Wer in Deutschland an die Arbeit, das Unternehmen, den Wirtschaftsstandort oder die Industrienation denkt, dem fallen sofort rauchende Schlote, schweißtriefende, ölverschmierte und grimmig dreinblickende arme Würstchen ein, die von offizierhaft dozierenden Ingenieuren und zigarrenrauchenden Unternehmern herumkommandiert werden. Autobahn, Ruhrpott und Stahl reichen aus, um irgendwo im Unterbewußtsein den zufrieden blonde Mädchen tätschelnden Führer zum Leben zu erwecken.
Text: johnnie stieler aus De:Bug 07

Wahre Arbeit, wahrer Lohn Johnnie Stieler johnnie@clubaudio.net Wer in Deutschland an die Arbeit, das Unternehmen, den Wirtschaftsstandort oder die Industrienation denkt, dem fallen sofort rauchende Schlote, schweißtriefende, ölverschmierte und grimmig dreinblickende arme Würstchen ein, die von offizierhaft dozierenden Ingenieuren und zigarrenrauchenden Unternehmern herumkommandiert werden. Autobahn, Ruhrpott und Stahl reichen aus, um irgendwo im Unterbewußtsein den zufrieden blonde Mädchen tätschelnden Führer zum Leben zu erwecken. Warum das so ist und wie das anders werden könnte: Zehn Thesen 1. These: Ein deutsches großindustrielles Unternehmen ist die Umsetzung einer modernen Militärdiktatur. Ein Geist, ein Wille, ein Werk – kein Mensch. Schuld sind immer die anderen. Gruppendynamik unerwünscht. Wie von Offiziersschulen gelehrt, gibt es die Laufbahn, den Aufstieg, Unterordnung, Strafversetzung oder die vergoldete Versetzung in den Ruhestand. Generaldirektor a.D. sozusagen. Warum? Der militärisch-industrielle Komplex hat die Militärdiktaturen in den Sattel gehoben. Nach deren Zusammenbruch ist die exekutive Funktion der Militädiktaturen an die Industrie gefallen, das Diktat kommt heute von der Finanzoligarchie. 2. These: Die Organisation Der Begriff hat für Deutschland einen üblen Beigeschmack. Eine Organisation als Unternehmen bedeutet seit spätestens dem Dritten Reich die Gleichschaltung der Interessen – oder wie es ein aufstrebender (und dabei noch wohlmeinender) Unternehmensberater in seiner von “Dilemmata” getragenen Theorie letztens in einem Vortrag formulierte: “Die Organisation braucht nicht den Menschen als Ganzes. Bestimmte Interessen des Einzelnen müssen in der Organisation ausgeblendet werden.” Das Unternehmen – die Organisation – duldet keinen Widerspruch. Ideologien und Zielvorgaben zeigen dem Arbeitsheer den Weg in eine strahlende Zukunft. Ein mystisches Moment verbindet über Blut und (Unternehmens)Boden die kleinen Geister an der Arbeitsfront – nicht etwa gemeinsame individuelle Interessen. 3. These: Die Arbeit – Kampf an der Front. Wer arbeitet kann verlieren. Wer keine Arbeit hat, hat schon verloren. Wertarbeit: Im Schweiße seines Angesichts schaffen, sich bis zur Erschöpfung selbst ausbeuten für den einen großen Gedanken: Das Unternehmensziel. Arbeit, das bedeutet besser sein als die anderen, sich in der Dichotomie von oben und unten natürlich nach oben durchsetzen – gewinnen, die anderen niedermachen. Das Unternehmen ist die Religion, der sich der Deutsche gern unterwirft. Ohne Unternehmen ist er aus dem Volksganzen ausgeschlossen, nichts mehr wert. Diese mentale Situation zwingt viele Arbeitslose in eine Paralysesituation. Der gute Staat füttert die nutzlosen Wesen mit dem weise von den Unternehmern vom Lohn abgezogenen Beiträgen zur Arbeitslosigkeit und natürlich mit dem Geld “des Steuerzahlers”. Wer wollte nicht dafür dankbar sein und leiden? 4. These: Der Manager, Leitbild. Auch heute trägt der deutsche Manager eine vorgeschriebene Uniform, die Dienstgrade und “gediente Jahre” erkennbar macht. Es zählt die Kompetenz im Ellenbogenkampf, im Niedermachen und selbst, wenn der deutsche Manager die Garderobenfrau (natürlich ~frau) in der Oper bescheißen kann, so ist das ein Erfolg. Fehler kann es nicht geben, denn das Unternehmen macht keine Fehler und der Manager ist ganz im Mythos “Unternehmen am Standort” aufgegangen. Wie es ein leitendes Mitglied eines Stromversorgungs-Unternehmens formulierte: “Das ist hier wie beim Flieger. Nicht die Technik macht die Fehler, sondern die Menschen, die sie bedienen. Je geringer der menschliche Faktor, umso geringer die Fehler.” Der Manager ist Mitglied einer Elite. Im heiligen Krieg der Unternehmen opfert er sein Ich, sein Selbst und seine sozialen Bindungen. Für seine amoralischen Handlungsweisen wird er mit Nähe zur Macht belohnt. 5. These: Moderne industriebezogene Organisationsformen: Deviantes Verhalten und abnorme Persönlichkeitsprofile. Obwohl die Grundlagen für eine inhaltliche – sozusagen vertikale – Trennung des Arbeitsprozesses nicht mehr gegeben sind (postindustrielle Strukturen, wie Automatisierung, Vernetzung, Partizipation), werden die Machtprofile und ihre amoralischen Grundlagen beibehalten. Beispiel Agentur: Der Arbeitsprozeß als Drogenproblem. Kundenakquise auf Koks, Personalführung auf Speed, Kreativsitzung auf LSD und Verbrüderung im Suff an der Hotelbar, Selbstbestätigung als Kontoauszug. Das Ich erstickt hinter den dicht geschlossenen “Poren des Arbeitstages”. Schon Victor Klemperer schrieb in LTI (“Lingua Tertii Imperii”) 1946: “Scherer redet davon, daß in Deutschland geistiger Auf- und Abstieg mit entschiedener Gründlichkeit vor sich gehe und sehr weit hinauf und hinab führe: Maßlosigkeit scheint der Fluch unserer geistigen Entwicklung. Wir fliegen hoch und sinken umso tiefer. Wir gleichen jenem Germanen, der im Würfelspiel all sein Besitztum verloren hat und auf den letzten Wurf seine eigene Freiheit setzt und auch die verliert und sich willig als Sklave verkaufen läßt. So groß – fügt Tacitus, der es erzählt; hinzu – ist selbst in einer schlechten Sache die germanische Hartnäckigkeit; sie selbst nennen es Treue.” 6. These: Multimedia – ein Kanzlerwort für ein Technologietotem Schon lange war der idealistische Glaube an die positive Wirkung von Technologie eine Domäne deutscher Industriekultur. “Es so machen wie der Japaner”, “automatisieren” oder “ins Internet gehen”. Technologie ist eine ethikfreie Zone: Ein Computer steuert mit der gleichen Hingabe eine Cruise Missile ins Ziel, mit der er eine E-Mail von New York nach Hong Kong schickt. Im direkten Dialog mit den Tasten und dem Monitor projiziert der Entscheidungsträger industrieller Denkschule seine Vorstellung von der reinen, dehumanisierten Arbeitswelt, in der er der Herrscher über die Maschinen ist, auf einen Prozeß, der längst nicht mehr seiner Kontrolle unterliegt. Die flächendeckende Vernetzung der industriellen Saurier führt zu einer Verschärfung der Führungs- und Managementverblödung der klassischen deutschen Unternehmen. 7.These: Der Einzelne als Institution im Netz Die ethische Freiheit der “Neuen Medien” offenbart die krankaften Kommunikationsbeziehungen zwischen “Arbeitgebern” und “Arbeitnehmern”. Der – auch im industriellen Produktionsprozeß – präferierte Broadcastingprozeß ‡ la “Ein Sender an viele gleichgeschaltete Empfänger”, der durch die sozialstaatliche Bewußtheit des dadurch entstehenden sozialen Konflikts mit Tarifparteien etc. im Lot gehalten wurde, bricht durch die Demkoratisierung der Kommunikationsbeziehungen auf. Jeder kann gleichermaßen Sender und Empfänger sein, die Kontrolle und Regulation dieser Beziehungen ist ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Selbst wenn Bill Gates eines Tages das Internet besitzt. Mit etwas Fleiß und Phantasie könnte man diese Thesen als Programm einer “Arthur Bromberg Stiftung” auf etlichen deutschen Servern zugänglich machen, dafür Kleinanzeigen in diversen Zeitungen schalten und vielleicht sogar Spenden akquirieren, meine Vorstellungen medial und professionell an eine ganze Reihe von Personen vermitteln und sie zu praktischem Handeln motivieren. Auch das ist heute Arbeit, Wertschöpfung und Unternehmung. Ich kann meine eigene Institution werden, neben den dicken alten Sauriern der Industrie. Und gerade weil ich es bin, der sozusagen von der anderen Seite des Monitors anklopft, und nicht das kranke Huhn aus der Legebatterie Industrie, sind mein Erfolgschancen höher. Der Einzelne als Institution in der Organisationsform Unternehmung, individuelle Kompetenzen als Unternehmensbereiche: Das Modell der Guerilla ist das Konzept moderner Unternehmungen. Selbstorganisation, das bedeutet Selbstvertrauen, Selbstverantwortung und Vertrauenskultur. Je stärker die individuelle Ausprägung der Unternehmung, umso fester ihre Struktur. 8. These: Schlachtet die Saurier Der Staat ist blank, die Industrie ratlos, die Banken reich. So ist das nun mal. Also, gehen sie nicht über Los. Werfen sie alle Begriffe über Bord. Wie wir wissen, ist Sprache ein Virus. No more Standorte, “Wir müssen jetzt langsam mal zu Strukturen kommen”, Personal- und Organisationsentwicklung durch das Management, Chefetagen und das “Du, ich brauch’ dringend die Zahlen von Dir, ich muß das morgen entscheiden”. Im rasenden Datenstrom der “Informationsgesellschaft” wird die Kommandostruktur der deutschen Industrie obsolet. Wichtiger ist die exakte Ausformulierung von Visionen, deren begriffliche Instrumentalisierung in kleinen Gruppen und ein langfristig angelegter Plan zur Umsetzung. Warum sonst heißt ein Router heute CISCO und ein Browser Netscape und nicht wirklich Explorer? Die Betriebswirtschaft kann keiner abschaffen – aber die dumm-teutonische Knute militaristischer Wirtschaftsbetrachtung. Sowas fängt im eigenen Kopf an. 9. These Arbeit ist: Praktisches Handeln in temporären Netzwerken, im vollen Bewußtsein und mit allen Emotionen. Arbeit ist Liebe, Haß, Kreativität, Melancholie, Hilfe, Aggression, Verständnis, Mitgefühl und Glück. Schon immer – nur eben nicht aus der Sicht des Offiziers vor der im Schlamm kriechenden Soldatenrotte. Das “Netz”, was das auch immer sein mag, ist kein gottgewolltes Geschenk der Advanced Research Project Agency, es ist ein anarchistisch strukturierter sozialer Raum, ein Spiegel dessen, was man im praktischen Handeln und auf der Grundlage von mentalen Konstrukten hineinprojiziert. Das “Netz” ist eine Art Elektroschock, der die Bandbreite menschlicher Emotionen reanimiert. Und eben auch Angst, Psychosen, Allmachtsanwandlungen, Nekrophilie und der ganze andere Mist, den die industrielle Arbeitsteilung in knapp 150 Jahren hervorgebracht hat. 10. These Arbeit, Politik und Macht Die Macht der Industriegesellschaft gründete sich auf der Atomspaltung des Arbeitsprozesses, der das Individuum in Arbeitstier und proletarischen Blumenzüchter dividierte. Die Reintegration des praktischen Handelns als ganzheitlicher Prozeß ist eine ganz private und individuelle Erfahrung irgendwo da draußen “im Netz” und damit gleichsam eine Art Kernfusion bzw. Wasserstoffbombe für die Machtverhältnisse des politischen Systems. Der potentielle Nichtwähler ist der erste, vom politischen Devotionalienhandel befreite, reintegrierte Mensch. Eine andere Form der Zusammengehörigkeit von Individuen muß erst noch ausgehandelt werden.

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Elektronische Lebensaspekte.