Stillosigkeit als kennzeichnenden Stil zu formulieren, darin ist der Londoner Luke Vibert aka Wagon Christ Spezialist. Hauptsache elektronische Musik, Hauptsache mögliches Funk-Etikett. Mit seiner Devise "von allem etwas" schnappt sich Vibert den Käse des Trends für fröhliche Remixe.
Text: christoph jacke aus De:Bug 45

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Fortschritt ahoi
Wagon Christ

Luke Vibert aus Cornwall ist ein Stil-Maniac der elektronischen Funk-Musik. Als Plug hat er maßgebliche Drum’n’Bass-Tracks veröffentlicht, als Luke Vibert kooperierte der Mann zuletzt mit dem Steel Guitar- und Banjo-Experten BJ Cole und – last but not least – erschlich er sich mit Wagon Christ unter dem Vorwand, Ambient zu produzieren (Luke:”Ich habe gelogen, um die Platte machen zu können. Ich habe sie in einer Woche aufgenommen.”), einen weiteren Contract. Grund genug, den Vielgereisten zum Stand der Dinge zu befragen.

Funky Beats with Noises on Top

Die dauerhaften Funk-Referenzen fallen nicht zuletzt beim neuen Wagon Christ-Album “Musipal” ins Ohr. Luke: “Ich habe erst nach und nach die ganzen 60er-Funk-Tracks entdeckt, die für meine eigene Musik zu gebrauchen waren. Das war ein ganz natürlicher Prozess, weil ich mich am meisten für die Rhythmen interessiere. Und Rhythmus ist das Herz des Funks. Es war dann unglaublich schwierig, etwa einen James Brown-Beat auf der Drum-Machine zu programmieren.” So entschied sich Vibert fürs Sampling. Die Kombination aus unterschiedlichsten Sounds dieser alten Funk-Einflüsse bildet weiterhin den Fokus von Viberts Musik. “Ich war 15, als ich James Brown entdeckte. Eigentlich kam ich auf diese ganzen Sachen, weil ich Prince liebte und dieser immer wieder seine Affinität für Leute wie Jimi Hendrix oder Sly & The Family Stone betonte”, erklärt Vibert seine Entwicklung:”Ich musste die Sachen mögen, weil Prince sie mochte”, lacht Luke. Mittlerweile sieht er diese Einflüsse distanzierter. Prince spielt zwar immer noch eine Rolle für Vibert, doch scheint er ihm nicht mehr verfallen: “Ich war ein echter Fan. Mittlerweile ist mir auch klar, dass nur einige der Songs von Prince wirklich gut waren. Aber er hat mir viele Möglichkeiten eröffnet.” Sowieso pickt sich Vibert immer wieder die interessanten 80er-Jahre-Momente heraus und begradigt das Klischee von der üblen Dekade: “Ich bin in den 80ern musikalisch aufgewachsen, und da gab es eine Menge gutes Zeug: Die frühen Acid-Sachen, den HipHop, das war klasse. Vieles vom Mainstream-Pop der 90er hingegen war unerträglich. Das hatte seinen naiven Charme verloren, den ich in den 80ern sehr mochte. Insgesamt waren die 90er mit ihrem frühen Breakbeat und den besseren Produktionen aber wohl eine spannendere Phase.”

Das neue Album

Insbesondere als Wagon Christ liebt Vibert seltsame Samples (Wie Rolf Harris’ “Pure Electronic, Modern Electronics” zu Beginn von “The Premise”) und wilde Stilmixe. “Musipal” mischt Downtempo neben Drum’n’Bass neben leichten Ambient und TripHop-Anklängen. Vibert: “Das passiert, wenn ich zu Hause sitze und mich einfach selbst unterhalten will. Ich nehme die Tracks nie vor irgendeinem Hintergrund, mit einer speziellen Idee oder für irgendjemand anders auf. Ich fange meist mit irgendwelchen käsigen Sounds an, ohne dass ich meine Tracks als Käse bezeichnen würde “, grinst Vibert. Das neue Album ist aber auch wegen seiner Tracks aus den Jahren 1995 bis heute eine echte Zusammenstellung. Das Wagon Christ-Werk ist bestimmt von Mix-Alben, die selten eine klare Stilrichtung präferieren. Besonders Drum’n’Bass-Tracks wie “Natural Suction” wirken, so toll sie sind, etwas altmodisch. Das Problem der Trendbeschleunigung, zu dem Vibert keine Theorie hat: “Komisch, dass du genau den Track meinst. Da sind einige deutlich ältere drauf. Aber auch für mich wirken gerade die Drum’n’Bass-Stücke fast schon antiquiert. Es ist schon seltsam. Nachdem ich damit anfing, kamen inspiriernde Acts wie Squarepusher und schoben das in eine neue Dimension. Genau an dem Punkt musste ich Drum’n’Bass ausbremsen. Ich wollte an keinem Wettbewerb teilnehmen und verlies das Trend-Rennen.” Vibert hat die Einsicht gehabt, das ein permanentes Im-Rennen-Sein uninspirierend und desillusionierend wirkt. “1994/95 habe ich über 200 Drum’n’Bass-Tracks gemacht. Seit 1997 vielleicht gerade mal noch zehn ” , merkt der Endzwanziger kritisch an.

The Future of Funk

Ein umtriebiger Musiker wie Vibert scheint angebracht für eine Perspektive der Zukunft elektronischer Musik: “Die Produktionsweisen werden immer besser, das ist der einzige Fortschritt, den ich erkennen kann. Denn von den alten Sounds, z. B. diesen Homerecording-Dingern des Jahres 1991, werde ich wiederum gerade heute inspiriert.” Die Perfektion der Produktionstechniken muss nicht zwangsläufig vorteilhaft sein. Offensichtlich sehnt sich Vibert nach einer gewissen Ruppigkeit der Sounds. “Ich mag einige der 2Step-Sachen, aber davon gibt es viel zu viele, vor allem in England. Von 500 gefallen mir ungefähr zehn Tracks. Bei den anderen 490 würde ich am liebsten weglaufen.” Ein weiterer Einfluss für Vibert, der seiner Meinung nach in Bälde noch entscheidender werden wird, ist das Internet: “Weniger für die eigentliche Musik, aber für die Musikindustrie wird das Internet einiges vereinfachen, auch für die Medien. Viele überflüssige Label werden verschwinden.” Der MP3-Austausch fasziniert Vibert sehr, wenn auch die Soundqualität noch nicht ausgereift scheint.

Innovations-Pause

In den letzten Monaten hat sich Vibert kaum mit Musik beschäftigt, da er zum einen Vater einer Tochter geworden (“Das hat auf angenehme Weise meine Musiktätigkeiten unterbrochen.”), und zum anderen umgezogen ist. “Durch den Umzug habe ich noch nicht einmal mein Studio richtig aufgebaut. Eigentlich habe ich die letzten vier Monate nur meine alten analogen Drum-Machines und die 303 installiert. Ich liebe das Produzieren von Sounds aber so sehr, dass ich mich, sobald das Studio fertig gestellt sein wird, da wieder reinstürzen werde. Ich puzzle mit den Tracks herum, ich spiele mit den Sounds.” Vibert scheint sich des öfteren gegen das Klischee vom Computer-Freak zu wehren. Seine Wurzeln liegen im Komponieren von Songs:”Ich bin definitiv kein Programmierer. Ich muss die Computer benutzen, mir bleibt nichts Anderes übrig. Ich wünschte, ich könnte die Sounds auf eine andere Art und Weise erstellen.” Viberts unterschwellige Abneigung gegenüber intensivem Computereinsatz und seine Faszination für Live-Sounds schlug sich zuletzt in dem Projekt mit BJ Cole nieder:”Der Mann hat so viele Ideen und Freunde, die just vorbeikamen und ein Instrument spielten. Das war fantastisch. Wir haben uns wundervoll ergänzt.” Die beiden wollen in einiger Zeit auch wieder zusammen arbeiten.

Der mysteriöse Rapper

Derzeit konzentriert sich Vibert wieder auf seine Arbeit als Wagon Christ. Das einzige, bereits geplante zukünftige Projekt ist eine Kooperation mit einem US-Rapper, dessen Namen weder Vibert noch das Info nennen:”Wir haben bereits sechs Tracks aufgenommen, die brillant sind, aber bisher nur Demo-Qualität erreicht haben. Das wird noch einige Zeit dauern. Vielleicht in 2002.” Grundsätzlich möchte Vibert Vocals eher ungern in seine Tracks integrieren, die Kompositionen werden dann doch sehr ausschweifend:”Es ist einfacher, Vocals zu samplen. Einzige Ausnahme bildet der Rap, der sowieso mehr wie ein Instrument funktioniert. Lieber würde ich derzeit mit einem Haufen Instrumenten, vor allem Orgeln arbeiten.”

Rmx und co

Zwei Stationen der unendlich langen Karriere von Vibert als Remixer sollen das Spektrum ableuchten: 1. David Sylvian:”Das war mein prestigereichster Remix. Ich war sehr aufgeregt und habe lange daran gesessen, denn ich verehre seine Musik. Er hatte einen anderen Mix von mir gehört und mich gefragt. Im übrigen war er einer der ganz wenigen, die mich nach Fertigstellung des Remixes nochmal anrief, um mir zu sagen, wie sehr er den Track mochte.” 2. Tortoise: John McEntire war äußerst nett. Er mochte meine Plug-Sachen und wollte einen Drum’n’Bass-Mix. Ich mochte die erste EP von Tortoise. Ähnlich lief es mit UI.” Vibert ist das Remixen (und schaut euch im Netz mal Lukes unglaubliche Liste an!) noch lange nicht satt: Die Anfragen werden weniger. Vielleicht haben die Leute mich ein bisschen vergessen, weil ich keiner Szene angehöre.” Und genau das macht Vibert so einzigartig und auch wichtig: Luke Stylewalker wird im Stil des Stillosen zurückschlagen – verlassen wir uns darauf. Und eigentlich hätten wir noch stundenlang weiter diskutieren können.

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Elektronische Lebensaspekte.