Text: anton waldt aus De:Bug 59

Darwinismus der Funkstandards

Wenn UMTS, der Mobilfunk der dritten Generation, ab Anfang nächsten Jahres in Europa ernsthaft an den Start geht, muss er sich auch mit der Konkurrenz durch lokale Funknetze herumschlagen. Drahtloser Internet- und Netzwerkzugang in so genannten “Hotspots” wie Bahnhöfen, Flughäfen, Hotels oder auch ganzen Geschäftsvierteln über WLAN-Netze stellt dabei dem flächendeckenden Netz von UMTS ein Konzept gegenüber, das gezielt auf die ökonomisch attraktiven Services ausgerichtet ist. Während UMTS landesweit und damit mit enormen Streuverlusten Datenraten von maximal zwei Megabit pro Sekunde anbietet, kann die wichtigste Zielgruppe der drahtlosen Datendienste, Geschäftskunden, genau an den Orten, wo dies konzentriert nachgefragt wird – eben den Hotspots – auf kostengünstige WLAN-Anbindungen mit stabilen 11 Megabit pro Sekunde zurückgreifen. Im Jahr 2006 werden laut einer Prognose der Unternehmensberatung Frost & Sullivan in Europa mehr als 37.000 Hotspots mit WLAN nach den IEEE-802.1x-Standards oder Bluetooth-Anbindung ausgerüstet sein. Der Anteil an Bluetooth-Hotspots soll bei rund 35 Prozent liegen, wobei wohl 20 bis 50 Prozent der Hotspots mit beiden Technologien ausgestattet sein werden, um ein möglichst breites Publikum ansprechen zu können. Selbstredend ist gegenüber Vorhersagen dieser Art ein gesundes Maß an Skepsis angebracht, aber im Fall der Funknetze sprechen eigentlich wirklich alle Faktoren für einen fortgesetzten Boom. Ein deutlicher Indikator ist zum Beispiel der kürzlich angekündigte, gemeinsame Einstieg Compaqs und Ciscos in den WLAN-Markt, der bislang noch von kleineren Anbietern dominiert wird. Die beiden Player wollen praktische Komplettpakete anbieten, die auch Wartung und Betrieb umfassen.

Kampf und Koexistenz
Für die Mobiltelefonanbieter besteht laut der Frost & Sullivan-Studie die reale Gefahr, dass die mit WLAN-Zugangspunkten erwirtschafteten Umsätze zu Lasten der Einnahmen aus der mobilen Datenkommunikation über UMTS gehen. Viele europäische Mobiltelefongesellschaften, die unter den exorbitanten Kosten für UMTS-Lizenzen und -Netzaufbau leiden, prüfen deshalb zur Zeit, mit welcher Strategie sie solche Einnahmeverluste verhindern können. Dabei scheint die einzige realistische Lösung zu sein, möglichst alle konkurrierenden Produkte selbst anzubieten, also ein Bündel von Netzwerkzugängen zu einem Paket zu schnüren. In der Praxis dürften Telekom-Kunden dann nahtlos zwischen UMTS-, WLAN- oder Bluetooth-Netzen hin und her wechseln. In der Pampa oder im Vorort wäre man dann mit seinem Laptop oder Smartphone über UMTS angebunden, sobald man aber einen Hotspot erreicht, würde der Zugang automatisch und ohne Mitwirkung des Nutzers auf die schnelleren WLAN-Lösungen umgestellt. Nokia und andere Anbieter haben für diesen Wechsel im Hintergrund auch schon entsprechende Funkkarten entwickelt, technisch steht der Kombi-Lösung also eigentlich nichts im Weg. Trotzdem stehen massenhaft Probleme an, die allerdings ökonomischer oder politischer Natur sind. Einigen Ärger dürfte beispielsweise noch die uneinheitliche Regulierung des 2,4-GHz- und des 5-GHz-Bandes in Europa bereiten. So ist etwa in Großbritannien die Erwirtschaftung von Gewinnen durch Nutzung dieser Bänder in öffentlichen Räumen und in Hotels verboten. Ebenfalls völlig offen ist die Frage des Roamings. Mit der Zahl der Roaming-Partner steigt hierbei die Attraktivität des Angebotes für die Kunden, es fehlt jedoch ein verbindlicher internationaler Standard, und Roaming-Partner müssten über harmonisierte Abrechnungssysteme und eine vergleichbare Dienstequalität verfügen.

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Elektronische Lebensaspekte.