibt es mehr von diesen 20.000-Dollar-Digitalkameras. Ich finde immer interessant, wenn es um Zelebrierung und Inszenierung geht, so dass der Aspekt der Ausstattung ganz wesentlich ist. Auch bei der Mode soll es viel um die Art des Zeigens gehen. Es werden sehr konzeptuelle Arbeiten. Licht ist ein ganz wesentlicher Bestandteil. Die Kollektion wird sehr schwarz und minimal, es schweift um so einen dunklen, atmosphärischen Kern und ist meiner Musik eigentlich sehr ähnlich. Ich hatte einige Fashion Shows in Detroit, aber hadere noch ein bisschen mit dem Release der Kollektion. Aber es wird bald soweit sein. Für mich hat die Mode ganz viel mit Kunst zu tun, ich habe keine Lust, so einen Ausverkauf zu starten. Der Verkaufsaspekt ist da gar nicht wichtig.

Analoge Geräte gegen die Verschlackung von Laptopmusik

Debug: Color Strip hört sich reduzierter an, war das eine bewusste Entscheidung, bist du beim Schreiben anders vorgegangen?

Jimmy Edgar: Eigentlich habe ich ja meist ausschließlich am Computer gearbeitet, nun habe ich nur externe Maschinen benutzt und diese Reduktion hat meine Arbeit ganz anders gestaltet. Viele analoge und alte digitale Synthesizer und Drummachines, viel von Tape und Vinyl aufgenommen, mit Mikrophonen gearbeitet, die ich überall aufgestellt habe, und das dann wieder gesampelt. Ich denke, es ist schon eine ähnliche Atmosphäre, aber der Standpunkt hat sich geändert. Das innere Konzept und die Gefühle sind die gleichen geblieben. Ich hatte auch keine Lust mehr, auf Computerbildschirme zu schauen. So viele Leute benutzen Reaktor, dasselbe Ensemble aus Sounds, du drückst ein paar Knöpfe, dann Play und schon ist es “IDM“. Es ist schön, dass alle Leute jetzt Musik machen können, aber das war auch ein Grund, warum ich Color Strip auf die andere Weise gemacht habe, es ging mehr um Musik und nicht so sehr darum, der bahnbrechend innovative Computerhead zu sein. Ich mag den Computer mit all seiner revolutionären Energie und dem technischen Experimentieren, aber es ist gut, einmal getrennt von dem zu sein.“

Wenn Jan St. Werner in “Vorgemischte Welt” mit dem Vorschlag, den Programmierer des Jahres nunmehr “Presetauswähler des Jahres“ zu nennen, seinem Ärger auf die Verflachung von elektronischer Musik durch zu leichtfertige und inkonsequente Benutzung samplegesteuerter Computerprogramme Luft macht, geht die Kritik in die gleiche Richtung wie von Jimmy Edgar geäußert. Und das ist ja zuletzt auch irgendwie nachvollziehbar, wenn man sich den Wust aus neu erscheinenden “IDM”-Platten einmal durchhört.
Statt aber solcherlei Erkenntnisse in ein tendenziell reaktionäres und latent kulturpessimistisches Büchlein zu verpacken, ist die Begehbarkeit des Problemfeldes auf der Soundebene die viel tollere Variante. Nämlich glänzend originelle Alben zu produzieren, wie z.B. Mouse on Mars oder eben Jimmy Edgar das tun. Die unterscheiden sich so was von langweiligem Unterschichten-Massen-ClickClack, dass man einfach nur noch die guten Platten hören sollte, statt von den dilettantischen echauffiert ein krummes Buch zu schreiben.

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Elektronische Lebensaspekte.