Ist Papier zu old-fashioned und sind Sonntage Menschen zu schade zum zählen, müssen die digitalen Maschinen einspringen. Auch wenn sie sich in Echtzeit selbst auszählen, verschieben sie aber nur das unmoderne Imageproblem: Mit ihrer Unsicherheit verlieren sie vielleicht die wichtigste Wahl-Funktion. Das Vetrauen der Wähler.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 75

Schmeiß die Urne ins Meer
Wählen mit Maschinen

Wahlen können so viel Spaß machen. In Korsika wurden zu Osolemirnixs Zeiten die Urnen liebevoll gefüllt, ins Meer geworfen und dann der Gewinner ehrlich ausgefochten. Aber auch ohne Salzwasser und Messer macht es richtig Laune, alle vier Jahre die lokale Grundschule zu betreten, hinter muffigen Stellwänden Kreuzchen auf einen großen Zettel zu machen und diesen dann nach einer komplizierten Faltprozedur in eine Blechbox zu werfen, dessen Schlitz von einem eigens dafür abkommandierten Grünflächenbeamten mit einem Klassenbuch geschützt wird, damit kein Scherzbold das demokratische Hochamt mit einer Müllermilch versauen kann. Außer den Gerüchen und dem sozialen Erlebnis der Sonderklasse ist die Prozedur aber auch ziemlich fälschungssicher, weil die Grünflächenbeamten meistens ein Kreuz erkennen und fast nie Zettel aufessen oder verbrennen. Da kann man Wahlen sinnhaft finden wie man will, am Ergebnis ist da nicht viel rumzudeuten. Zettel haben allerdings auch ihre Nachteile, sie zählen sich zum Beispiel nicht in Echtzeit selbst aus und die Bereitschaft der Grünflächenbeamten für die Demokratien einen Sonntag zu opfern läßt rapide nach. Zettel sind aber vor allem altmodisch. Und auf sowas stehen heute nicht mal konservative Politiker, auch diese wollen es überall modern und chic, auch und gerade bei den Wahlen, also muss moderne Technik her, am besten sogar “modernste Technologie”. In den USA sieht das nicht anders aus, auch wenn in einigen Bundesstaaten bei Präsidentschaftswahlen am Wahlmänner-Prinzip festgehalten wird, das mal sinnvoll war, als der Westen noch von stinkenden Kuhtreibern spärlich bevölkert war. In Gottes eigenem Land waren viele Politiker sogar schon vor ein paar Jahrzehnten ganz heiß auf den modernen Scheiß, was zur Anschaffung der berüchtigten Stanzmaschinen führte, die durch das Auszählungsdebakel bei der “Wahl” George Bushs weltweit berüchtigt wurden. Diese Maschinen arbeiten nach dem eigentlich bewährten Lochkartenprinzip, dass schon vor mehr als hundert Jahren die automatische Datenverarbeitung ermöglichte. Leider lochen die Wähler nicht durchgehend so sorgfältig wie früher die IBM-Hilfskräfte und auch viele Karten-Layouts hätten die Qualitätskontrollen der Internationalen Büromaschinen-Manufaktur nicht überstanden, so dass es immer wieder zu halben oder verrutschten Stanzungen kommt, die dann zu unschönem Streit zwischen den Grünflächenbeamten und den Wahlbeobachtern der Parteien führen. Nun könnte man im Sinne der Wiedergewinnung des Wählervertrauens eigentlich zu den bewährten Zetteln zurück kehren, aber es soll ja wie gesagt alles immer moderner werden, also müssen digitale Maschinen ran. Womit die Probleme auf einer anderen Ebene weitergehen: Statt über analoge Lochdebakel dürfen sich jetzt viele US-Bürger darüber Sorgen machen, dass die Wahlmaschine ihre Stimme nicht korrekt speichert oder ein ganz böser Hacker die Ergebnisse verfälscht, denn die eingesetzte Software scheint nach jüngsten Erkenntnissen etwa so sicher zu sein, wie Microsofts beliebte Software für die Massen und die Hersteller der Wahlsysteme gebären sich auch in etwa so heimlichtuerisch und obskur wie der Konzern aus Redmond.

Skip Beta-Test
Allerdings passieren den Herstellern auch genauso peinliche Pannen wie Microsoft und so konnte kürzlich von einem völlig ungeschützten Server der Firma Diebold deren “Direct Recording Electronic”-System (DRE) zur Begutachtung herunter geladen werden. Diebold ist weltweiter Player im Bereich Bankensicherheit und stellt auch Geldautomaten und eben Wahlmaschinen her, das DRE kam unter anderem bereits in Georgia bei Wahlen zum Einsatz. Bis zum Entdecken des offenen Servers war eine unabhängige Überprüfung der Software nicht möglich, da eine solche in bester Microsoft-Tradition ein “Sicherheitsproblem” darstellen soll. Bei der Auswertung der Diebold-Software durch Wissenschaftler der Johns Hopkins University kam allerdings eher heraus, dass das System selbst das Sicherheitsproblem zu sein scheint. So fanden die Forscher Manipulationsmöglichkeiten in fast allen Schritten des Wahlprozesses: Beim SetUp der Touchscreen-Maschinen, die etwa so manipuliert werden könnten, dass Kandidatennamen ausgetauscht und daher falsch gezählt werden. Die Authentifizierung der Wähler mittels eines PIN-Codes oder einer Smartcard könnte außerdem leicht ausgetrickst werden und so Stimmen schlicht gestohlen werden. Und schließlich können Eindringlinge die Übertragung der Ergebnisse vom Wahllokal zur zentralen Auswertung manipulieren. Das Ergebnis ist um so erschreckender, als dass die Informatiker nur einen Teil des Diebold-Codes untersuchten und auf den – schlecht verschlüsselten – Rest verzichteten, um nicht mit dem US-Copright-Gesetz in Konflikt zu geraten. Und der größte Schaden dürfte nicht einmal darin bestehen, dass bisher wirklich Wahlen manipuliert wurden oder dies in der Zukunft geschieht, weil entsprechende Komplotte in der Regel an zu vielen Mitwissern kranken. Wirklich schlimm an der wackeligen Wahlsoftware ist dagegen – mit Schröder-Stimme vorstellen – “Der Vertrauensverlust der Bürgerinnen und Bürger in die Demokratie”: Die fehlerhafte Software dürfte zukünftig in jede paranoide Verschwörungstheorie über das US-System Eingang finden und so die politische Kultur des Landes noch obskurer machen.

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Elektronische Lebensaspekte.