Diese DVD ist ein Fest für Clip-Fetischisten. Der Star auf Warp-Vison ist eindeutig Chris Cunningham. Aber das Label auf Sheffield lässt sich ja auch nicht auf Aphex Twin-Videos reduzieren. So drehte Jarvis Cocker von Pulp die ersten Videos. Ein gute Anlass um mit Label-Chef Steve Beckett über seine Visonäre zu sprechen.
Text: Multipara aus De:Bug 86

Fratzen, Bleeps und Elektronika

Ohne Warp sähe die Geschichte der Popmusik anders aus. Nicht nur weil das Label so stilprägend war, dass Generationen von Elektronikmusikern bis heute immerzu Vergleiche mit Warps Flaggschiffen wie Aphex Twin oder Autechre aushalten müssen. Warp waren überhaupt die ersten, die aus der Techno- und Ravetradition kamen und ihren Künstlern Gesichter gaben, und sie vom anonymen Wegwerfprodukt zu einem klassischen Popformat mit Doppelalben führten – auch mittels eines herausragenden Looks, für den DesignersRepublic verantwortlich waren. Gegründet 1989 in einem Plattenladen in Sheffield, landeten Warp gleich mit der Katalognummer 5 (LFO) auf Platz 12 der UK-Charts – und standen damit von Anfang an im Rampenlicht. So ist es nicht überraschend, dass die Auswahl von 32 Videos auf “Warp Vision (The Videos 1989-2004)” bis in die Zeit reicht, als Warp eigentlich noch ein DJ-Label war. Wie kommt man dazu, schon 1990 Videos für Technoacts zu machen? Die Antworten von Warp-Chef Steve Beckett sind verblüffend einfach.

Debug:
Die ersten Videos hat ja Jarvis Cocker von Pulp gedreht. Ich wusste gar nicht, dass der Filme macht.
Steve Beckett:
Exactly!

Debug:
Wie kam denn das? Das war ja ganz andere Musik als eure.
SB:
Wir waren alle befreundet und gingen zusammen aus, Pulp gingen ja auch raven. Wir brachten sogar drei Platten von ihm raus, bevor er zu einem Major ging, wir hatten ein Sublabel damals namens Gift. Auf Warp erschien ja nur Techno, das hätte nicht gepasst. Jedenfalls wussten wir, dass er Filme machte, er war auf der Filmschule in London und mochte unsere Musik sehr, also haben wir ihn gefragt, ob er für uns ein Video machen würde. Wir kannten sonst niemanden, der wusste, wie das geht.

Debug:
Das LFO-Video hat aber jemand anders gemacht, aber hier steht nicht, wer.
SB:
Das ist immer noch ein Rätsel! Wir wissen nur, dass es zwei Studenten aus Leeds waren. Das ist so lange her … wir hatten überhaupt keine Ahnung, es war völlig anonym. Wenn die sich melden, können wir sie crediten.

Debug:
Schicken euch oft Leute Videos?
SB:
Oh ja. Manche machen sogar Coverversionen, wir hatten zwei Holländer, die eine Coverversion vom Windowlicker-Video machten, eine komplette Verarschung mit zwei ganz schrägen Typen, die Bier trinken und ziemlich heftig aussehenden Mädchen und ganz schlechten Autos, sehr lustig!

Debug:
Videos machen ist aber schon ein Luxus. Funktioniert das als Promo? Chris Cunningham sagte mal in einem Interview, er wisse gar nicht, woher die Leute seine Videos kennen, zum Teil werden sie verboten, Windowlicker wurde in den USA kaum gezeigt …
SB:
Windowlicker kostete in der Tat höllisch viel Geld, hat aber Aphex Twin international sehr bekannt gemacht – eigentlich mehr noch Come to Daddy. Das kann funktionieren, aber in neun von zehn Fällen sieht sie in der Tat kaum jemand. Aber bei so seltsamer Musik wie Aphex Twin oder Squarepusher ist es eine gute Methode, die Musik zugänglich und verständlich zu machen – über Videos, wie Chris Cunningham sie macht, akzeptieren die Leute die Musik.

Debug:
Die Leute tanzen im Club sogar zu so etwas abstraktem wie Autechres Gantz Graf, weil sie das Stück im Ohr haben über Alex Rutterfords Video, das strukturell ganz eng an die Musik anlehnt …
SB: Ja. Er saß neun Monate dran … hat ihn fast umgebracht.

Debug:
Wie findet man denn Leute wie Rutterford, oder Cunningham?
SB:
Autechre kannten Chris, sie nahmen zusammen Acid oder so und sprachen über Visuals – das war bevor er überhaupt ein Video gemacht hatte – und merkten, dass er wusste, was er wollte. Und er hatte schon modelliert und Cartoons gemacht … jedenfalls machten sie dann das erste Video für den Track “Second Bad Vilbel”. Dann wollte er unbedingt was für Aphex Twin und dann Squarepusher machen, weil er die Musik so mochte. Und Alex Rutterford ist ein guter Freund von ihm … Aber wir machen auch Wettbewerbe über unsere Webseite. Wir hatten einen mit Creative Review, einem englischen Design- und Werbemagazin, die Gewinner kamen mit ihren Videos auf die DVD vorne auf dem Magazin. Wir probieren verschiedene Sachen aus, neue Leute zu finden, wir beauftragen auch Leute, nach Regisseuren zu suchen.

Debug:
Angesichts dessen, dass DesignersRepublic euer Artwork so geprägt haben, fällt auf, dass von ihnen kein Video dabei ist.
SB:
Die machen nicht so viele Videos …

Debug:
Das für Funkstörung fand ich hübsch … aber sowas wolltet ihr nicht.
SB:
Mich haben ihre Videos nicht so begeistert, deshalb haben wir sie nie gefragt.

Debug: Also kein durchgehender Look bei den Videos?
SB: Wenn’s nach mir ginge, würde Chris Cunningham jedes Video machen, die haben einen sehr starken visuellen Stil! Aber er hat mit seinem Leben Besseres zu tun als die ganze Zeit Videos für mich zu drehen …

Debug:
Was sagt er denn zu Daniel Levi’s Video zu LFOs Freak? Das lehnt sich ja sehr an seinen Stil an.
SB:
Darüber ist er sehr glücklich! (Lacht.)

Debug:
In seinem Director’s Cut hat Levi ja die an Aphex Twin erinnernde Fratzenklonung wieder rausgenommen. Trotzdem, es spielen immer wieder durchdrehende Kinder – junge Mädchen – eine Hauptrolle. Was hat es damit auf sich?
SB:
Stimmt – Ich schau mir grade ein Treatment an, das jemand geschickt hat für ein Beans Video, ganz futuristisch, und wieder voller Mädchen. Ich weiß auch nicht, was da los ist!

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Elektronische Lebensaspekte.